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KulturSchweigen

Artikel vom 26.03.2009

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Ottokars Cinétips

Indisches Feelgood-Märchen

Oscar-Abräumer «Slumdog Millionaire» stösst in Indien nicht nur auf Begeisterung - wo man ihn stattdessen als Drittwelt-Voyeurismus empfindet

Von Ottokar Schnepf



Im Film wird suggeriert, dass der Hauptdarsteller aus den Slums stamme, doch er spricht ein lupenreines Oxford-Englisch…


Die andere Seite unseres Planeten, die gerne als die Dritte Welt bezeichnet wird, hat sich für Kinogänger der Ersten Welt seit längerem zu einem klar identifizierbaren Code verdichtet; Filme kartografieren die Elendsviertel als filmische Landschaft. Der erzählerische Dreiklang von Sex, Drogen und Gewalt wird rhythmisiert von der jeweiligen Ghettomusik, der geopolitische Skandal konsumierbar als Produkt der Kulturindustrie.

Jetzt hat Danny Boyle mit seinem «Slumdog Millionaire» das bereits beliebig abgeackerte Clichéfeld der Mittellosen aus der Drittklasswelt um ein Thema erweitert: die Television. Genauer: die «Wer wird Millionär?»-Fernsehshow, die jetzt auch das globalisierte Indien heimsucht.

An einer solchen Quiz-Sendung in Mumbai hat es der schüchterne Jamal aus den Slums, der nie eine Schule besucht hat, bis kurz vor die letzte millionenschwere Frage gebracht. Wie kann das sein? Hat er betrogen? Oder war es wirklich immer nur Zufall, die ihn die richtige Antwort wissen liess? Oder vielleicht mehr als Zufall: Schicksal?

Er habe eben alle Antworten gewusst, so Jamals lapidare Antwort, als sich die Polizei um dieses «Problem» kümmert. Weil diese nicht an einen ehrlichen Quiz-Erfolg glauben will, foltert und verhört sie Jamal. Schliesslich erzählt er seine Geschichte, um sich gegen den Betrugsvorwurf zu wehren.

In vielen Rückblenden schildert nun der Film seine Lebensgeschichte - und wie er zu den Informationen gekommen ist, die ihm nun seinen Millionengewinn bescheren sollen. Natürlich ist es eine Geschichte einer Kindheit, die kaum eine war. Jamal und sein Bruder Salim verlieren früh ihre Mutter bei einem Überfall fanatischer Hindus. Sie werden in ein Waisenhaus aufgenommen, das Böses mit ihnen im Sinn hat, sie fliehen, schlagen sich mit Kleinkriminalität durch.

Früh schon lernt Jamal das Mädchen Latika kennen und lieben, aber er verliert sie in den Wirren seiner Kindheit. Kurz und gut, jede einzelne Antwort auf eine der gestellten Fragen hat mit einem Erlebnis seiner Kindheit zu tun, das der Film in lauten, bunten und oft brutalen Bildern und Geräuschen schildert. Bis am Schluss beinahe als Karikatur alles in einem grossen Happy End in Form einer mitreissenden Bollywood-Tanznummer endet - und Jamal natürlich das Geld und auch sein Mädchen bekommt.

Wen wunderts bei einem solchen Feelgood-Märchen, dass «Slumdog Millionaire» der Überraschungserfolg wurde und als Publikums- und Kritikerliebling der Saison gefeiert wird. Auch mit Preisen wurde der Film ausgezeichnet, zuletzt mit acht Oscars.

Doch der Film erhitzte in Indien die Gemüter. Vor allem, weil ein britischer Regisseur ein Indien präsentiert, in dem ein Filmstar einem mit Scheisse bekleckerten Slum-Jungen ein Autogramm aushändigt. Die Einheimischen finden sich verletzt in der Ehre als Inder. Die renommierte Tageszeitung «The Hindu» fragte sich, was denn nun eigentlich indisch an einem Film sein soll, der ein bis zur Lächerlichkeit verzerrtes Antlitz der Armut zelebriert, das lediglich dazu dient, der selbstgefälligen weissen Welt zu gefallen.

Bekrittelt wurden auch Unglaubwürdigkeiten und Klischees vom exotischen Indien und die für das einheimische Publikum seltsam anmutende Sprache der Darsteller, wie zum Beispiel das unüberhörbare Oxford-Englisch des Quiz-Kandidaten Jamal, das seine Herkunft aus den Slums völlig unglaubwürdig erscheinen lässt.

Doch am Abend der Oscar-Verleihung nahm im Siegestaumel ganz Indien die Oscars als kollektive Auszeichnung entgegen; alle Kontroversen waren vergessen.

Den Kinohelden gibt es übrigens tatsächlich. Harsh Nawathe heisst er und hat an einer solchen Quiz-Show eine Million gewonnen. Er hat sich auch den Film «Slumdog Millionaire» angesehen. Seine Meinung: «Ein Film bloss, ein Märchen; die Realität sieht anders aus».

Das allerdings ist legitim, ein Film darf Märchen erzählen und muss sich nicht unbedingt an die Realität halten. Was er aber nicht darf: das Märchen dem Zuschauer als wahre Geschichte auftischen. «Nach einer wahren Geschichte», heisst es oft im Vorspann, auch wenn die Geschichten erfunden sind.

Damit werden Kinogänger geködert, die immer noch glauben, das Leben schreibe die besten Geschichten. Was erst mal zu beweisen wäre.




Am Tag, als es Oscars regnete: Regisseur Danny Boyle und echte und «Oxford»-Slum-Darsteller im Freudentaumel.

Von Ottokar Schnepf


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