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KulturSchweigen

Artikel vom 27.03.2009

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Cinétip

HOME - asphyxiant

Wollen Sie wissen, was das heisst, asphyxiant, gehen Sie in diesen wundervollen Film von Ursula Meier - derzeit im Basler kult.kino atelier

Von Jürg-Peter Lienhard



Noch ist die unfertige Autobahn Spielplatz und das Haus daneben Idylle: «Autofreie» Szene in Home von Ursula Meier.


Nach seinem Erfolg bei den Kinokritikern der Romandie, avanciert Home nun auch zum Publikumsliebling. Noch vor seinem Start in der Deutschschweiz war der Film von Ursula Meier (mit Isabelle Huppert) einer der erfolgreichsten Westschweizer Filme der letzten Jahre.

Wer etwas von Film versteht unter den Film-Journalisten und -Kritikern hatte mit Home eine schön grosse Nuss zu knacken, und manche taten es dabei sicht- und hörbar ergiebig: Noch selten kam eine Regisseurin am Radio und am Fernsehen derart ausführlich zu Wort in den Interviews der Journalisten und Kritiker, wie Ursula Meier. Die junge Frau hat ganz einen drauf, wenn sie spricht; sie spricht wie ein Schnellfeuergewehr ohne Atempause… Aber, was sie sagt, ist intelligent und selbstverständlich brillant und auch ziemlich verrückt.

Sie hat ja auch das Drehbuch, zusammen mit ihrem Partner Antoine Jaccoud geschrieben. Ich bin begeistert, was die zusammenfabuliert haben, wie verrückt doch diese Story schliesslich umgesetzt ist. Man erlebt eine Familie, die ohne grossen Luxus lebt, das heisst, sie schwelgt im Luxus der Liebe zueinander, auch wenn die stets von Tempo und Chaos beherrscht ist.

Wenn der kleine Bruder und die mittlere Schwester zusammen in der Badewanne sitzen und sie den Buben schrubbt, der Vater (bekleidet) dazukommt, die Mutter (bekleidet) auch, und es ein lachendes Gespritze gibt, bis das ganze Badezimmer unter Wasser steht, die Eltern ausrutschend sich umarmen und plötzlich den Kindern sagen, sie sollen verschwinden… Schnitt: Ursula Meier tönt es nur an, aber wir wissen, dass sich die Eltern sehr gerne haben und sich gerne begehren, aber wir wissen, dass auch die Kinder das wissen und respektieren.



Doch dann geht der Terror der Auto-Kultur los: asphyxiant, erstickend. Die Szene gemahnt an Jacques Tati und ist bis zum letzten Fahrzeug und mit sämtlichen Requisiten allein für diesen Film mit über 300 Autos und Lastwagen «gestellt».


Dann der Bruch mitten im Film. Man merkt, dass die Familie das Unglück kannte, es kommen sah, aber es nicht wahrhaben wollte, bis es vor der Haustüre stand: die vierspurige Autobahn. Die Familie zieht sich ins Innere des Hauses zurück, gleichsam einer Metapher für die innere Emigration, mauert sich ein, bis kein Ton mehr von der Blechlawine draussen hereinkommt. Der Preis der Zivilisation, der Mobilität ist, dass die einstmals so glücklich-lebendige Familie durch die zugemauerten Fenster zu ersticken droht.

Der Vorschlaghammer, womit Isabelle Huppert (die Mutter) unvermittelt die verbarrikadierte Eingangstüre einschlägt, wirkt wie der Akt in der berühmten Apple-Werbung: ein revolutionärer Akt, ein Akt der Befreiung - gemäss der Metapher eine Auflehnung gegen den widernatürlichen Sachzwang, den zivilisatorischer «Fortschritt» uns aufbürdet, das Leben, die Natur verunstaltet und dem Dasein seinen Sinn nimmt. Asphyxiant ist diese Vision, die gar nicht so weit in die Zukunft zielt…



Man achte auf die Kinderrollen - die sind erstaunlich besetzt. Der Bub ist einfach grossartig


Ursula Meier verwendet alle ihre Darsteller in ganz eigenwillig gezeichnete Parabeln. Der Bub - übrigens alle Kinder spielen unglaublich grossartig - brennt mal durch. Blindlings in verzweifeltem Zorn rennt er über die stark befahrene Autobahn - ein Schutzengel verhindert die Katastrophe. Isabelle Huppert spielt die angstverzerrte Mutter derart authentisch, dass man sich frägt, ob sich diese brenzlige Situation nicht vielleicht während den Dreharbeiten real abspielte. Bei diesem so lebendig gespielten Chaos könnte man sich vorstellen, dass da bei den Dreharbeiten einiges aus dem Ruder lief…

Die Spontaneität der Figuren jedenfalls hat ein Tempo und ein Einfallsreichtum, das mit demjenigen der Regisseurin bei Interviews korreliert. Typisch welsch…

Die Geschichte selbst ist schnell erzählt: Eine Familie wohnt am Ende eines unfertigen Autobahnteilstücks, an dem offenbar seit Jahren nicht mehr weitergebaut worden war. Es ist eine Idylle, die jäh durch den plötzlichen Aufmarsch erneuter Bautrupps zerstört wird, und kurz darauf beginnt ein zunehmend höllischer werdender Verkehrslärm.

