Artikel vom 11.10.2009

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Mit redaktionellem Kommentar

Wie die «Stinki» verschwand

Den Abbruch des letzten Überbleibsels der gloriosen textilen Vergangenheit Mülhausens hat der Fotograf Pierre Dolivet minutiös in einem Fotoband im Selbstverlag festgehalten

Von Jürg-Peter Lienhard



Die «Stinki» im Juni 2007, kurz bevor die Beleuchtung der Chemiefabrik für immer und endgültig erlosch. Alle Fotos aus diesem Beitrag stammen aus dem Bildband «I.C.M.D.» von Pierre Dolivet, Mulhouse © 2009


Industrie-Archäologen aufgepasst: Der Mülhauser Fotograf Pierre Dolivet hat wieder publizistisch zugeschlagen. Umweltschützer aufgepasst: Der Fotoband von Pierre Dolivet stellt Fragen… Kritische Menschen aufgepasst: Die Fragen betreffen Kapital und Arbeit, Profit und Verlust.



Wenige Tage später: Die ehedem bedeutende Mülhauser Industrie hat nur noch Schrottwert… Foto Pierre Dolivet, Mulhouse © 2009

In seinem neusten Buch dokumentiert Pierre Dolivet fotografisch und mit wenig Text den Abriss der Mülhauser «Stinki». «Stinki» nannte die Mülhauser Bevölkerung die chemischen Werke I.C.M.D., die Jacques Roessler 1892 mit einem Startkapital des Crédit Foncier gründete, um Textilfarben für die Mülhauser Textilindustrie herzustellen. Der Betrieb erlebte eine wechselvolle Geschichte, geprägt von den Weltkriegen sowie von zahlreichen Handänderungen zwischen Staat und Kapitalgesellschaften, wodurch die Substanz erheblich beeinträchtigt wurde.

In der jüngsten Gegenwart stellte das Unternehmen von Farbchemie auf Pharma um, gehörte zuletzt Sanofi-Aventis (Gruppe Rhodia), die 2006 die Produktion nach Indien auslagerte und bis zum Jahr 2009 sämtliche Gebäude und Anlagen in Mülhausen abreissen liess. Nur wenige neuwertige Maschinen und Anlagen blieben auf dem Kontinent und wurden an Partnerbetriebe verkauft.



Alt und neu und beides schon vergangen: Das älteste Gebäude aus der Gründerzeit von 1892 in für Mülhausen typischer Backstein-Bauweise und dahinter eine jüngere technische Anlage. Foto Pierre Dolivet, Mulhouse © 2009


Innert nur zwei Jahren wurden die chemischen Fabrikationsanlagen auf einem mehr als 10 Hektaren grossen Firmengelände (so gross wie 10 Fussballfelder) entfernt, gewissermassen dem Erdboden gleichgemacht. Apropos Erdboden: Was darin verschwand und versickerte oder immer noch als Altlast den Boden belastet, das können die Fotos von Pierre Dolivet nicht zeigen, auch wenn Rhodia versprach, einen «sauberen Ort» zu hinterlassen. Jede andere Vermutung ist Spekulation. Oder sagen wir: Spekulieren wir, wann die Altlast Probleme geben wird, oder wem. Dass es kaum die verantwortlichen Politiker sein werden, ist zwar auch Spekulation…



Foto Pierre Dolivet, Mulhouse © 2009


Der Abriss der I.C.M.D., den Dolivet akribisch fotografisch mitverfolgte, schliesst ein Kapitel über den Niedergang der Stadt Mülhausen als Industriestadt, die Jahrzehnte lang bedeutender und innovativer als Basel war: Nachdem Mülhausen nach der französischen Revolution als einer der beiden eidgenössisch zugewandten Orte Frankreich einverleibt wurde, stand ihm gewissermassen über Nacht auch das elsässische Hinterland mit seinem Wasserreichtum und den billigen Arbeitskräften uneingeschränkt zur Verfügung.



Foto Pierre Dolivet, Mulhouse © 2009


Eine beispiellose wirtschaftliche Revolution war die Folge: Schon nach dem Wiener Kongress von 1815 wurde der Grundstein für die erste der 120 Textilfabriken gelegt, die bis zum Ersten Weltkrieg mit ihren in gleicher Zahl rauchenden Fabrikschloten das Stadtbild prägten, und als Basel erst gerade in Baracken am Wiesenbord chemische Produkte herzustellen begann. Für Mülhausen notabene…

Der Erste Weltkrieg war die zweite Zäsur in der Geschichte der Mülhauser Textil-Industrie nach dem deutsch-französischen Siebziger-Krieg, den ein Schweizer Artillerie-Offizier aus dem Thurgau, genannt Napoleon III., anzettelte. Die dritte Zäsur war der Zweite Weltkrieg. Danach ging es mit der Mülhauser Industrie stetig bergab, während die Basler Industrie, zumal die chemische, die anfänglich der Mülhauser Textilindustrie zudiente, sich an die Weltspitze hocharbeitete.



