Artikel vom 07.07.2009

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Elsass - Allgemeines

Mit Video auf YouTube (Link am Schluss)

361'231 Franken für eine Kühlerfigur…

Die Versteigerung des Nachlass-Gerümpels des Autonarren und Grossbetrügers Fritz Schlumpf im elsässischen Molsheim, wo Ettore Bugatti seine Automobilfabrik betrieb

Von Jürg-Peter Lienhard



Es ist kein Rembrand, aber dieser Zapfen ist von Rembrand Bugatti gestaltet worden und heisst eben auf Französisch «Bouchon». Der 361'231 Franken teure Zapfen ist jetzt also ab und damit Auftakt zum Zapfenstreich in der traurigen Schlumpf-Affäre. Foto: J.-P. Lienhard, Basel © 2009


Das Publikum ist hochgradig vergesslich und hat daher keine Skrupel, selbst Leichenfledderei zu begehen: Der Schweizer Industrielle Fritz Schlumpf hat in den siebziger Jahren sein einstmals blühendes Textil-Imperium zugrundgerichtet, indem er einer krankhaften und jedes Mass sprengenden Sammelsucht für alte Autos so lange unbehelligt frönen konnte, bis 2500 Arbeiterinnen und Arbeiter ihren langjährigen Arbeitsplatz in einer wirtschaftlich gebeutelten Region verloren. Zusammen mit den Angehörigen betraf der Zusammenbruch über 8000 Menschen im Elsass und in Nordfrankreich.



Wie auf dem Flohmarkt am Petersplatz: Kitschiger Giggernillis und hässliche Staubfänger oder schwerer, dunkler Gerümpel aus dem vorletzten Jahrhundert, wo auch die geistige Entwicklung der Gebrüder stehengeblieben war. Weitere Bilder am Schluss dieses Artikels. Foto: J.-P. Lienhard, Basel © 2009

Aufgrund einer vom Autor dieses Artikels im März 1977 heimlich in der privaten Automobilsammlung der Brüder Fritz und Hans Schlumpf in Mulhouse in einer riesigen, aus monopolistischen Gründen stillgelegten Textilfabrik aufgenommenen Fotoreportage, die schlagartig den Konkursbetrug offenlegte, hatten elsässische Arbeiterinnen - es waren hauptsächlich Frauen - daraufhin diese Sammlung als Pfand für ihre Arbeitsplätze besetzt.

Durch die handstreichartige Besetzung gelang es den Arbeiterinnen mithilfe ihrer männlichen Kollegen im gesetzlich vorgeschriebenen Betriebsrat, mit dem der «Patron von altem Schrot und Korn» allerdings aus bornierter Ideologie nie verhandeln wollte, Säcke voller Dokumente der Staatsanwaltschaft zu übergeben. Fritz Schlumpf pflegte auch in seinen Geschäftspapieren einen Sammelwahn - laut Untersuchungsbericht fanden sich in der Direktionsvilla sogar im Badezimmer und unter dem Bett Belege -, so dass trotz aufwändigster buchhalterischer Puzzlearbeit eine mehrhundertseitige Beweisschrift erstellt werden konnte.

Die kam zum Ergebnis, dass die Brüder Fritz und Hans Schlumpf mittels Strohmänner und Scheinfirmen ihre Unternehmen richtiggehend ausgeblutet hatten. Strafrechtlich im Vordergrund standen aber die Veruntreuung von Betriebsmitteln und die missbräuchliche Verwendung öffentlicher Subventionen, womit Überkapazitäten zur Strukturbereinigung abgebaut hätten werden sollen. Die Gelder flossen alle in den Aufbau der privaten Automobilsammlung, die nie als öffentliches Museum hätte eröffnet werden sollen, sondern von Fritz Schlumpf stets nur als private Sammlung angesehen wurde.

