Artikel vom 03.10.2009

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Ottokars Cinétips

Ist die Schweiz Filmprovinz?

Der Filmverleih unterschlägt immer mehr gute Filme - Spreu und Weizen in Basels Kinos

Von Ottokar Schnepf



Obwohl mit Stars in überzeugenden Rollen besetzt (Roberto de Niro, Bruce Willis und Sean Penn), kommt «Inside Hollywood» nicht zu uns ins Kino.


Verfolgt man das Wettbewerbsprogramm der alljährlich stattfindenden Filmfestivals, ist das Erstaunen gross - aber längst nicht mehr überraschend - wie viele interessante Filme von Schweizer Filmverleihern nicht wahrgenommen oder ignoriert werden. So müssen Filminteressierte warten, bis die an den Filmfestspielen prämiierten Werke auf DVD erscheinen. Fünf typische Beispiele stehen repräsentativ für eine von Jahr zu Jahr sich steigernde Anzahl von Filmen.

Als der Avantgarde-Filmemacher Kenneth Anger 1984 mit seinem Buch Hollywood Babylon die Exzesse der Stummfilmära aufdeckte, war die Empörung gross. Doch auch heute geht es hinter der Fassade der Traumfabrik nicht immer sauber zu.

Barry Levinson blickt in seiner bitterbösen Satire Inside Hollywood auf die bizarre Welt der Stars, Allüren und Intrigen. Doch trotz Robert De Niro, Bruce Willis und Sean Penn in überzeugenden Rollen, kommt der mit schwarzem Humor eingefärbte, 2009 entstandene Film nicht in unsere Kinos.

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Der Ausflug in die USA war für den französischen Filmregisseur Bertrand Tavernier eine ziemliche Herausforderung: Nach längerem Streit mit seinem amerikanischen Produzenten um den Final Cut wurde sein Film doch noch für die Weltpremiere an den diesjährigen Berliner Filmfestspielen fertig. In the Electric Mist jagt Tommy Lee Jones einen Serienkiller durch den surrealen Süden der USA - und sorgt in seiner faszinierenden Charakterrolle für eine einzigartige Stimmung. Der Film schaffte es nicht bis in unsere Kinos.

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Ein frustrierter Spital-Pfarrer unterzieht sich einem medizinischen Experiment. Dabei verwandelt er sich durch eine missglückte Bluttransfusion in einen blutdurstigen Sektenanführer und verliebt sich in die Frau eines alten Schulkameraden. Der Südkoreaner Chan-wook Park schlägt mit seiner Horror-Lovestory Thirst/Durst ein neues Kapitel im ehrwürdigen Genre des Vampirfilms auf und wurde damit diesjähriger Gewinner des Jury-Preises in Cannes. Für den Film konnte sich kein Schweizer Filmverleiher erwärmen.

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Bereits im Vorfeld der Filmfestspiele in Cannes 2008 erregte Steve McQueens Spielfilmdebüt Hunger Aufsehen, provozierte entrüstete Kommentare. Damit war zu rechnen, schliesslich behandelt der Film die letzten Wochen im Leben des IRA-Kämpfers Bobby Sands, der - zu 14 Jahren Haft verurteilt - im Frühling 1981 an den Folgen seines 66 Tage währenden Hungerstreiks gestorben ist.

McQueens Film wurde im vergangenen Jahr in Cannes mit der Camera d'Or als bestes Debüt ausgezeichnet und hat seither weltweit auf etlichen Festivals für grosses Interesse gesorgt. Hunger ist bis heute in keinem Schweizer Kino gezeigt worden.

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Der 17-jährige Yu erfährt die erste Liebe als einen Konflikt aus religiösem Wahn und erotischer Besessenheit. Der vierstündige Film Ai no mukidashi des japanischen Regisseurs Sion Sono war ein Höhepunkt der diesjährigen Berliner Filmfestspiele; ein schrilles Melodram über ein allbeherrschendes Gefühl, das Glaube, Hoffnung, Liebe als Chaos in Form höherer Ordnung feiert - und dessen vier Stunden nicht zuletzt dank des inspirierten Hauptdarstellers wie im Flug vergehen. Ein weiterer sehenswerter Film, der bei uns nicht ins Kino kommen wird.

Jetzt in Basel im Kino

Werfen wir einen Blick ins Basler Kinoprogramm, stellt man auf Anhieb fest: Unfasslich blöde Komödien über simpel gestrickte Geschlechterrollen haben Vorrang, gefolgt von computergesteuerten Kinderfilmen, wenn immer möglich natürlich in 3-D, dem gern gepriesenen neuesten Retter des Kinos.


The Ugly Truth heisst die US-Komödie, der spätestens nach 60 Minuten die Luft aus dem dünnen Plot ausgeht, und die treffender unter dem (deutschen) Titel Denken mit dem Schwanz angekündigt werden sollte.

