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KulturSchweigen

Artikel vom 17.12.2009

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Basel - Allgemeines

Auf Spirale folgt Sägezahn

Bau 1, der neue Büroturm von Roche, wird mit 175 Meter der höchste der Schweiz, bietet 1800 Arbeitsplätze und ist architektonisch ein überzeugendes Projekt, wie die Pressekonferenz vom Donnerstag, 17. Dezember 2009, zeigte

Von Jürg-Peter Lienhard



Roche darf mit gutem Grund auf positive Aufnahme des Hochhausprojektes rechnen, und die Mitarbeiter dürfen sich auf die luxuriösesten, einzigartigsten und visionärsten Hochhaus-Arbeitsplätze freuen: Blick von der Dalben-Rheinpromenade Richtung Roche Solitude. Foto Herzog & De Meuron, Basel © 2009


Gleich vorweg: Das geplante neue Hauptgebäude von Roche überzeugt im Konzept und von der Ästhetik. Ein Glück, dass die zuerst evaluierte «Spirale» nicht zur Ausführung kommt: Das definitive Projekt von Herzog & De Meuron, das von weitem einem schneeweissen Sägezahn oder einer Bergsilhouette gleicht, wird für die über 1800 Mitarbeiter höchst angenehme Arbeitsplätze bieten, denn die architektonischen Überlegungen gehen in erster Linie vom Menschen aus, wie es kaum ein derartiges Business-Gebäude auf der Welt tut. Und: Das 550 Millionen Franken teure Projekt ist ein Beweis für die Standorttreue des Basler Konzerns.

Die Vorgaben und Bedürfnisse des Konzern waren die Gründe dafür, dass die Roche-Konzernleitung das Vorgängerprojekt von Herzog & De Meuron in Spiralform nicht weiterverfolgen wollte. Nicht etwa, weil man Mitleid mit den Fensterputzern und den Putzfrauen hatte, sondern weil die eigenwillige Formstudie wider alle baumeisterliche Tradition keinen Platz für ein Auditorium bot und auch sonst Unwägbarkeiten aufwies. Roche wollte allerdings keinen Architekturwettbewerb oder gar das Architektenbüro wechseln, weil schon mit den «historischen» Industriegebäuden der 30-er Jahre des Architekten Otto Salvisberg stets die architektonische Form von einer Hand stammte. Pierre de Meuron legte Wert darauf, dass weder die Höhe noch architektonische Originalität, sondern die funktionalen Anforderungen im Innern massgeblich gewesen seien.

Das neue Projekt ist immer noch ein Turm, aber es nimmt den Charakter der Salvisberg-Architektur auf, wirkt bescheidener als die abgelehnte Spirale und hat durch seine vornehmlich weisse Farbe eine Wirkung von diskreter Vornehmheit. Ausserdem ist er durch seine Minergiebauweise sparsam im Betrieb. Durch den Standort gewissermassen im Zentrum des Industriequartiers (an der Grenzacherstrasse neben dem bestehenden grünen Verwaltungshochhaus), sind die benachbarten Wohnquartiere nicht tangiert, und auch der Schattenwurf betrifft weitgehend das Industriegelände. Die beschränkten Landreserven, der Rhein und die angrenzenden Wohnquartiere, zwingen das Unternehmen zu «verdichtetem» Bauen, zumal zum Bauen in die Höhe.

Bislang hatte Roche über die ganze Stadt verteilte Büroräumlichkeiten zugemietet, weil am Firmensitz im Kleinbasel kein Platz dafür war. Über 1800 Mitarbeiter in diesen externen Büros (österreichisch sagt man «ausserhäusig»), sollen im neuen Turm am selben Ort ihren Arbeitsplatz erhalten. Damit entgehen den Hausbesitzern in der Stadt beträchtliche Mietzinseinnahmen, über deren Summe aber Severin Schwan keine Auskunft geben wollte. Die «gesparten» Mietzinse sollen jedenfalls wacker mithelfen, die rund 550 Millionen Franken teuren Investitionen in den nach Firmentradition mit «Bau 1» geheissenen Neubau zu amortisieren.