Elsässer Behörden schwiegen…

Als die substantielle Aushöhlung der Betriebe so weit fortgeschritten war, dass beim ersten Anzeichen einer Wirtschaftsverschlechterung das Imperium wie ein Kartenhaus zusammenbrach, flüchteten die beiden Schweizer Industriellen zurück in ihre Heimat, die allerdings nur auf dem Papier die ihre war: Die zwei waren in Italien geboren und im Elsass aufgewachsen, und mit der Schweiz verband sie nur das sichere Exil…

Bevor das ganze Ausmass des Betrugs gerichtlich erkannt war, übten die konservativen elsässischen Behörden restriktives Stillschweigen zu allen Vorwürfen der Arbeiter und ignorierten die Warnungen, die von ersten Streiks zu Beginn des Zusammenbruchs ausgingen: Diese Haltung fusste auf einer völlig falsch verstandenen Solidarität der bürgerlichen Behörden gegenüber den Industriellen-Brüdern und war in Zusammenhang mit aufkeimenden gewerkschaftlichen Aktivitäten begründet, obzwar die Brüder weder in der elsässischen Gesellschaft noch in der Wirtschaft besonders verwurzelt waren und sich mit rücksichtslosem Geschäftsgebaren einen miserablen Ruf geschaffen hatten. Die beiden Schlumpfs galten überdies als starrsinnige Patrons, zumal Fritz, der auch in seiner äusseren Erscheinung eine unübersehbare Egozentrik zur Schau trug.

In mehrjährigen gerichtlichen Auseinandersetzungen, die sie vom Schweizer Exil aus, anfänglich wohnhaft im Luxushotel «Drei Könige am Rhein», mittels eines guten Dutzend Advokaten bis an den Kassationsgerichtshof in Paris angestrengt hatten, versuchten sie stets, sich von der Anklage des Betrugs freisprechen zu lassen, hatten aber gleichwohl strafrechtlich keinen Erfolg.

Erst als Fritz Schlumpf dement und im Rollstuhl paralysiert war, wurde in einem Gnadenerlass in Anbetracht seines hohen Alters und seines Gesundheitszustandes die unbedingte vierjährige Gefängnisstrafe in eine bedingte Strafe umgewandelt, so dass seine erst kurz vor seinem Ableben ihm angetraute langjährige Lebenspartnerin, Arlette Naas, ihn mit dem Rollstuhl, aber ziemlich medienwirksam inszeniert, in «sein» Automobilmuseum karren konnte.

Beobachter zweifeln indessen, dass Fritz Schlumpf diesen von den örtlichen Medien in völliger Aberkennung der Hintergrundgeschichte als «triumphale Rückkehr» gefeierte peinliche Inszenierung überhaupt noch bewusst wahrnehmen konnte…

Hochgradige kriminelle Energie

Die betrügerische Sammelwut setzte eine hochgradig kriminelle Energie voraus, die allein schon durch die Masse der Sammelobjekte unglaublich erscheint: Rund 500 bis aufs letzte i-Tüpfelchen restaurierte Autos, vergleichbar einer Fläche eines Fussballfeldes, haben damals die Staatsanwaltschaft und die Konkursverwalter in einer völlig nach aussen abgeschotteten ehemaligen Fabrikhalle gepfändet. Es war ruchbar geworden, dass die Schlumpfs riesige Beträge aus den Betrieben beiseitegeschafft hatten, um damit ihre private Autosammlung aufzubauen.

Dabei fiel besonders ins Gewicht, dass zwar viele der Autos, anfänglich zumeist Bugattis, von den Brüdern zwar in erbärmlichem Zustand für «relativ» wenig Geld erworben wurden, aber dass in den Produktionsbetrieben die dort dringend benötigten Handwerker zur Restauration der Rosthaufen und zum Ausbau der Sammlungs-Halle abgezogen wurden. Bezahlt aus der Lohnkasse der Betriebe. Fritz Schlumpf bestand bis zu seiner Demenz stets darauf, dass er mit «seinem» Geld machen könne, wozu immer es ihm beliebe und er daher weder Arbeitern noch Behörden Rechenschaft schuldig sei…

Da war jedoch die schweizerische Regierung sowie die Regierung des Kantons Basel-Stadt, wohin sich die Gebrüder vor dem Zugriff der französischen Justiz in Sicherheit brachten, ganz anderer Meinung: Sie verurteilten diese Einstellung, bei Schwierigkeiten im Betrieb, sich der Verantwortung durch Flucht ins Ausland zu entziehen, einhellig und mit deutlichen Worten. Nur: der schweizerischen Justiz blieben die Hände gebunden, denn erstens darf kein Schweizer an eine ausländische Justiz ausgeliefert werden, und zweitens konnte die Staatsanwaltschaft Basel-Stadt von sich aus nicht aktiv werden, da die Akten bei der französischen Justiz lagen.

