Artikel vom 19.12.2009

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J.-P. Lienhards Lupe

Dezembersyndrom-Glosse

Wem gehört das Oil?

Die Frage ist ziemlich einfach zu beantworten: Weder Gaddhafi noch den Saudis, sondern niemandem - also allen!

Von Jürg-Peter Lienhard



Nein, nein, das ist nicht Victor Giacobbo, sondern Oberst Muammar al Gaddhafi himself, während eines Interviews mit dem Schweizer TV, worin er sich für seinen Oil-Diebstahl bei der Weltgemeinde entschuldigte. Foto SF DRS


Wem gehört das Oil? Die Antwort auf diese global interessierende Frage ist keine ethische, sondern eine knifflige: Wem gehört die Welt, wem der Erdball? Haben Sie sich diese Frage meines intelligenten Grossneffens auch schon mal gestellt. Oder sind Sie weniger intelligent, als der Siebenjährige? Oder ist mein Orlando Oliver schon mit sieben Jahren ein Eigentumsneurotiker, der alles in seiner Reichweite als Besitz ansieht, noch bevor er sich Immaterielles wie Wissen und Bildung erarbeitet hat? Ich versuche mal die Frage weiterzudenken.

Ja, der Planet Erde gehört niemandem. Wir sind nur geduldet, wir Menschen. Vielleicht haben wir uns gar unrechtmässig eingenistet. Auf jeden Fall sind wir Menschen ungebetene und erst noch ungattige Gäste auf der Welt. Vielleicht ist das Universum ein riesengrosser Riese, und wir sitzen auf einem Atom in seinen Eingeweiden, wo wir wie ein Krebsgeschwür wuchern. Jedes Dezennium potenzieren wir uns sowieso, wie die Reiskörnchen auf dem Schachbrett, bis das ganze Universum schachmatt ist?

Aber zurück zum Oil: Wenn es denn niemandem gehört, respektive allen, warum nehmen wir es dem Gaddhafi und den Saudis nicht einfach weg? Schwuppdiwupp ewägg? Ein paar Bömbchen zielgenau abgeworfen, und die goldenen Armaturen aus dem Harem-Badezimmer mitsamt dem Ferrari-Stall sind unser? Mit Verlaub: so denkt denn Orlando Oliver auch wieder nicht, nicht im Entferntesten. Schliesslich wird er mit Holzspielzeug und Handgestricktem von seiner Grossmutter aufgezogen. Und Vegetarier ist er auch, seit er im Kinderzolli von den freilaufenden Tieren gefüttert wird.

Ich denke, wir müssen weiter zurückgreifen, bis zu meinem Lieblingsthema, meiner Behauptung, dass der Mensch im Kern seines Wesens ein Menschenfresser geblieben ist, auch wenn er immer mehr Rinderfilets mampft - bei MacDonalds eines schon zum Frühstück und sowieso zwei zum Znacht.

Die Menschenfresser besetzten ein gewisses Territorium, und wenn sie Hunger hatten, frassen sie eben über den Gartenzaun den Nachbarn. Nur ist das heute etwas aus der Mode gekommen, vielleicht, weil als Folge der Überalterung der Gesellschaft manchem der Appetit auf ein Human-Kotelett verloren ging.

Es gibt jedoch Leute, die meinen, die rassistisch motivierte Diskriminierung der Kannibalen sei ein perverser Auswuchs der empörend überfressenen Gesellschaft, denn sonst wäre das Problem der Überbevölkerung längst gelöst. Nun ja, so kann man es auch sehen.

Aber zurück zur Frage, wem das Oil gehört. Wenn es schon niemandem gehört, warum kostet denn der Liter Most heute um die 1.60 in Basel, hingegen nur 1.50 in Le Locle, wo ich kürzlich war, und wo ich aufgrund dieser Preisdifferenz vermuten musste, dass auf der dortigen Jurahöhe, 945 m.ü.M., ganz in der Nähe ein Hafen sei, wohl am aufwärtsfliessenden Rhein-Rhône-Kanal?

Da das Oil allen gehört, müsste der Gaddhafi und die Saudis für jeden Liter der Weltgemeinschaft eine Abgabe bezahlen, also eine Gebühr, wie die Strassenvekehrssteuer oder die Autobahnvignette. Und dieses Geld flösse in die Forschung, die die Aufgabe hat, herauszufinden, was man Gescheiteres als CO2 mit dem Benzin und dem Heizöl machen könnte. Oder vielleicht gar nichts, was noch besser wäre.

Denn von einem befreundeten Chemiker habe ich erfahren, dass Oil ein unglaublich wertvoller Rohstoff ist - nicht nur, weil er nicht nachwächst, sondern, weil man damit die unterschiedlichsten Dinge herstellen kann, die man zum Leben gar nicht braucht oder vielleicht gar hasst: das Telefon zum Beispiel oder der Fernseher, oder wie meine Katze den Staubsauger. Plastik-Stühle jedoch, die sind in Basel auf Allmend gottseidank sowieso verboten.

Ohne Oil gäbe es auch keine hartnäckigen Katzenhaare, weil es keine Teppichböden gäbe, auch keine hässlichen Gardinen am Fenster, keine grellbunten Farben an den Wänden und leider auch keine Plastiktüten in den Geschäften, wenn man die Kommissionen-Gugge zuhause gelassen hat. Habe ich nochwas vergessen? Ach ja, das eklige Parfüm «Clinic» und die schwarzen Lippenstifte, auch die Haargels und Seife sowie Düngemittel zur Bodenverseuchung. Apropos Bodenverseuchung: Der MacAdam (elsässisch «Maggadamm» ausgesprochen) hilft die schönsten Landschaften versiegeln und lässt die CO2-Verursacher bis in die kostbarsten Naturreservate hineinbrausen - mit oder ohne 4x4.

Wenn das Oil niemandem, also allen gehörte, dann sähe die Welt anders aus. Dann würde wohl jeder Autofetischist sich genau überlegen, ob er nun zu Fuss Zigaretten um die Ecke holen geht, oder ob er nicht lieber doch mal mit dem 11er-Drämmli die längst vorgehabte Wanderung auf den Blauenkamm in Angriff nehmen sollte. Ihm wäre es zu schade, es würde ihn reuen, sein Oil zum Kemmi oder zum Auspuff in die Atmosphäre blasen zu lassen.

Ich bin als erster dafür, dem Gaddhafi und den Saudis das Oil wegzunehmen und es allen zu verschenken, weil es sowieso allen gehört. Wenn wir ein paar mehr wären, dann könnten wir dem Gaddhafi aber nicht nur das Oil beschlagnahmen, sondern auch unsere Kompatrioten heimbringen. Und mein Olli dürfte sich im Ruhmesschatten seines Onkels sonnen und noch mehr so gescheite Fragen ausdenken und noch schlauere Antworten erhalten. Dann hätten wir Weihnachten!

Von Jürg-Peter Lienhard


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