Artikel vom 21.09.2009

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Ottokars Cinétips

Cinéphile Nazi-Schergen und -Killer

Der zum Kultregisseur avancierte Quentin Tarantino hoffte mit seinem «Inglourious Basterds» in Cannes auf den Goldenen Löwen; vergebens - die Jury ist auf den Tarantino-Bluff nicht reingefallen

Von Ottokar Schnepf



Quentin Tarantinos «Inglourious Basterds» ist ein blutiges Märchen vom Ende des Zweiten Weltkriegs, mit einem grimassierenden Brad Pitt als Basterds-Chef und einem überzeugend beängstigenden Christoph Waltz (Bild) als Nazi-Oberst.


Eine Sache, die Quentin Tarantino und Joseph Goebbels gemeinsam haben, ist der Glaube an die Kraft des Kinos. 1945 feierte der vom Nazi-Schergen Goebbels an Regisseur Veith Harlan in Auftrag gegebene Durchhaltefilm «Kohlberg» Premiere in der Atlantikfestung La Rochelle; der Kriegsfilm mit Happy End fürs deutsche Militär sollte noch vor seiner Uraufführung in Berlin in Frankreich seine Wirkung entfalten. In «Inglourious Basterds» begegnet man der Goebbels-Idee vom Kino als strategischer Macht wieder.

Aber aus der Massenveranstaltung «Kohlberg» ist bei Tarantino eine irre One-Man-Show geworden. «Stolz der Nation» heisst der Durchhaltefilm, den Goebbels (Sylvester Groth) in Auftrag gegeben hat, in der Hauptrolle ein deutscher Kriegsheld (Daniel Brühl), der als Scharfschütze Hunderte US-Soldaten tötet.

Die Premiere dieses Films, in Anwesenheit der gesamten deutschen Führung von Hitler abwärts, ist das Ereignis, auf das «Inglourious Basterds» zuläuft, und es wird der Macht des Kinos, die Wirklichkeit zu verändern, eine ganz neue Bedeutung geben: Das Kino erlöste die Welt von den Nazis.

Das ist eine schöne retrospektive Utopie - und zugleich der schönste Moment des ganzen Films. Doch zuvor walzt Tarantino seine Geschichte geschlagene 160 Minuten lang über die Leinwand. Er erzählt von einer französischen Jüdin (Mélanie Laurent), die den Nazis entkommt und danach in Paris ein Kino übernimmt, das sie dann später abfackeln lässt; von einem britischen Spezialagenten, der früher Filmkritiken geschrieben hat; und einem deutschen Scharfschützen, der ein grosser Bewunderer des Regisseurs G.W. Pabst ist.

Die ganze Welt ist cinéphil, und so ist es denn auch nicht verwunderlich, dass am Ende eine gewaltige Explosion in einem Kino Hitler, Goebbels und Konsorten hinwegrafft. Tarantinos Schwäche ist auch bei diesem Film die mangelnde Ökonomie der Erzählung; zähe zweieinhalb Stunden braucht er für eine Story, für die Altmeister wie John Huston oder John Ford höchstens 80 Minuten benötigt hätten, weil sie einfach flüssiger und schnörkelloser inszenieren konnten.

Bei Tarantino hingegen durchquert die Nazijagd alle Genres - vom Italo-Western bis zum Weltkriegsthriller. Die erste Dialog-Szene dauert ganze 20 Minuten und beginnt mit einem Song aus dem Western «The Alamo» - und man sieht einen Bauern auf einem Baumstumpf herumhacken, eine Szene aus Monte Hellmans «Ride in the Whirlwind». Wenn Brad Pitt seinen Basterds Anweisungen gibt, erinnert das an «The Dirty Dozen» von Robert Aldrich.

Des weiteren gibt es Anspielungen an «Hitler Dead or Alive» (in dem Hollywood 1942 Hitler von Auftragskillern erschiessen lässt), «Inglorious Bastards» (so geschrieben gab es bereits einen Film) von Enzo G. Castelllari 1978 gedreht - und nicht zuletzt auch an Lubitschs «To Be or Not To Be».

Sie alle verbrennen in diesem Tarantino-Feuer so schnell wie die Filmrollen, die hinter der Leinwand von Shosanna Dreyfus' Pariser Filmtheater dafür sorgen, dass der Gala-Abend für die Naziführung einen überraschend feurigen Verlauf nehmen wird.

Was «Inglourious Basterds» über den formalen Bluff hinaus dennoch in Massen akzeptabel macht, sind die Rededuelle und Rollenspiele, in denen die Auseinandersetzungen zwischen echten und falschen SS vor unterm Tisch gezogenen Revolvern kulminieren. Dort wird das Thema Verrat in den eigenen Reihen, Vertrauen und Misstrauen auf absurde Weise ein Spielmaterial, das den Figuren entspricht.

Diese werden notabene vor allem von den deutschen Schauspielern beängstigend echt vorgeführt. Hervorzuheben ist Christoph Waltz, der dafür in Cannes den Preis als bester Darsteller bekam.

Von Ottokar Schnepf


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