Und die hielt sich aus politischen Gründen bedeckt, respektive die Gewerkschaftsfunktionäre, die inzwischen die Vertretung der Arbeiter übernommen hatten, liessen sich von den Schlumpf-Anwälten und ihren politisch «zugewandten Orten» wirksam täuschen: Mit der Überweisung der Akten an die schweizerischen Strafverfolgungsbehörden gäbe man Beweise aus der Hand, die in der Schweiz mit ihrem «bunkerfesten» Bankgeheimnis eh zugunsten der Schlumpfs umgepolt hätten werden können…

Der inzwischen ebenfalls verstorbene damalige Staatsanwalt im Wirtschaftsdezernat der Basler Justiz, Dr. Gueng, hielt jedenfalls die vom Autor dieses Artikels ihm konsultativ vorgelegte Expertise «als in jedem Fall ausreichend genug beweiskräftig, um die Brüder in Haft zu nehmen und Anklage zu erheben». Nur: die Expertise durfte er «offiziell» gar nicht zur Kenntnis nehmen, die Gewerkschaftsleute hätten dies als illegal erfolgreich beklagen können…

Ein anderes Gerücht, geschickt von den Schlumpf-Anwälten im Sinne der Desorientierungs-Taktik in Arbeiter-Kreisen gestreut, lautete sogar ziemlich einleuchtend, dass die Schlumpfs es wohl rechtzeitig bemerken könnten, wenn ein Rechtshilfebegehren von Frankreich - damals noch umständlich via Paris und Bern - in ihrer Angelegenheit unterwegs wäre: Sie hätten rechtzeitig nach Italien umziehen können, wo es überhaupt kein Rechtshilfeabkommen mit der Schweiz gab. Damals…

Erfolgreiche Verschleierungs-Taktik der Anwälte

Beim egomanischen Charakter von Fritz erstaunt es nicht, dass er jegliche kriminelle Handlung abstritt. Immerhin war er von seinem guten Dutzend Advokaten hervorragend beraten, und deren Strategie und Taktiken gingen beinahe fast vollständig auf: Zwar wurden bei den unzähligen Einsprachen selbst am Pariser Kassationsgerichtshof nie relevante neue Erkenntnisse beurteilt, die den Betrugsvorwurf eliminieren hätten können.

Aber, die Schlumpfschen Advokaten waren dafür bezahlt, dass sie in jedem strafrechtlichen oder zivilen Urteil mit der Lupe selbst nach Kommafehlern suchten, um ein neues Teil-Urteil zu erzwingen. Und wie das eben so ist in der Juristerei, einmal gelang der Trick, ein andermal jedoch wurde ein zuvor abgegebenes Urteil bestätigt. Jedesmal für oder gegen die Schlumpfs entsprechend in den Medien kommentiert, ein ständiges Hin und Her. In der Öffentlichkeit entstand so ziemlich rasch der Eindruck, dass bald niemand wisse, was man den Brüdern vorwerfe, und man solle doch die alten Männer in Ruhe lassen, die «haben doch etwas Schönes geschaffen»… Voilà die Taktik der Advokaten war aufgegangen.

Hinzu kommt noch, dass die Regie rund um den Konkurs der Schlumpf-Betriebe in so vielen Händen lag, bei Justiz, Politik, Ämtern und Gewerkschaften, die untereinander sowieso höchst zerstritten waren, so dass daraus erst recht kein verständliches Konstrukt hervorgehen konnte: Die Arbeiter wollten die Sammlung als Pfand für ihre Arbeitsplätze, das Konkursamt zur Deckung der Schulden, die Justiz als Beweis, die Stadt als attraktives Museum, der Staat nationales Kulturgut, die Schlumpfs als ihren «rechtmässigen» Privatbesitz.

Der gewitzte Bürgermeister Emile Müller

Der damalige Bürgermeister von Mülhausen, Emile Müller, der früh schon die persönliche Feindschaft von Fritz Schlumpf auf sich zog, entsann sich immerhin gewitzt eines Gesetzes, das der frühere französische Kulturminister André Malraux nach dem Zweiten Weltkrieg zum Schutz französischen Kulturgutes erlassen hatte, womit die Sammlung als Ganzes zum französischen Kulturgut erklärt werden konnte, somit weder als Einzelteile verkauft noch Frankreich verlassen durfte. Damit wurde sie kommerziell allerdings wertlos.

