Artikel vom 27.01.2010

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Editorial

Mit Leserbriefen

Klarstellung

Toleranz heisst nicht «Laisser faire» oder «Augen zu», sondern ist Spielraum mit Grenzen

Von Jürg-Peter Lienhard

Redaktionelle Klarstellung: Die vielen Leserbriefe und die beinahe unübersichtliche Anzahl der Reaktionen auf dem Internet in Zusammenhang mit dem kommentierenden Bericht über Al Jazeera an der Basler Fasnacht zwingen mich zu dieser Klarstellung: Nichts liegt mir ferner, als Gehässigkeiten zu verbreiten. Wir müssen hingegen zur Kenntnis nehmen, dass mit den modernen elektronischen Medien via Internet auch eine neue Qualität der Kommunikation, der weltweiten zumal, Einzug in unseren Alltag hält, aber wir haben noch nicht gelernt, wie damit umzugehen.

Wie das so war bei allen technischen «Errungenschaften», die die westliche Welt hervorgebracht haben: Sie hielten in enormem Tempo Einzug in die Gesellschaft, und wir sind anfänglich bedenkenlos damit umgegangen, bis uns die Umwelt zum Einhalt zwang. Stichwort Klima, Ressourcen-Ausbeutung, Artensterben. Unsere Einsichten und vor allem die Ethik konnten bei diesem rasanten Tempo nicht Schritt halten.

Mit dem Einzug des Internet und der elektronischen Medien, die Informationen in Echtzeit um den Erdball schicken, sind wir wieder an einem Punkt angelangt, wo die Technik schneller als die Erkenntnis über die Folgen und Auswirkungen ist. Und wenn man an den vor wenigen Tagen in Zürich gelandeten neuen Riesen-Airbus denkt, womit künftig zu Schleuderpreisen ganze Völker-Heerscharen auf dem Erdball verschoben werden können - dann ist dies ebenfalls eine Entwicklung, die wir vorerst bedenkenlos annehmen… Weil wir nur auf den Vorteil bedacht sind und daher nicht die Folgen sehen wollen.

Es gibt dafür das ominöse Wort «Globalisierung» - die Welt wird zum Dorf, Hemisphären, die einstmals mit Monate dauernden Schiffsreisen «entdeckt» werden mussten, rücken uns so nahe, wie der Nachbar auf der anderen Strassenseite, der uns aber gleichwohl immer fremd und gleichgültig bleibt.

Wenn nun Al Jazeera einen Beobachter, einen Journalisten, an die Basler Fasnacht schickt, so ist das nicht ein «Korrespondent» wie viele anderen ausländischen Journalisten auch, sondern ein Spion, ein Aufpasser und ein Einmischer. Immerhin begründete er seine Absicht so im Interview mit dem Radio der Deutschen und der Rätoromanischen Schweiz: Dass «Karikaturen» Mohammeds von den Muselmanen als «schwerste Beleidigung» des Propheten angesehen würden. Und wir wissen auch, dass «Beleidigungen» eines imaginären Propheten bei den Muslimen ein noch schlimmeres Vergehen bedeuten, als wenn man deren Mutter oder deren Vater beleidigen würde. Als Folge der gewiss miserablen Mohammed-Karikaturen in einer völlig unbedeutenden lokalen dänischen Zeitung starben bei darauf in islamischen Ländern von verantwortungslosen Provokateuren angezettelten Demonstrationen mindestens ein Dutzend fanatisierte Menschen.

Wenn man bedenkt, dass selbst Schweizer Journalisten aus anderen Regionen, die andere Dialekte als den baslerischen sprechen, von der Basler Fasnacht so gut wie nichts verstehen, weil sie die «Fachsprache Baseldytsch» nicht mit dem baslerischen Mutterwitz eingesogen haben, so muss man auch bedenken, dass erst dann ein Fremdsprachiger in der heimischen Sprache «angekommen» ist, wenn er den Sinn eines in der Fremdsprache komponierten Witzes versteht, dann gnade Allah den armen muslimischen Analphabeten in der südlichen Halbkugel!

Denn es ist durchaus möglich, dass auf Laternen des Morgenstreichs Minarette oder bärtige Muslime abgebildet sind, aber vielleicht gar, um die Befürworter des Minarettverbotes in der Schweiz zu necken und zu kritisieren. Wenn Analphabeten schon nicht lesen können, dann genügt auch eine Foto, ein Filmbericht, sogar mit Legende und Text einer komplett anderen Aussage, als sie das Bild vermuten lässt, dass fanatisierte Muslime Amok laufen.

