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KulturSchweigen

Artikel vom 03.02.2010

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Basel - Kultur

Fasnacht im Tinguely-Museum

Am Dienstag, 2. Hornig 2010, war Vernissage einer «Laternen-Ausstellung der besonderen Art», an der «tout Bâle» dabei war - unsere Reportage auf Youtube

Von Jürg-Peter Lienhard



Das Ausstellungsthema lautet «Die Kunst»; die Kunst an der Fasnacht: Die Ausstellung ist jedenfalls sauschön gelungen! Foto: J.-P. Lienhard, Basel © 2010


Das Museum Jean Tinguely hat eingeladen - und es kamen alle, die mit Basel und der Basler Fasnacht auf Du sind - vor allem Künstler und Grafiker. Denn die Ausstellung aus Anlass des 100-Jahr-Jubiläums des Fasnachts-Comités verspricht künstlerische Fasnachts-Leckerbissen aus zwei Jahrhunderten: Die älteste Laterne stammt aus dem Jahr 1914; die jüngste von 2008.




Hier ist «Jeannot» gleich selbst Sujet (links) und rechts davon die von Jean Willi gemalte. Foto: J.-P. Lienhard, Basel © 2010

Da Fasnacht ebenso flüchtig ist wie Theater oder Musik - sie ist ja sowieso beides -, hat der Kurator des Museums Jean Tinguely, Andres Pardey, eben nicht in ein Museums-Magazin steigen können, um dort systematisch klassierte Werke hervorzuholen. Nein, er musste in diversen Cliquen-Kellern Nachschau halten, wo Laternen-Teile die Lokalwände schmücken. Meist werden nämlich die Laternen nach der Fasnacht entsorgt, und nur zuweilen überleben solche Kunstwerke vielleicht als Dekoration. Zumal die Dinger ja meist höher als jede Wohnstube oder gar das Beizenlokal sind.

Das ist ziemlich schade, wie man nun selber in der Ausstellung des Tinguely-Museums feststellen kann. Andres Pardey jedenfalls hat daher nicht die besten, die schönsten oder gar die wertvollsten auftreiben können. Aber wenn man die Ausstellung besucht, sieht man gleichwohl die besten, die schönsten und gar die wertvollsten: Es ist ein Querschnitt querbeet durch die Fasnachts-Kunst. Am besten schauen Sie sich unsere Fotoreportage auf Youtube (Direktlink unten) an, und machen Sie sich selber ein Bild - will heissen, gehen Sie hin ins Tinguely-Museum. Erleben Sie, dass bis nach dem zweiten Weltkrieg die meisten Laternenverse auf Hochdeutsch verfasst waren… Aber auch, welch hohe künstlerische Qualität die Laternen jeweils aufweisen!



Maurits Cornelis Eschers perspektivische Unmöglichkeiten waren diesem Laternenmaler Allegorie für das politische Sujet. Foto: J.-P. Lienhard, Basel © 2010


Eine Hommage an die Fasnacht aus Anlass des hundertsten Geburtstags des Fasnachts-Comités

Von Andres Pardey, Kurator Museum Jean-Tinguely




Der Kurator Andres Pardey stammt aus einer Fasnächtler-Familie, die allesamt bekannte und hervorragende Trommler sind. Sein Vortrag über die Fasnachts-Kunst war daher impéquable… Foto: J.-P. Lienhard, Basel © 2010


Die Basler Fasnacht hat ihre heutige Form im Laufe der rund einhundert letzten Jahre gefunden. Pfeifer, Tambouren, Tambourmajor, Vortrab, Vorreiter, Chaise, Guggenmusiken, Wagencliquen. Diese Bestandteile gab es zwar früher schon im 19. Jahrhundert, doch ihre heutige Kombination und die Sujetfasnacht sind Dinge, die sich erst im Laufe des 20. Jahrhunderts herausgebildet haben – in der Zeit also, seit das Fasnachts-Comité existiert und der Fasnacht einen gewissen organisatorischen Rahmen gegeben hat.