Der Angestellte, der hier zuständig war für die Herausgabe von Überkleidern an die Arbeiter, scheint nur kurz in die Znünipause ausgetreten zu sein… Foto Pierre Dolivet, Mulhouse © 2009


Bevor das Textildrama in den sechziger Jahren auch die Schweiz ereilte, schaufelten sich die Mülhauser Textil-Barone ihr Grab selber, indem sie die Produktion nach und nach von Billiglohn- zu Billiglohnland auslagerten und verschoben, bis die Branche auch ihre Zulieferer - Ziegeleien, Eisenbahn- und Maschinenbau, Druck und Druckgraphik, Fabenchemie u.a. - mit in den Abgrund gerissen hatten.



…und auch da könnte man meinen, es sei lediglich Mittagspause - doch auch für dieses Labor ist/war «Pause» für immer! Foto Pierre Dolivet, Mulhouse © 2009


Allein, was die Spezialitätenchemie betraf, wie ebenso die Chemie, die auf das elsässische Kali abstellte, so hatte die I.C.M.D. noch ein paar Jahre mehr Bestand. Für sie galt zunächst: «too big to fail» - zu gross, um kaputtgehen zu lassen -; die Kapitalgeber riefen den Staat und der kam und stützte. Bis die linke von einer liberalen Regierung abgelöst wurde, und die I.C.M.D. für einen Pappenstiel in rechte Hände gelangte. Und die schöpften skrupellos und ohne wesentlich zu investieren - bis auch da das Aus kam, respektive kommen musste.



Foto Pierre Dolivet, Mulhouse © 2009


Das war im Juni 2007. Bis 1988 bot die «Stinki» noch rund 600 Leuten Arbeitsplätze. Danach wurden die Stellen abgebaut, Zug um Zug bis auf unter 100, als Sanofi-Aventis 2006 das Know-how nach Indien verkaufte und die bevorstehende Schliessung bekanntgab.

Tröstlich war allein, dass für den zwei Jahre dauernden «Rückbau» der Stinkbude doch noch ein paar Schweisser und Abrissarbeiter beschäftigt blieben. Nun ist das Gelände dem Erdboden gleich. Es soll künftig als neue Industriezone genutzt werden, wobei es aber momentan dafür keine Anwartschaft gibt. Welche Altlasten es aber birgt, das ist gegenwärtig kein Anlass für eine öffentliche Diskussion…



Foto Pierre Dolivet, Mulhouse © 2009


5000 Tonnen, teils kontaminiertes Material, Schrott grösstenteils, ist wieder in den Kreislauf der Metallbranche zurückgeführt worden. Ob damit Installationen für neue Arbeitsplätze geschaffen werden, ist allerdings eine Frage, die auf einem anderen Blatt zu beantworten ist.

Der vorliegende Fotoband ist eine fotografisch hervorragend gemachte Dokumentation über den rund zwei Jahre dauernden Abbruch einer hochkomplexen Industrieanlage und ist daher als industrie-archäologisches Zeugnis von grossem Wert. Es gibt Einblick in die Anlage, die zuvor der Öffentlichkeit nicht zugänglich war. Allein deswegen ist die Arbeit von Pierre Dolivet ein unschätzbares Dokument über die Industriegeschichte Mülhausens. Es gibt Aufschluss über die gewaltigen Anstrengungen der Industriegründer und deren enormen Investitionen, die zum Ende gewissermassen aufgrund eines einzigen Federstrichs dem Erdboden gleichgemacht wurden…




Foto Pierre Dolivet, Mulhouse © 2009


Information

Pierre Dolivet: «I.C.M.D. Industries Chimiques de Mulhouse-Dornach, Rhodia», Fotoband mit rund 200 Farbtafeln auf 132 Seiten Hochglanzpapier. Mit einem Geleitwort von Marie-Claire Vitoux, Présidente du Conseil Consultatif du Patrimoine Mulhousien. © 2009, Mulhouse. 28.-- €uro

Bezug:

Pierre Dolivet
6, rue de la Largue
F-68200 Mulhouse
eMail : pierre.dolivet@free.fr
Tel.: + 33 3 89 59 89 62

Versand nach Frankreich:
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Postfach 266
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Tel. 021 50 80 177





Pierre Dolivet, der Autor des Bildbandes «I.C.M.D.», den er in der Hand hält. Davor auf dem Stapel seiner früheren Fotobücher, die er zumeist im Selbstverlag herausgab, seine unter grossen Entbehrungen angeschaffte Digitalkamera, eine Nikon D100. Foto: J.-P. Lienhard, Basel © 2009


Von «Selbsternannten» und anderen «Spinnern»

jpl.- Den Lesern von webjournal.ch ist der Mülhauser Fotograf Pierre Dolivet nicht unbekannt. Er sendet der Redaktion von webjournal.ch von Zeit zu Zeit Beiträge aus der Arbeitswelt der Schwesterstadt Basels. Von ihm stammt auch der oben besprochene Fotoband über den Abriss der Mülhauser «Stinki» I.C.M.D.