Doch «wertlos» war die Sammlung in den Augen der Konkursverwalter und der Gläubiger zurecht keinesfalls. Schliesslich liessen sich die Gläubiger auf einen Handel ein: Die Sammlung wurde nominal auf die Gesamtsumme der Konkursschulden belastet, und eine öffentlich-rechtliche Gesellschaft gegründet, die dafür das Geld auftreiben sollte: Stadt Mülhausen, Departement Oberelsass, französischer Staat sowie die Stiftung Panhard, von der eh einige ihrer Autos in der Sammlung vertreten waren. Leer gingen die Arbeiter aus, von denen viele durch die lange anhaltende Arbeitslosigkeit an Gesundheit und sogar am Leben Schaden nahmen.

Der Museumsgesellschaft gelang es aber nie, die Sammlung zu einem attraktiven und anziehenden Museum zu gestalten. Die Bemühungen waren stets pfuschig angegangen worden, und immer dirigierte ausschliesslich die autoschwule Fraktion; selbstverständlich ohne museologische Vision oder gar nur ansatzmässig durch aufklärende Didaktik, die über die alten Karren hinausgegangen wäre. Die Geschichte der Sammlung wird noch heute nicht erzählt, obwohl sie die wohl wesentlich interessantere Geschichte für die überwiegende Besuchermassen bedeutet. Die Massen interessieren zu wollen, bei so einem grossen Unternehmen, ist eigentlich lebenswichtig - aber die Museumsleitung, die sich oft in kurzen Abständen die Türfalle in die Hand gab, sprach immer nur verblendete Oldtimerfans an.

Sträflich verpasste Chance

Die elsässischen und Mülhauser Behörden haben es sträflich verpasst, aus der Sammlung, die einstmals während der zweijährigen Besetzung durch die Arbeiter jährlich über 750’000 Besucher aus aller Welt anzog, ein aussagefähiges Zeugnis zu gestalten, das weit über diesen Sammelwahn hinauszeigte.

Man hätte gescheiter den schlumpfschen Autofriedhof so stehengelassen, wie Schlumpf meinte, er sei attraktiv: Eine Karre neben der anderen fünfzehn Reihen hintereinander… Doch man wollte Empörung bei intelligenten Besuchern vermeiden… Für Gratis-Werbung und Son-et-Lumière-Beweihräucherung der französischen Autoindustrie hätte es in den immensen Nebenräumen immer noch Platz genug gehabt. Auf jeden Fall ist der Altar der Mutter, den die Brüder mit einer überlebensgrossen Foto der strickenden Frau anfertigen und am Eingang der Sammlung aufstellen liessen, verschwunden. Der Sinn, der Hintersinn, ist zerstört worden… Aus durchsichtigen Gründen: Man sagt dem Geschichtsklitterung, Spurenverwischung durch die Kreise, die den Skandal mitzutragen haben.

Trotz aller negativen Konnotation, ist ihre Sammlung nicht zuerst im Automobil begründet, sondern hat ihre psychologischen Wurzeln in der stolzen, aber gleichwohl gesunden, Sammler-Tradition der Mülhauser Textilgründer, zu denen Fritz Schlumpf als lediglich Zugewanderter hinaufschaute, wie man andernorts zum Papst oder zum Fürst hinaufschaut. Nur: in der ehrwürdigen «Société Industrielle» von Mülhausen blieb Fritz Schlumpf wegen seiner Egomanie lebenslang buchstäblich als «fremder Fötzel» eingestuft.

Textilbarone sammelten nur ihre eigene Produktion

Die alten Mülhauser Textilbarone nämlich begründeten ihre unermesslich reichhaltigen Sammlungen mit ihren eigenen Produkten, ob bedruckte Stoffe, ob bedruckte Tapeten oder ob zeitgenössische Kunst, Botanik und Zoologie. Wie bei ihren Basler Vettern, war die Textilbranche seit jeher mit grosser Reisetätigkeit verbunden, zumal nach Asien, wo hierzulande unbekannte Pflanzen und Tiere farbenprächtige Motive für die Textildrucke hergaben. So nebenbei kam Mülhausen nebst der ersten internationalen Eisenbahnlinie auf dem Kontinent zu einem der schönsten botanischen und Tierparks der Region - noch vor Basel.