Blick vom Messeturm Richtung Blauene. Foto Herzog & De Meuron, Basel © 2009


Höchst interessant waren die Ausführungen von Pierre De Meuron, wie sein Büro die Überlegungen zum neuen Projekt anstellte. Konzernchef Severin Schwan jedenfalls gab unumwunden von sich, dass er «persönlich höchst begeistert» vom neuen Resultat sei, das eine «harmonische Architektur für die Stadt und Roche» biete, aber vor allem «hochattraktive Arbeitsplätze».

De Meuron schilderte, dass die meisten Wolkenkratzer der Welt über ihren Sockeln Etage um Etage in gleicher Höhe und mit gleichem Grundriss sowie dem Strang mit Liften, Fluchtweg-Treppenhaus und Energiekanälen haben. Gewöhnlich ist es nicht möglich, Fenster zu öffnen, um frische Luft einzulassen.

Bau 1 jedoch bietet, gleichsam «Terrassensiedlungen», aufeinandergeschichtete Etagen, aber mit unterschiedlichen Stockwerkhöhen, die dadurch zustandekommen, dass über die ganze Höhe des Turmes sogenannte Kommunikationszellen verteilt sind. Diese sind gewissermassen Gebäude im Gebäude, zwei bis drei Stockwerk hohe Rauminseln, die untereinander mit der typischen Salvisbergschen Wendeltreppe verbunden sind. Die Stockwerke im Stockwerk sind wie Galerien übereinander angebracht, und im «untersten» Stock können die Mitarbeiter auf Terrassen an die frische Luft treten. Durch die Aussenterrassen brauchen die Angestellten sich nicht wie in den meisten Wolkenkratzern wie in Glaskäfigen zu fühlen. Das Gebäude enthält ausserdem ein Auditorium mit 500 Plätzen und mehrere Cafeterias. Zuoberst auf dem Turm hockt nicht der Boss, sondern dort lädt die höchste Cafeteria der Stadt zur Erholung und Blick auf das Dreiländereck - allerdings ist diese Beiz der Öffentlichkeit nicht zugänglich.



So macht Arbeiten Freude: Mehrstöckige Kommunikationszellen mit Zugang zu Aussenterrassen statt gleichförmige Stockwerke… Foto Herzog & De Meuron, Basel © 2009


Nach der Rückweisung des Spiralturmes ist das neue Projekt in 18 Vorentwürfen Schritt um Schritt entwickelt worden, bis sich das jetzige als überzeugendste Variante ergab, zumal es alle Anforderungen optimal erfüllt. Von den 8000 Mitarbeitern von Roche in Basel arbeiten 1850 über die ganze Stadt verteilt in zugemieteten Liegenschaften. Die Rückführung ins Mutterhauses bietet folglich viele Vorteile, angefangen von der Zusammenführung der «versprengten» Mitarbeiter bis zur direkteren Kommunikation. Die «abgetreppte Form» (De Meuron) ist zum Bau 52, dem Glas-Hochhaus, also Richtung Wettsteinplatz zugewandt, respektive nimmt den Bau 52 durch seine direkte Nähe architektonisch und optisch auf.

Aber das Wichtigste für die Stadt und die Roche-Mitarbeiter ist, dass mit dem über eine halbe Milliarde teuren Turm Roche sein Bekenntnis zu Basel nicht nur verbal, sondern eben auch konkret unter Beweis stellt. So hat Roche erst in jüngster Vergangenheit 1500 neue Arbeitspätze geschaffen. Mit der kürzlichen Übernahme von Genentec hat Roche in Basel - entgegen den Erwartungen - wieder 300 neue Arbeitsplätze schaffen können.

Regierungsrat Hans-Peter Wessels, dem man seinem Strahlen entnehmen konnte, dass ihm das neuen Projekt nicht nur gefällt, sondern es auch als «neues Wahrzeichen der Stadt» durchaus begrüsst, hat noch einige «sportlich getimte» Strecken vor sich: Der ebenfalls anwesende Präsident der Bau- und Raumplanungskommission der Stadt, Andreas Albrecht, schüttelte etwas gar pessimistisch den Kopf, als Regierungsrat Wessels den Zeitplan zumindest der politischen Hürden und Beratungen bis zur Baubewilligung erläuterte. Gemäss Wessels dürfte schon Anfang 2011 die Baubewilligung vorliegen.