Pierre Dolivet gehört zu den Menschen, ohne die unsere Gesellschaft ein Auge zu wenig hätte, vom Gewissen gar nicht zu sprechen. Die Dummen nennen solche Menschen «Selbsternannte», weil sie den abschätzigen Begriff nachplappern, ohne sich darüber Rechenschaft zu geben, dass allein Selbsternannte die Menschheit jeweils einen Schritt weitergebracht haben. Denken Sie an Galileo Galilei, denken Sie an Robert Koch, an Louis Pasteur oder an Albert Schweitzer: Niemand, keine Institution, kein Amt, hat sie dazu beauftragt, herauszufinden, dass sich die Erde um die Sonne und nicht umgekehrt dreht, wie Tuberkulose und Cholera bekämpft werden können oder dass der technische «Fortschritt» sich immer schneller vom Verantwortungsvermögen entfernt.

Auch Pierre Dolivet gehört zu diesen zweifellos selbstlosen Menschen, denen etwas in ihrer Umgebung aufgefallen ist, und dem sie nun mit Leidenschaft nachgehen, um Antworten auf ihre Beobachtungen zu finden, die sonst weder von der Politik noch von den Medien beachtet oder sogar unter dem Deckel gehalten werden.

Bitte verstehen Sie recht: Dolivet und Louis Pasteur oder Albert Schweitzer in einem Atemzug zu nennen, heisst nicht, Bedeutung und Umfang der Arbeit auf dasselbe Niveau zu stellen. Es meint hingegen, dass das Motiv für deren Arbeit stets dasselbe ist - nämlich leidenschaftliche Hingabe für die Sache und für die Idee.

Nebst «selbsternannt» beschimpfen «ernannte» Lohnbezüger, Sesselkleber und Aussitzer die unbezahlt Forschenden und Beobachtenden als «Spinner», und dummerweise bezeichnen die solchermassen «Ausgezeichneten» sich mitunter ironisch selbst so, wenn man sie auf ihr erstaunliches Engagement jenseits des Mainstreams anspricht.

Doch dies sollten sie sich selbst nicht antun, werden sie doch damit in die Ecke vogelfreier Künstler gestellt, die eh den lieben langen Tag nichts anderes zu tun haben, als «Kurioses ohne Handelswert» zu produzieren.

Schaut man nämlich die Arbeiten von Dolivet und Co. durch, fällt als erstes eben Arbeit auf, Arbeit und nochmals Arbeit. Nix von «Spinnen» oder gar «kuriosem Zeitvertreib». Diese «Selbsternannten» arbeiten aus Leidenschaft, suchen aus hochmotivierter Leidenschaft und stets mit dem unbeirrbaren Drang, allerbeste Arbeit auch mit einfachsten Werkzeugen zu leisten, weil sie die beste Technik, die den «ernannten» gewöhnlich gratis zur Verfügung steht, nicht aus ihrem eigenen, bescheidenen Sack bezahlen können.

Das andere Auge, das andere Hören und Verstehen, das ist immer nötig als Fixpunkt, um den Fortschritt zu bemessen oder den Irrweg zu erkennen. Und nochwas: das Motiv der Selbsternannten ist stets die Liebe und nicht die Börse. Die Liebe zum Gegenstand der Arbeit, deren Lohn oft «nur» Erkenntnis ist.

Pierre Dolivet hat mehrere Fotobücher zu Themen aus der Arbeitswelt und zur Kultur im Elsass meist im Eigenverlag herausgegeben. Leider sind inzwischen alle vergriffen, zumal er sie aus Kostengründen nur in bescheidener kleiner Auflage herausgab. Zwei Beispiele belegen, dass er nebst dem Auge für die Arbeitswelt auch ein Auge für aussergewöhnliche Aspekte unbekannter Kultur hat: Das Kloster Oelenberg im Sundgau, ein wundervoll fotografierter Bildband und die Schiffahrt auf dem Rhein und auf den elsässischen Kanälen.


Bestellen Sie die Fotos in hochauflösendem Format auf CD/DVD oder online. Sie können auch den Text zur Wiederverwertung freischalten lassen: redaktion@webjournal.ch

Von Jürg-Peter Lienhard


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