Der eigentümliche Stolz der stets Französisch sprechenden und lutherisch-calvinistisch-gläubigen Industriegründer verlangte nach bildlicher Verewigung, so dass die Textilbarone ihre stets zahlreichen Familienmitglieder häufig und gern porträtieren liessen. Die dafür benötigten Künstler malten natürlich auch andere Sachen, sogar selbst Fabrikbilder, so dass die Textilbarone Stifter des städtischen Kunstmuseums wurden, das zwar nicht weltbewegende Kunst aufweist, aber dafür sind hier alle Künstler vertreten, die in der entsprechenden Epoche der Kunst Europas Rang und Namen hatten. Diese Vollständigkeit macht es eben aus, dass dieses Kunstmuseum mit seinen vielen mediokren Werken, eben doch hochinteressant für die Kunstgeschichte des Abendlandes ist.

Die Stadt Mülhausen, das ehedem wegen seiner grossen textilen Vergangenheit auch «Manchester des Festlandes» genannt worden war, verstand es leider nicht, das vom Gründer des Ecomusée d'Alsace, Marc Grodwohl, vorgeschlagene Konzept mit dem Titel «Musées sans frontières» in Tat umzusetzen. Die Sammlungen, die von den Industriegründern angelegt worden sind, inklusive Eisenbahnmuseum, Keramikmuseum, Zoo oder Kunstmuseum, hätten sich sehr geeignet, Mülhausen zur Stadt der Industriegeschichte zu machen. Die räumliche Nähe aller dieser Museen hätte einen Parcours ermöglicht, der durch die entsprechenden Quartiere geführt hätte. Zum Beispiel auch durch Europas allererste Sozialsiedlung, der Cité, die nicht nur sozial eine herausragende Leistung der Industriegründer war, sondern auch architektonisch bedeutend ist - noch heute.

Politisches Ungenügen - wie stets…

Doch die elsässischen Notabeln und die elsässische Wirtschaft hatten eine Heidenangst, dass ihre Fehler in der Vergangenheit und ihr politisches Versagen in der Gegenwart zu deutlich bewusst würde. Die von den Arbeitern geforderte Gedenktafel für den langjährigen Arbeitskampf vor und nach dem Konkurs wurde über Jahre verschleppt und deren Formulierung in einem lächerlichen Gerangel um Kompromisse derart verwässert, dass die Gedenk-Botschaft nicht aussagefähig ist. Heute ist die Tafel in einer dunklen Ecke versteckt, weil die Geschichtsverleumder sogar am Datum noch herummäkeln könnten…

Traurig ist zu allem hin, dass mit dem Schlumpfschen Betrug nicht nur die Arbeiter betrogen wurden, sondern auch die gesamte Gesellschaft weit über die französischen Grenzen hinaus. Und leider wiederholte sich die Geschichte, als im Jahr 2006 der Rechtsaussen-Exekutivpräsident Charles Büttner dem Ecomusée d'Alsace die dringend benötigte Subvention verweigerte, um es anschliessend einer Firma von Unterhaltungs-Parks zu verkaufen, nein, zu verschenken. Denn statt dem bis anhin selbstfinanzierenden Ecomusée d'Alsace Beiträge an die steigenden Betriebskosten zu leisten, spendierte der kulturfeindliche ehemalige Sportlehrer und seine politischen Spezis über 30 Millionen €uro dem idiotischen Plastikpark Bioscope…

Aber auch vor diesem Hintergrund muss man die Schlumpfsche Automobilsammlung verstehen: Fritz und sein Bruder Hans waren im italienischen Omegna geboren worden, einer Vorstadt der italienischen und europäischen Textilmetropole Mailand. Ebenso wie ein anderer Italiener, den es ins Elsass verschlug: Ettore Bugatti. Von Fritz weiss man, dass ihm der Tod seines Vaters, ein Ostschweizer Textil-Ingenieur, schwer zu schaffen gemacht hat. In Bugatti fand er vermutlich das väterliche Vorbild, und als Autonarr in der rasant aufkommenden Automobilisation in Frankreich, war es naheliegend, dass er vom Ehrgeiz für den Aufbau einer Sammlung in der Tradition der Textilgründer ergriffen worden war, als das Schicksal die Gelegenheit dazu bot.

Schlumpf hatte ein Konto in der Schweiz…

Das war in den fünfziger-sechziger Jahren, als nach dem tragischen Unfalltod von Bugattis Sohn die Firma in Molsheim die Tore für immer schliessen musste. Der Verehrer von Bugatti, Fritz Schlumpf, konnte damals zugreifen, und er erwarb alles, was in Molsheim den Namen Bugatti trug oder zu Bugatti-Fahrzeugen gehörte, selbst Eisenbahn-Fahrgestelle und sogar ein halbes Schiff.