Matthias Baltisberger, der Betriebsleiter von Roche Basel, zuckte jedenfalls bei dieser Aussage mit keiner Wimper. Er schilderte hingegen, dass der Bau dieses dannzumal höchsten Gebäudes der Schweiz grösste Anforderungen an die Logistik stelle, zumal er inmitten bestehender Bauten und in unmittelbarer Nachbarschaft von Forschungsstätten mit hochempfindlichen Geräten zu stehen kommt.

Baltisberger verwies auf das nicht weniger wichtige Mobilitätskonzept, das mit dem Bebauungsplan und dem geplanten Bau 1 ausgearbeitet wurde und eben die erhöhten Mitarbeiterströme zum Mutterhaus berücksichtigen muss. In einer Mitarbeiterumfrage, bei der eine hohe Rücklaufquote zu verzeichnen war, haben 50 Prozent der 9000 Mitarbeiter aus dem Fricktal und in Basel bekräftigt, auf den öffentlichen Verkehr umzusteigen - sofern die entsprechenden Angebote mit der Nachfrage Schritt halten.

Allerdings ist erst Anfang dieser Woche bekannt geworden, dass die neue rechtsbürgerliche Regierung, die derzeit im Oberelsass am Ruder ist, dem Regionalzug Mulhouse-Frick einen dicken chauvinistischen Knüppel zwischen die Räder geworfen hat…

Eine weitere Bemerkung Wessels betraf das Thema Verkehrsberuhigung, doch mehr als eine Absichtsbeteuerung, war ihm nicht zu entlocken. Ein ähnlicher Auftritt wie Vasella mit der Hüningerstrasse ist bei Roche puncto Grenzacherstrasse nicht zu erwarten. Einerseits ist diese Strasse, die mitten durch das Industrieareal verläuft, derart historisch gewachsen, dass da weder mit einer Tunnelvariante noch mit einer Fussgängerüberführung - ausser einem breiten Fussgängerstreifen -, vorläufig keine Projektideen reif sind (obwohl immer wieder intern diskutiert), und andererseits pflegt Roche mit den Basler Behörden traditionell eine andere Gesprächskultur als die Konkurrenz rheinabwärts…



Pierre De Meuron (links) erläutert die Idee hinter dem Projekt. Konzernchef Severin Schwan (hinten) hört aufmerksam zu. Foto Roche Mediacommunications, Basel © 2009


Nach Schluss beteuerte De Meuron vor einem der Kollegen-Mikrofone, dass das neue Gebäude zwar 25 Meter höher, jedoch 55 Millionen billiger sei, sich aber nichtsdestotrotz wegen seiner nach oben verjüngenden Form und der hellen, weissen Farbe besser ins Stadtbild einfügte wie das alte Projekt. Besonders stolz sei er auf die «Elemente der Kommunikation» innerhalb des Gebäudes, die sich wie «Rosinen im Gugelhopf» über das ganze Gebäude verteilten.


PS: Offenbar erinnerte sich De Meuron an meine Kolumne «Gugelhopf-Rosinen» in der Basler Zeitung vor ein paar Jahren…

PPS: Die Basler mit ihrem Fasnachtsauge verschonten den BIZ-Turm mit einem Übernamen und verschweigen ihn damit. Desgleichen haben sie den Namen des Messeturms so belassen. Wer an der Fasnacht erwähnt wird, egal ob negativ - das ist eine Ehre für den Betroffenen. Stillschweigen bedeutet nichts Gutes. Konzernchef Severin Schwan jedenfalls ist gespannt über die zu erwartende «Taufe». Ob der Turm dannzumal «Scala» heissen wird, wie ihm vorschwebt - vermutlich nicht. Sägezahn - na, so sieht er aus, aber vielleicht setzt sich dannzumal etwas weniger Technisches durch. Minarett wahrscheinlich kaum… Auf jeden Fall wird er einen Namen bekommen, denn Roche ist bei den Baslern wohlgelitten, wohlgelittener als…

Von Jürg-Peter Lienhard

Für weitere Informationen klicken Sie hier:

• Version en langue française

• Offizielle Angaben des Konzerns Roche im Format PDF


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