Was der Zuschauer nicht wissen kann, ist, dass die gefilmte Autobahn gar keine «echte» Autobahn ist, sondern eine ausgediente Flugzeupiste in Rumänien. Um diese eineinhalb Kilometer lange Strecke zu einer Autobahn herzurichten - die Piste musste neu geteert und Leitplanken angebracht werden -, kostete Ursula Meier beinahe das gesamte Budget. Sie hat übrigens über ein Jahr gebraucht, war in ganz Europa unterwegs, um so einen geeigneten Drehort zu finden.

Die irre, chaotische und vielsagende Geschichte ist es wert, wieder einmal ins Kino zu gehen. Es ist ein Film, der ohne Gewalt und Sex auskommt, gleichwohl erotisch in «Fleisch und Blut», aber vor allem auch durch seine intelligente Erzählweise ist. Übrigens steht er ganz in der Erzähltradition der grossen Westschweizer Filmemacher der gloriosen siebziger Jahre, Alain Thanner, Alain Sutter oder Yves Jersin. Und das will etwas heissen!



Isabelle Huppert (links) und Ursula Meier (rechts hinten) bei einer der vielen Kino-Premieren.


PRESSESTIMMEN


"Es ist ja immer erstaunlich, welche Anziehungskraft und welches Wirklichkeitsgefühl entstehen können durch die Begabung, liebevoll mit Figuren umzugehen, und durch eine Detailgenauigkeit, die eine filmische Welt zuerst bei der Logik der Dinge packt und nicht gleich bei ihrem absurden Potenzial. Hier herrscht bereits im Zustand einer friedlichen, realistischen Undramatik geradezu mitreissendes Leben. HOME lebt da ganz von Atmosphäre.
Eine Ahnung von gut getarnter Absurdität ist einem dennoch jederzeit erlaubt, und man kommt dann schon noch auf seine handfesteren tragikomischen Kosten. Nämlich, wenn die kleine Normalität an einer grösseren zerbricht und es um eine Familie in ihrer stillen Weite erstickend eng und laut wird. Der Staat – irgendwo, nirgendwo, überall – will die Autobahn, die nie als Vorgarten gedacht war, eröffnen; und nun steigert sich dieser Film ganz fein hinein in die Hysterie, die womöglich entsteht, wenn einem Illusionen unter der Hand sterben.(...)
Dieser Film rührt ohne jedes Pathos sozusagen ans Apokalyptische. Er erzählt – vielleicht ist da, quasi als Hintergrundprospekt eines Familienlebens, doch etwas wie ein Generalthema – von der Brüchigkeit jeder Idylle und von der Bunkermentalität derer, die sie bewohnen. Und man könnte behaupten, das mache HOME – im Irgendwo, Nirgendwo und Überall – zum hinterlistigsten Schweizer Film seit langer Zeit."
Christoph Schneider, Tages Anzeiger


"Ein überzeugend konstruierter parabelhafter Film über das Innenleben einer Familie (….) Home ist offen für viele Interpretationen. Wie bereits in Des épaules solides gelingt es Ursula Meier, zugleich konsequent und überraschend zu sein. Unter ihrem eigensinnigen Blick tut sich in diesem Film über eine Familie, die sich der Welt verschliesst, wiederum eine ganze Welt auf."
Der Bund

"Die Stars und die Newcomer spielen hervorragend. Die Bilder und die Tonspur sind exzellent. Und die Geschichte entwickelt einen Sog, von dem man nie weiss, wo er einen hinzieht."
SonntagsZeitung

"Einer der gelungensten Schweizer Filme seit langem."
Mittelland Zeitung

"Das Ensemble ist stark bis in die Kinderrollen, doch der eigentliche Zauber von Home liegt darin, wie Ursula Meier diesem exzentrischen Flecken Heimat immer neue Facetten abgewinnt. (…) Mit Home legt die Regisseurin ihre eindrückliche Reifeprüfung für’s Kino ab."
Tages Anzeiger

"Ein einzigartiger Autorenfilm mit unvergleichbarer Handschrift. (…) Home ist überraschend und originell, köhärenter inszeniert noch als Das Fräulein, kurz: einer der besten Schweizer Filme seit Jahren. "
Solothurner Zeitung

"Die Originalität dieser Fabel hätte Jacques Tati fasziniert..."
Le Monde

"Ein kleines Kinowunder"
Le Matin

Von Jürg-Peter Lienhard


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