Artikel vom 29.11.2009

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Bücher

Nach der Krise ist vor der Krise

Der Publizist Roger de Weck stellte in Basel im überfüllten Saal des Schmiedenhofs der Allgemeinen Bibliotheken (ABG) sein neues Buch vor

Von Redaktion



Der Publizist Roger de Weck (links) im Gespräch mit dem Journalisten Gerd Löhrer. Foto: J.-P. Lienhard, Basel © 2009


Der Titel des gerade mal 112 Seiten starken Büchleins lautet zwar lediglich «Nach der Krise», aber wenn man es liest und sich die Äusserungen von de Weck im Gespräch mit dem ehemaligen Vize-Chefredaktor der «Bilanz», Gerd Löhrer, vergegenwärtigt, dann könnte man sich gut vorstellen, dass die eigentliche «Krise» erst bevorsteht. Interessant waren an diesem Gespräch im Rahmen der GGG-Veranstaltung «Rückblende: Blick aufs vergangene Jahrhundert» auch die Voten des zumeist älteren Publikums, das überaus pointiert mitdiskutierte.

Die Kommunikationsverantwortliche der Allgemeinen Bibliotheken der GGG (ABG), Anne-Lise Hilty, hatte für das Podiums-Gespräch wahrscheinlich absichtlich Gerd Löhrer als Interviewer angefragt: Der Oekonom gilt als «Linker», was er ja ist, wenn man ihn kennt, und er sollte aus «linker» Sicht den «Liberalen» de Weck befragen. Schnell wurde klar, wie untauglich solche «Abstempelungen» sind: Löhrer stellte - vielleicht absichtlich - keine «linken» Fragen, und de Weck, der sich selber als «nichtlinker Liberaler» bezeichnete, gab «linke» Antworten noch und noch…

De Weck verwies darauf, dass nicht allein Finanzhaie, Abzocker und Ultras, sondern vor allem die etablierten Vertreter des «freien Marktes» und der Kapitalwirtschaft auch die leiseste fachliche Kritik bereits als «links» verteufelten - natürlich aus reinem Eigennutz und wider alle Wirtschaftslehren.

Als Liberaler stehe er für Marktwirtschaft ein, aber für eine soziale Marktwirtschaft, also nicht für eine sozialistische. So wie sie Bismarck schon vor über hundert Jahren formuliert habe. Für de Weck ist die Krise folglich nicht eine Krise der Marktwirtschaft, sondern einer Blasenwirtschaft: Es brauche daher grundlegende Reformen. Und damit verbunden, ist er überzeugt, darf man der Wirtschaft durchaus auch ein Nein zumuten, denn das sei unter den gegebenen Umständen sogar ausgesprochen wirtschaftsfreundlich.



Der Saal der Schmiedenzunft war war bis in die hinterste Reihe vollbesetzt. Foto: J.-P. Lienhard, Basel © 2009


Für de Weck sind die bürgerlichen Parteien gefordert, denn «früher oder später wird sich die Spannung entladen», die sich durch die Diskrepanz zwischen ungutem Vorbild und der Realität auftut. Er unterstützt daher die Initiative zur Transparenz der Parteienfinanzierung.

De Weck kam auch auf die wirtschaftliche und daher «staatstragende» Bedeutung der KMUs zu sprechen. Die UBS habe mehr Geld verschwendet, als der Staat, aber die KMUs hätten nie die «Bodenhaftung» verloren. Und leider kämen in den Medien die Berichte über die Aktivitäten und Abschlüsse der KMUs zu kurz, weil in den Medien nur die grossen Buden besprochen würden.

Was hier in der Verknappung als Bonmots wirken könnte, war im Gespräch mit Löhrer jedoch argumentativ differenziert vorgetragen. De Weck ist ein Publizist mit einem breiten ökonomischen aber auch politischem und gesellschaftlichem Wissen. Sein Vortrag vermochte daher den grossen Saal in der Schmiedenzunft bis zum letzten Platz zu füllen. Zwar war der Aufhänger die Vernissage seines Buches «Nach der Krise», woraus er keinen einzigen Satz vorlas. Vielmehr gingen seine Äusserungen weit über das Thema des Büchleins hinaus. Rezepte jedoch, so antwortete er einem Votanten, seien seine Sache nicht: «Ich bin kein Machtstratege.»

Im wesentlichen behandelt sein Büchlein das Versagen des herrschenden Wirtschaftssystems, das in einer Wertekrise gipfelt. Der Gewinn sollte nicht das schnelle Geld sein, sondern ökologische und soziale Ziele sollten ebenso viel gelten. Gemäss dem liberalen Motto: Eigentum verpflichtet.

Das Büchlein analysiert in acht Kapiteln die Verwebung von Macht und Kapital und wie die heutige Marktwirtschaft Menschen ausgrenzt und Ressourcen verschwendet. Darum fordert der Autor neue Regeln, die die Arbeit statt das Kapital aufwerten. Nebst der Auflistung des Ist-zustandes endet jedes Kapitel mit einem Fazit, womit er gewissermassen seine Analyse zusammenfasst.

Das Büchlein liest sich leicht und verständlich, sogar logisch. Nur dürfte es die Krisenverursacher kaum pieksen: Nach der Krise ist vor der Krise…



Grosses Gedränge bei der Signierung: Jeder und jede wollte eine persönliche Widmung des Systemkritikers. Foto: J.-P. Lienhard, Basel © 2009


Information

Roger de Weck: «Nach der Krise - Gibt es einen anderen Kapitalismus?». Nagel & Kimche im Carl Hanser Verlag, München. 112 Seiten.

Von Redaktion


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