Die Brüder Schlumpf sind von ihrer Mutter sehr streng erzogen worden - entsprechend ihrer calvinistisch-lutherischen Auffassung, obwohl sie der Ostschweizer Vater katholisch taufen liess. Fritz Schlumpf begann früh die Führungsrolle zu übernehmen, obwohl sein Bruder Hans zwei Jahre älter als er war. Die Mutter vermittelte den Buben Vorbilder aus einem seltsamen Roman aus dem 19. Jahrhundert, und daraus entwickelte insbesondere Fritz die Eigenschaften eines Patrons vergangener Zeiten, der keinen Widerspruch duldete. Dieses absolute Beharren auf Widerspruchslosigkeit paarte sich übrigens mit dem egomanischen Charakter zu einer Einstellung und zu einem Verhalten, das später mal in den Medien als «fossil» bezeichnet werden sollte, aber im Zusammenspiel mit dem aufkommenden Sammelwahn zielgenau ins Verderben führte. Nur: dabei spielte er Schicksal mit tausenden seiner Mitarbeiter, die nicht auf heimlich angehäuftes Vermögen in der Schweiz zurückgreifen, geschweige in Basel Rolls Royce und Ferrari Testarossa kaufen konnten - trotz Bankrott…

Was ich über Autofoxierte denke

jpl.- Bei dieser Fraktion muss man nie damit rechnen, dass sie auch nur mit einem einzigen Funken im Hirn sich Gedanken macht, welches die wirtschaftlichen und sozialen Hintergründe der Schlumpf-Affäre und deren Oldtimer sind. Blind und taub für solche Fragen, sehen sie nur den glänzenden Lack und den Katalogpreis der Karossen, sind Sklaven einer Autokultur, dem schlimmsten, was der Menschheit in ihrer 35’000-jährigen Entwicklung zu sogenannt intelligenten Wesen passieren konnte: In der erst rund 100-jährigen Automobilgeschichte sind allein in den letzten 40 Jahren fast sämtliche Erdölressourcen aufgebraucht worden, ist die Landschaft, sind die baulichen Kulturzeugen und das Klima unwiederbringlich beeinträchtigt worden. Diese sogenannte Autokultur trägt die Schuld an einer allenorten durch bedenkenlose Mobilität verursachte und rasant zunehmende Einschränkung der Lebensqualität. Sie fordert zudem stetig hohe Opfer im Strassenverkehr, die insgesamt bald einen Holocaust zu übertreffen vermögen!

Vor so einem Hintergrund spielte sich die Versteigerung des Schlumpf-Gerümpels ab - und 500 Sensationsgierige kamen, um mitzuerleben, wie einer aus der Schweiz in dieser Krisenzeit locker und ohne mit der Wimper zu zucken, 238’000 €uro - das sind 361'231 Schweizer Franken - für eine lächerliche Kühlerfigur hinzublättern vermag. Lächerlich, weil auch künstlerisch eher Kitsch, zoologisch sowieso unnatürlich - eben eine Götzenreliquie; immerhin nicht fressbar…



Foto-Impressionen von der Versteigerung des Schlumpf-Besitzes vom Sonntag, 5. Juli 2009, in Molsheim. Alle Fotos sind urheberrechtlich geschützt und aufgenommen von J.-P. Lienhard, Basel © 2009



Auf der in typischer Form des Bugatti-Kühlers geformten Plakette steht: «Molsheim, Heimat der Vollblütigen». Der unterelsässische Ort ist heute wieder Bugatti-Produktionsstätte: Volkswagen-Bugatti - welch Widerspruch, wenn man die Geschichte der Automobile kennt… Foto: J.-P. Lienhard, Basel © 2009




Die Versteigerung fand im Festsaal statt, der sinnigerweise «Hôtel de la Monnaie» heisst - Münzprägerei. Foto: J.-P. Lienhard, Basel © 2009




32’000 €uro für einen weissen Rolls Royce - das ist eigentlich grad so billig wie ein gepanzerter BMW 4x4… Unter dem Beamer-Bild des Rolls: das Elektroauto von Bugatti-Sohn Roland. Arlette-Schlumpf-Naas durfte es 1999 aus der Konkursmasse zurückkaufen. Es ging für 65’000 €uro an einen unbekannten Telefonbieter weg. Foto: J.-P. Lienhard, Basel © 2009