Zu dessen 100. Geburtstag organisiert das Museum Tinguely eine als Hommage gedachte Ausstellung, welche «die Kunst» an der Fasnacht zum Thema hat.



Die Vernissagegäste im vollbesetzten Tinguely-Museum: Der Comité-Obmaa (mit Schottenmuster-Kravatte) inmitten Regierungsräten und dem Kader der Hausherren (Roche). Foto: J.-P. Lienhard, Basel © 2010


An der Entwicklung der Fasnacht und vor allem an der grossen Gewichtung alljährlich wechselnder Sujets, mit denen politische, gesellschaftliche oder kulturelle Ereignisse kommentiert wurden, hatten verschiedene Künstler grossen, ja entscheidenden Anteil. Die Umsetzung der – für Aussenstehende oft relativ abstrakt anmutenden – Sujets wurde häufig von bildenden Künstlern und von graphischen Gestaltern besorgt, die Kostüme und Larven entwarfen und damit dem "Zug" ein Gesicht gaben, gemäss den Wünschen und Vorstellungen der Sujetkommissionen.

Das eigentliche Prunkstück eines Zuges und damit auch die Paradedisziplin der Fasnachtskunst war und ist allerdings die Laterne, eine etwa zwei bis drei Meter hohe, mit Leinwand bespannte, mit transparenten Farben bemalte und nachts von innen beleuchtete, getragene oder auf einem Wagen mitgezogene Lampe, die das Sujet bildlich umsetzt. Die «Lampe» ist denn auch das Feld, in dem sich die Fasnachtskunst und ihre Entwicklung am deutlichsten manifestiert.



Selbstverständlich wurde da gebechert, was das Zeug hielt - oft war bis zum Buffet kein Durchkommen… Foto: J.-P. Lienhard, Basel © 2010


Die ersten Laternen dienten Mitte des 19. Jahrhunderts als Beleuchtungskörper, die am Morgenstreich anstelle der ab 1845 verbotenen offenen Fackeln eingesetzt wurden. Von Beginn an wurden diese Laternen (die mit Papier bezogen waren) bemalt oder gezeichnet. Diese Laternen wurden aber ausschliesslich am Morgenstreich mitgetragen, am Fasnachts-Nachmittag fehlen sie in den Darstellungen der Züge.

Erst im Laufe der Sechziger Jahre wurden auch an den Nachmittagen (im Quodlibet-Zug etwa ab 1864) Laternen mitgetragen. Der Maler der Weltkugel-Laterne des Jahres 1866 ist als einer der Ersten auch namentlich bekannt: Es war der Künstler Samuel Baur, Maler und Dekorationsmaler, der bereits seit einigen Jahren engagiert an der Fasnacht und ihrer Gestaltung mittat. In Zeichnungen von Niclaus Strübin und anderen sind Laternen dieser Zeit überliefert.

Ab 1870 erschienen Bilderbogen, die die jeweiligen Laternen des Jahres dokumentierten und damit der Nachwelt erhielten. Die Dokumentation der Fasnacht wurde von Künstlern wie Hieronymus Hess, den bereits erwähnten Strübin und Baur oder dem Lithographen Karl Jauslin besorgt. Namen der Laternenkünstler selbst sind – mit Ausnahme von Samuel Baur – nicht überliefert. Als erste bedeutende Laternenkünstler werden zwischen 1900 und 1905 für die VKB Carl Roschet und für die Lälli Louis Dischler genannt.

