Artikel vom 03.09.2009

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Ottokars Cinétips

Von Monstern und Einsiedlern

Drei Regisseure liessen sich mit drei Episoden als Visionen aus der Weltstadt Tokyo zu einem Omnibusfilm der besonderen Art inspirieren - ab Donnerstag, 3. September 2009 im kult.kino atelier in Basel

Von Ottokar Schnepf



Einsiedler und Monster im Film «Tokyo»: Drei Glanzleistungen von drei Ausnahme.Regisseuren.


Unter dem Titel «Tokyo» haben Michel Gondry, Leos Carax und Joon-Ho Bong je einen Episodenfilm gedreht, der in Tokyo spielt und sich mit dem Leben in der Millionenmetropole auseinandersetzt. Dabei liefern die drei visionären Filmemacher drei eigenwillige und höchst bemerkenswerte Einblicke in die japanische Befindlichkeit.

«Interior Design» von Gondry («Eternal Sunshine of the Spotless Mind») basiert auf einem Comic und handelt von einem jungen Paar, das sich nicht nur schwer tut mit dem Umzug in eine völlig fremde Stadt. Vielmehr dreht sich das Geschehen um die junge Frau, die sich weigert sich in der auf den Arbeitsalltag ausgerichteten Erwachsenenwelt zu intergrieren.

Sie zieht sich immer mehr in sich selbst zurück - und in einem surrealen Wendepunkt verwandelt sie sich in einen Stuhl. Zwar grausam, aber filmisch äusserst wirkungsvoll wird so der mentale Zustand der jungen Frau reflektiert.

Nach einer 17-jährigen Abstinenz seit «Les amants du Pont Neuf» wartet Leos Carax in der zweiten Episode mit einer aus Tokyos Kanalisation entsprungenen Kreatur auf, die in den Strassen der Metropole für gehörig viel Chaos, Hysterie und Verwirrung sorgt und «Merde» heisst. Als es der Armee gelingt, das Wesen gefangen zu nehmen, versuchen sie, dessen Geheimnis auf den Grund zu gehen. Doch «Merde» ist nicht von dieser Welt. Und töten kann man es auch nicht.

Carax' absurde schwarze Komödie verspottet schamlos und urkomisch die Regeln des Anstandes; ein Dada-Film in einer Fantasiesprache ohne Untertitel, in der man sich anknurrt, mit den ungeschnittenen Fingernägeln an die Zähne klopft und sich selber ohrfeigt. In «Merde» wimmelt es nur so von genialen Ideen.

In der dritten und nicht minder eindrücklichen Episode schildert der koreanische Regisseur Joon-ho Bong in «Shaking Tokyo» einen Hikikomori, eine Art Einsiedler, der seinen Alltag in den eigenen vier Wänden verbringt, nur unterbrochen von den Besuchen des Pizzalieferanten.

Fein säuberlich gestapelt sind an den Wänden die Pizzakartons, die WC-Rollen, die Plastik-Getränkeflaschen, die Zeitungen. Als eines Tages überraschenderweise anstelle eines Kuriers ein hübsches Mädchen ihm die Pizza bringt und in seinem Wohnzimmer in Ohnmacht fällt, geschieht etwas Unerwartetes, der Mann verliebt sich in sie. Allmählich schält sich der Einsiedler aus der selbstgewählten Isolation und versucht das Mädchen aufzufinden.

Diese schräge Love Story trägt unverwechselbar die Handschrift von Joon-Bo Hong, der 2006 mit seinem Öko-Thriller «The Host» Aufsehen erregte und der als erfolgreichster südkoreanischer Film aller Zeiten gefeiert wurde. Auch in «Shaking Tokyo» ist die Kameraarbeit und die konsequente Inszenierung von hoher visueller Präzision.

Das Gefühl des Schwindels, fast so als ob jede Person plötzlich verschwinden würde, die Bewegungen und Mienen von Menschen auf den Fussgängerstreifen, die fast unmerklich unter Kontrolle scheinen, im Gegensatz zum Protagonisten, der sich plötzlich unter den Massen erst recht als verlassen vorkommt, das sind eindrückliche Szenen.

Drei Episoden in einem 112-Minuten-Film, drei Glanzleistungen von drei Ausnahme-Regisseuren.



Das Mädchen, das sich in einen Stuhl verwandelt - absurder, aber wirkungsvoller Einfall…

Von Ottokar Schnepf


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