Der Gant-Weibel hält den silbrigen Elefanten-Zapfen scheinbar fast genau dort wo er hingehört: Auf dem Kühlwasser-Einfüllstutzen… Foto: J.-P. Lienhard, Basel © 2009




Die Schlumpf-Brüder mussten sehr viel privates Geld in die Schweiz gerettet haben, wie schon nur diese beiden Edelkarossen beweisen: Der weisse Rolls Royce ging für nur für 32’000 €uro weg; der Ferrari Testarossa 1986 für doch 44’000 €uro. Foto: J.-P. Lienhard, Basel © 2009




Das Nostalgie-Telefon von Ericsson (rechts) ist ein moderner Nachbau, kein Original, aber löste 550 €uro - mehr als es neu kostet… Foto: J.-P. Lienhard, Basel © 2009




Auch der Papierkorb (rechts unten im Bild) war zu ersteigern - der Bieter braucht ihn wohl nicht wirklich… Foto: J.-P. Lienhard, Basel © 2009




Wie in der Schweiz üblich, führen viele Familien ein Familienwappen. Das ist aber nie ein Zeichen «adeliger» Herkunft, Adlige im Sinne einer Monarchie gab es sowieso bei den Eidgenossen nicht, respektive nicht in der Form wie in Frankreich. Vielmehr stammen die Schlumpfs von Neuhaus im Sanktgallischen, und ob das Wappen verbürgt ist, sei dahingestellt. Denn das kann man sich normalerweise nach eigenem Gusto bei einem Heraldiker anfertigen lassen. Foto: J.-P. Lienhard, Basel © 2009




Auf jedem Flohmarkt in Basel erzielte solcher Gerümpel kaum einen besonderen Preis - auch in Molsheim sass das Geld bei solchen Dingen den Bietern nicht locker in der Tasche. Es ging ihnen wohl eher um das makabre Souvenir so zwischen 80 und 150 €uro, wenns hoch kam, vielleicht 250 Euro… Foto: J.-P. Lienhard, Basel © 2009




Dieses Oel-Bild, das den Schlumpf-Stammsitz Malmerspach im Sankt-Amarin-Tal zeigt, ging nach Storckensohn zu einem Sammler, der Sujets seiner Region sammelt. Ich weiss nicht mehr, ob er auch das Porträt von Industriegründer Hartmann ersteigerte, denn beide Bilder gehörten irgendwie zusammen… Foto: J.-P. Lienhard, Basel © 2009



Der Elefanten-Steigerer: Der grosse Unbekannte aus der Schweiz, der für den Bugatti-Elefanten 238’000€uro = 361'231 Schweizer Franken bezahlte… Fotos: J.-P. Lienhard, Basel © 2009









Der Elefanten-Bieter mit Cléophée Schlumpf, der Tochter von Fritz Schlumpf und Arlette Naas, die in patriarchischer französischer Tradition «Madame Fritz Schlumpf» angeschrieben wird. In der Mitte der Gantspeaker Maître Antoine Audhuy. Foto: J.-P. Lienhard, Basel © 2009




Ganz leicht scheps: Der Gantraum mit den Leichenfledderern. Foto: J.-P. Lienhard, Basel © 2009




Zum Schluss noch die inzwischen verstorbenen Hauptdarsteller mit dem ebenfalls verstorbenen Freund Amédée Gordini (links), Arlette Naas, die letzte Lebensgefährtin von Fritz Schlumpf, hier noch nicht mit ihm verheiratet, und Fritz Schlumpf (rechts) in erstaunlich fröhlicher Stimmung. Foto: J.-P. Lienhard, Basel © 2009



Kurzer Video-Bericht von der Versteigerung in Molsheim am 5. Juli 2009

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http://www.youtube.com/watch?v=i4nsZGdvg70

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Von Jürg-Peter Lienhard

Für weitere Informationen klicken Sie hier:

• Älterer Artikel über die Affäre Schlumpf

• Lesen Sie den Kurzbericht von der Versteigerung vom 5.7.2009

• Lesen Sie, wie Fritz Schlumpf den Schweizer Bundespräsidenten kompromittierte

• Nur Persil wäscht weisser… Die Lobhudel-site


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