Erst nach dem ersten Weltkrieg aber manifestierte sich ein neues, breites Interesse an der Laternenmalkunst. Dies war der Beginn einer Entwicklung, die auch heute noch nicht abgeschlossen ist, und die von so

namhaften Künstlern getragen wurde wie

• Niklaus Stoecklin,
• Alexander Zschokke,
• Charles Hindenlang,
• Burkhard Mangold,
• Otto Plattner,
• Fritz Baumann,
• Paul Wilde,
• Max Haufler,
• Theo Eble

und später von

• Max Sulzbachner,
• Hans Stocker,
• Theo Ballmer,
• Jean Willi,
• Wolf Barth,
• Kurt Pauletto,
• Werner Ritter,
• Hans Weidmann,
• Max Wilke,
• Samuel Buri,
• Elisabeth Thommen,
• Valerie Heussler,
• Britta Grob

und künstlerische Graphiker wie

• Ferdi Afflerbach,
• Paul Rudin,
• Arthur Rudin,
• Ernst Rudin,
• Theo Ballmer,
• Robert Hiltbrand,
• Hanspeter Hort,
• Fredy Prack,
• Christoph Gloor,
• Werner Nänny,
• Hanspeter Sommer,
• Rolf Vogt,
• Werner Kern.

In neuerer Zeit haben sich Künstler wie

• Roland Gazzotti,
• Lorenz Grieder,
• Oliver Mayer,
• Domo Löw,
• Walter Lienert oder
• Pascal Kotmann hervorgetan.


Diese Liste ist natürlich weder gewichtet und schon gar nicht vollständig!




Ab 1921 wurden die Laternen (die alljährlich am Fasnachtsdienstag in einem Schulhaushof, später in der Mustermesse und heute auf dem Münsterplatz aufgestellt wurden) in der National-Zeitung besprochen, die Namen der Maler wurden dabei (entgegen dem herrschenden Anonymitätsbrauch an der Fasnacht) jeweils genannt.

Die Einbindung vieler Künstler in die Fasnachtsvorbereitungen brachte eine baslerische Bildgattung – dr Fasnachtshelge – hervor. Zwischen Kitsch und Sentimentalität oszillierend, entstanden Unmengen von Zeichnungen, Ölbildern und Lithografien zum Thema Fasnacht, deren künstlerischer Wert oft gegen null tendierte, die aber das Bild der Fasnacht gegen aussen (und unter dem Jahr in den Haushalten vieler Fasnächtler) prägten.

Diesen «Post-Produktionen» werden in der Ausstellung im Museum Tinguely die Laternenbilder vorgezogen, die den künstlerischen Esprit der Fasnacht sicher am unmittelbarsten verkörpern.

Die Auswahl von etwa 20 Laternenseiten aus den letzten hundert Jahren zeigt die Kraft, die in diesen ephemeren Bildern steckt, demonstriert die ungeheure Entwicklung, die die Laternenmalerei erlebt hat, und sie ist Ausdruck für den gestalterischen Willen, der den Createuren der Fasnachtszüge eigen ist.

Dass auch diese Ausstellung nur Auswahl, nur Teil eines viel grösseren, umfassenderen Ganzen ist, versteht sich von selbst. «Alles» wird dann zumal im Fasnachtsmuseum präsentiert werden…

Der Einbezug von Künstlern brachte wenige, aber namhafte Künstler dazu, sich künstlerisch mit der Fasnacht auseinanderzusetzen:

Die zwei bedeutendsten Beiträge stammen sicher von

• Jean Tinguely und
• Joseph Beuys.




Beuys entwarf für eine Clique, die seine Feuerstätte aufs Korn nahm, die Kostüme aus Filz - das Material war ebenfalls Bestandteil seiner «Installation». Die Kostüme hingegen haben heute einen enormen Sammlerwert…




Jeannot gehörte den Kuttlebutzer an, die sich fast schon «traditionell» mit dem Comité anlegten…


Beuys schenkte 1979 die Feuerstätte II dem Kunstmuseum Basel. Diese Installation war im Anschluss an die Fasnacht entstanden, bei der die Alti Richtig den Ankauf von Beuys’ The Hearth (Feuerstätte) persiflierte. Der Künstler, durch den Zug und die Umsetzung des Themas offenbar angesprochen, verbrachte nicht nur die Fasnacht in Basel, sondern schuf mit der Fasnachtsclique gemeinsam aus den Requisiten und Kostümen des Zuges seine Feuerstätte II.