Es ist wahrlich eine verantwortungsvolle Aufgabe - eine selbstgestellte - die der Korrespondent von Al Jazeera da in Angriff nehmen will. Denn er versteht das Schweizerdeutsch nur sehr schlecht und das Baseldeutsch schon gar nicht. Ergo auch keinen Witz und keine Ironie. Witz und Ironie sind jedenfalls eine intellektuelle Leistung, also eine Errungenschaft, die sich - übrigens nur im nördlichen Abendland - in unterlegenen politischen, religiösen und kulturellen Auseinandersetzungen entwickelt und geschärft hat - und nur zu oft auch von Einheimischen nicht oder falsch verstanden wird. (Im «Süden» ist die Mentalität «fröhlich» verbreiteter anstatt «ironisch».)

Wir müssen uns anstrengen, die neue Kommunikation, die sowieso die grosse Gefahr der Banalisierung in sich trägt, gerade darum als grösste Herausforderung unseres Daseins zu erkennen. Zumindest in ebensolchem Ausmass, wie die Klima- und Umweltfrage. Das dürfte schwierig werden, weil dazu sehr viel Imagination erforderlich ist. Anders als bei Klimafragen, wo Zahlen und das Wetter ihre deutliche Sprache sprechen.

Die Bilderflut, die Informationsflut, die Kommunikation in Echtzeit um den Erdball, verbunden mit der schrankenlose Mobilität, sind soeben dabei, die Menschheit in kürzerer Zeit nachhaltiger zu verändern, als alle technischen und zivilisatorischen Errungenschaften es zuvor geschafft haben. Es gibt kein Zurück!

Die Beschleunigung und Vereinfachung der Kommunikation sowie die damit naturgemäss verbundene Banalisierung der Inhalte wird es mit sich bringen, dass es zu einer «Gleichschaltung» der Menschheit auf dem ganzen Erdball kommt - wie in einem Fussballstadion, wo das Interesse der Masse allein einem einzigen Gegenstand gilt…

Wir müssen mit einer Muslimisierung des Abendlandes rechnen. Einerseits ist sie schon da, und andererseits wird sie durch die Mobilität und Kommunikation gefördert, nebst dem, dass sich die hier ansässige muslimische Population potenziert. Wir können das Rad nicht mehr zurückdrehen.

Was wir hingegen tun können, und das müsste eigentlich unser Selbsterhaltungstrieb von alleine diktieren, ist: Diese neue Gesellschaft zu organisieren und im Sinne unserer kulturellen Errungenschaften aus der französischen Revolution und der Menschenrechte zu gestalten.

Das Christentum hat auch ohne Muslime verloren, steht auf morschem moralischem Terrain: Die Aufklärung hat die Macht der Kirche gebrochen; die Bildung und die daraus entstandene Skepsis haben den kirchlichen Autoritäten den Rest gegeben. Allerdings auch zum Preis, dass die christliche Botschaft entwertet wurde. Und allerdings ist auch zu sagen, dass sie im katholischen Umfeld ja gar nie thematisiert wurde - ausser in «Götzenbildern» an den Kirchenwänden, weil den Katholiken das Lesen der enorme gesellschaftliche Sprengkraft enthaltenen Bibel verboten war.

Da haben auch die modernen Literaten und Philosophen nichts ausrichten können, weil sie nicht im Geringsten gegen die Autorität der Kirche und der jahrtausendealten Bibel ankamen - obzwar sie mit zeitgenössischer Sprache dieselben Themen, ja dieselben Gedanken aufgriffen und behandelten: «Es gibt nichts Neues unter der Sonne», erkannte der Prophet Salomons, Kohelet, schon vor dreitausend Jahren. Allerdings hatte die Menschheit damals schon eine Hochkultur hervorgebracht, und Kohelet bezog sich auf die intellektuellen Leistungen der Philosophen tausend Jahre vor seiner Zeit… Erst recht wirken daher seine Aussagen heute visionär, prophetisch…

Wir müssen uns auf die globalisierte Welt, auf die enorme Herausforderung von Mobilität und Kommunikation rasch und mit offenen Augen einstellen. Immer stets im Bewusstsein, dass die Ethik der Technik immer weiter hinterherhinkt!

Die grosse Gefahr besteht nämlich darin, dass aus den angetönten Entwicklungen unkontrollierbare Konflikte entstehen, wohl gewalttätige, uns gewissermassen «stehenden Fusses» erwischen, so wie das plötzliche Auftreten des Internets uns bereits mit dem Zeitungssterben die Entwicklung vorspielt: Dass wir zum Handeln gezwungen werden, bevor wir genau wissen, was eigentlich die Ursache ist.