Evet, ich will erzählt von deutsch-türkischen Heiratskandidaten, wo unter anderem ein Student aus politisch-korrektem Hause zum Islam konvertiert und deshalb sein Vorhäutchen opfert, damit er endlich seine Özlem kriegt.

Tortuga ist eine gefühlige Doku über die 25-jährige Reise der Meeresschildkröte quer durch den Atlantik. Bombastische Musik sorgt für Theatralik, und damit nicht genug, Monika Schärer begleitet das Ganze in Schwiizerdütsch mit schwulstigen Worten.

In Gangs tragen die bösen Buben lange weisse Mäntel und darin steht ein deutscher Bube im Mittelpunkt, der ein guter Kerl ist und lediglich unter Einfluss seines grossen Bruders zeitweise auf die schiefe Bahn gerät. Ein Banküberfall ist so dilettantisch dargestellt wie der ganze Film. Dagegen war Die Halbstarken von damals ein Meisterwerk.

Wickie und die starken Männer trägt Michael «Bully» Herbigs Handschrift, über deren Klamauk wir schon in Der Schuh des Manitu staunen durften.

Hangover soll eine Teenie-Komödie für Erwachsene sein, weil sich darin unreife Männer wie kleine Kinder benehmen.

Julie & Julia ist ein filmisches Eintopfgericht nach einem Kochbuch, mit einer nervigen Meryl Streep und einer müden Amy Adams.

The Yellow Handkerchief stammt aus dem Hause Arthur Cohns und ist ein schnulziges Remake des bereits 1977 in Japan verfilmten gleichnamigen Stoffes. Taschentücher nicht vergessen; es müssen nicht unbedingt gelbe sein.

Pepperminta hat sich Pippilotti Rist im LSD-Rausch ausgedacht; ein knallbuntes und langweiliger Pippi-Langstrumpf-Plagiat in Seargent- Pepper-Uniformen mit einer Weltverbesserungs-Botschaft.

Coco avant Chanel ist ein altbackener Kostümfilm über die erste Schaffensperiode Coco Chanels, mit unerträglicher Musiksosse und aufgeblasenen Bildern.

Wie das Leben so spielt wird unverständlicherweise unter dem deutschen Titel angeführt, heisst original aber Funny people - und reflektiert die Schwierigkeit, mit Penis-Witzen Geld zu verdienen. Da darf natürlich Adam Sandler nicht fehlen.

Maria, ihm schmeckt's nicht ist eine weitere deutsche Komödie - über eine Hochzeit in Italien und das Aufeinanderprallen von deutscher Verklemmtheit und italienischem dolce far niente.

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Soweit einige nicht gerade aufregende Filme, die zurzeit um das Basler Publikum buhlen, zum Teil sogar mit Erfolg. Denn die Erfahrung beweist, eher schwer haben es die anspruchsvolleren Filme. Und davon gibt es doch einige, die unsere Aufmerksamkeit verdienen:

Coraline ist ein wunderbarer, doppelbödiger Puppentrickfilm, den Eltern nicht mit einem Kinderfilm verwechseln sollten.

Inglourious Basters heisst Tarantinos sadistisches Weltkriegsmärchen über ein gelungenes Hitlerattentat in einem Pariser Kino.

District 9 zeigt Aliens einmal anders; ein höchst origineller Science-Fiction-Film und gleichermassen politische Allegorie.

The Taking of Pelham Tony Scott folgt John Travolta in die Subway-Schächte von New York und findet dort Suspense und Raserei.

Los abrazos rotos ist ein weiteres Meisterwerk des Spaniers Almodòvar; eine Film-im-Film-Story quer durch die Genres und Zeiten.


Demnächst ins Kino kommen voraussichtlich zwei Filme, die wärmstens zu empfehlen sind:




Jara heisst der Securitas-Mann in einem Warenhaus, der sich über den Überwachungsbildschirm in eine Putzfrau verliebt. Heimlich folgt er ihr auf Schritt und Tritt und beobachtet sie aus versteckter Ferne und traut sich nicht, sie anzusprechen. Gigante heisst die uruguaysche Stalker-Komödie von Adrian Biniez; eine famose 84 Minuten kurze Verliebtheitsgeschichte.




Aus Schweden kommt die Film-Adaption von Stieg Larssons erstem Teil seiner Roman-Trilogie über die Helden Lisberth Salander und Mikael Blomkvist: Verblendung. Der Film hat erfrischend viel Ballast des Romans abgeworfen und ist mit Noomi Rapace als Lisbeth Salander perfekt besetzt.




«Männer, die Frauen hassen» heissen Roman und Film im original ganz prosaisch. Und solche Männer sind unter anderem auch der Grund für Lisbeth Salanders dauernden Kriegszustand. Ihr kompromissloser Rachezug und die Annäherung an den Menschen und Mann Blomkvist packen und berühren und sorgen dafür, dass über zwei Stunden Filmhandlung nicht lang werden.

Von Ottokar Schnepf


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