Jean Tinguely wiederum, der seit Beginn der siebziger Jahre mit den Kuttlebutzer Fasnacht machte, kreierte einerseits Züge für seine Clique, und andererseits verarbeitete er mehrfach Fasnachtslarven in Skulpturen. L’Avant-Garde, 1988, steht hier als direkte Verarbeitung fasnächtlicher Eindrücke sicher im Zentrum, andere Skulpturen wie das Autoportrait im Centre Pompidou, Paris oder der Fasnachtsbrunnen in Basel dokumentieren sein grosses Interesse an der Fasnacht als Mummenschanz und Totentanz.

Der Blick der Fasnacht auf die Kunst, und der Künstlerinnen und Künstler auf die Fasnacht spiegelt vielleicht auch die Offenheit wieder, mit der die Stadt immer wieder auf neuere künstlerische Entwicklungen reagieren konnte. Gerade der Spott oder die Ironie mag manchen die Annäherung an Neues und Unbekanntes erleichtert haben. Auf dieser Basis sind «Fasnacht & Kunst & Tinguely» alte Bekannte, die in der Ausstellung im Museum Tinguely wieder einmal gewürdigt werden.
Andres Pardey




Comité-Obmaa Felix Rudolf von Rohr freute sich enorm über den riesigen Aufmarsch an der Vernissage. Foto: J.-P. Lienhard, Basel © 2010


Information

«Fasnacht & Kunst & Tinguely» - Ausstellung im Museum Tinguely

vom 3. Februar bis 16. Mai 2010

Paul-Sacher-Anlage 1, Basel. Homepage siehe Direktlink unten, eMail: infos@tinguely.ch

Telefon: +41 (0)61 681 93 20
Telefax: +41 (0)61 681 93 21


Öffnungszeiten

Dienstag bis Sonntag 11 – 19 Uhr
Montag geschlossen


Sonderöffnungszeiten 2010

Dienstag, 23. Februar 2010, Fasnacht, 11 – 17 Uhr
Mittwoch, 24. Februar 2010, Fasnacht, 11 – 17 Uhr
Freitag, 2. April 2010, Karfreitag, geschlossen
Montag, 5. April 2010, Ostermontag, 11 – 17 Uhr
Samstag, 1. Mai 2010, Tag der Arbeit, 11 – 17 Uhr
Donnerstag, 13. Mai 2010, Auffahrt, 11 – 17 Uhr


Eintrittspreise

Erwachsene CHF 15.-
Schüler, Studenten, Lehrlinge, AHV, IV CHF 10.-
Gruppen ab 20 Pers. CHF 10.-
Kinder bis 16 Jahre gratis
Schulklassen inkl. 2 Begleitpersonen haben nach telefonischer Voranmeldung freien Eintritt.

• freier Eintritt mit dem Museumspass!

Anfahrt

• Ab Bahnhof SBB: Tram Nr. 2 bis Wettsteinplatz, dort umsteigen auf Bus Nr. 31 oder 38
• Ab Bad. Bahnhof: Bus Nr. 36
• Autobahnausfahrt Basel Wettstein
• Behindertenparkplätze beim Museumseingang, Grenzacherstrasse. Ganzes Museum rollstuhlgängig (Rollstühle stehen zur Verfügung)


RailAway-Angebot

10% ermässigte Bahnfahrt, Transfer und Eintritt (Direktlink siehe unten)

Bestellen Sie die Fotos in hochauflösendem Format auf CD/DVD oder online. Sie können auch den Text zur Wiederverwertung freischalten lassen: redaktion@webjournal.ch

Von Jürg-Peter Lienhard

Für weitere Informationen klicken Sie hier:

• Hier gehts zur Fotoreportage aus dem Tinguely-Museum

• Das Film-Archiv von webjournal.ch auf Youtube

• Homepage Museum Jean Tinguely

• Zum Railway-Angebot für das Museum Tinguely


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