Es ist darum vonnöten, das Zusammenleben mit fremden Ethnien, die oft gar längst nicht mehr «fremd» sind, so zu regeln, dass wir eine gesellschaftliche Plattform kreieren, die das ermöglicht. Ohne Verbote und Vorschriften geht das leider nicht. Wir müssen Regeln erstellen, die von allen respektiert werden, ohne dass sie in der Selbstverständlichkeit ihrer Herkunft und Religion diskriminiert sind, aber genau so viel abgeben, dass sie auch gegenüber anderen tolerant sein müssen.

Das ist es: Toleranz. Toleranz jedoch meint nicht «Laissez-faire», «Augen zu». Toleranz ist - lediglich - ein Spielraum mit Grenzen, die wir eben genau formulieren und durchsetzen müssen. Toleranz ist ferner eine Aufforderung auf Gegenseitigkeit. Wenn wir ein Burkha-Verbot einführen, dann ist dies eine klare Grenzziehung zwischen unserer Auffassung von Menschenrecht und Extremismus. Noch haben wir die Macht in unseren Händen, um dieser Forderung Nachdruck zu verschaffen. Wir sollten uns aber bewusst sein, dass Toleranz nur mit dem Hintergrund der Macht möglich ist, der Macht, die die Toleranz garantiert. Das ist es, worauf es ankommen wird.

Wir müssen konsequent neue Regeln aufstellen und sie mit Macht durchsetzen - um keine gewalttätigen Konflikte, Intoleranz und Rassismus aufkommen zu lassen! Wir müssen uns damit intensiv beschäftigen. Und wir kommen wohl nicht um Ausschaffung und um Grenzziehungen gegenüber intoleranten Ansprüchen aus religiösen und weltanschaulichen Anmassungen herum, wenn wir dies selbstbewusst und zu unserem eigenen Schutz unserer eigenen Kultur formulieren. Vielleicht braucht es sogar zweierlei Recht: Wer als Fremder kommt und sich nicht an unsere Gesetze hält, darf auch nicht unsere Rechte ausreizen! Das wäre der Spielraum, wo die Toleranz an die Grenzen stösst!

Jürg-Peter Lienhard, Editor webjournal.ch


Leserbriefe

von M. Odermatt, Zug, 28.1.2010:

Zur „Islamschelte“

Es wird vorwiegend oder nur der Islam “diskriminiert”, weil er als einziger inakzeptable und intolerante mittelalterliche Thesen vertritt. Dies rechtfertigt die Ablehnung trotz Glaubensfreiheit. Unsere Glaubensfreiheit hat Mühe mit dem Konzept, dass andersgläubige zu ermorden seien.. Islamisten kennen das Jenseits nicht besser als andere. Sind aber zu ungebildet um Zweifel gelten zu lassen....das ist der Unterschied zwischen Glauben und glauben.


Zur Toleranz

Die Hauptcharakteristik der Toleranz ist die Grenze. Sonst würde sie Akzeptanz heissen. Toleranz bezieht sich auf den kleinen Teil von nicht Akzeptiertem, über den man hinwegsieht, solange er bedeutungslos bleibt. Eine gesittete Mehrheit nimmt Rücksicht auf die Minderheit(en), wird aber nie erlauben, dass nicht Akzeptiertes (eben nur Toleriertes) die Oberhand gewinnt. Darf sie auch nicht. Die Mehrheit wird sich die Eigenschaft(en) der Minderheit dann zu eigen machen, wenn diese Vorteile bringen. Sonst besteht keine Veranlassung dazu. Das gleiche sollte umgekehrt auch gelten, dann integriert sich die Minderheit und gehört fortan zur Mehrheit.


Zum Riesen-Airbus (der nur „pro Kopf“ ökologisch scheint, absolut gesehen aber die Einsparungen durch (unerwünschten!) Mehrverkehr mehr als zunichte machen wird)

Technische Entwicklungen gehen den Weg des geringsten Widerstandes. Niemand fragt, ob die generelle Verbreitung eines neuen Produkts sinnvoll sei oder eher nicht. Einer macht die Kohle jetzt, andere bezahlen später. Die ökonomische Formel lautet: Profit = Sinnvoll! Da kann zu langes Nachdenken nur schaden... Unser Leben wird übermässig von technischen (Zufalls)Erfindungen bestimmt und nicht von einem sinnvollen Ziel. Z.B. die laufende Multimedia-Orgie. Mangels Lebensinhalten hört man Musik. Nicht-sehen-wollen als Konkurrenzvorsprung!

Von Jürg-Peter Lienhard


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