Artikel vom 20.03.2009

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Porrentruy tickt seit 125 Jahren

Kurz bevor «BaselWorld 2009» am 26. März die Pforten öffnete, war am ehemaligen Sitz der Basler Fürstbischöfe Vernissage der schweizerischen Uhrmacherschulen

Von Jürg-Peter Lienhard



Meisterstücke aus zwei Jahrhunderten: Sonderausstellung der Uhrmacher-Schulen in Pruntrut. Alle Fotos: J.-P. Lienhard, Basel © 2009


Der Jura ist das Synonym für Uhren. Das Uhrmacher-Metier geht auf die Hugenotten zurück, die von Calvins Genf den Jura nach Basel und Mülhausen hinaufzogen und dabei als verfolgte, aber ingeniöse Elite Frankreichs gewissermassen ihre dankbaren Spuren im Gastland hinterliessen. Im 19. Jahrhundert war der Bedarf an Uhrmachern derart gross, dass in allen Hauptregionen der Uhrenindustrie der Jurakantone zehn Uhrmacherschulen gegründet wurden, wovon heute sechs immer noch aktive Ausbildungsstätten sind. In Porrentruy, wo eine der renommierten Schulen ansässig ist, zeigt das Ortsmuseum im «Hôtel-Dieu» eine Sonderschau vom 14. März bis 24. Mai 2009 mit exklusiven Meisterstücken aus zwei Jahrhunderten aus allen zehn Schulen.




Porrentruy ist klar eine Reise wert - schon nur wegen des Ortsmuseums im «Hôtel-Dieux», wo in diesem früheren Hospital aus dem 18. Jahrhundert der Kirchenschatz des Basler Fürstbischofs und eine wundervolle historische Apotheke zu besichtigen sind. Foto J.-P. Lienhard, Basel © 2009

Das Ortsmuseum beherbergt in der ständigen Ausstellung schon eine ganze Reihe hochinteressanter Zeugnisse der Uhreningenieurskunst und deren Präzisionswerkzeuge, doch die Sonderschau zeigt in drei weiteren Sälen eine grosse Zahl bisher nicht bekannter Meisterwerke der mechanischen Uhrmacherkunst.

Für die Erlangung eines Meisterdiploms musste der angehende Uhrmachermeister am Schluss seiner Ausbildung eine Uhr von A bis Z herstellen - das frühere sogenannte Meisterstück, das noch mehr galt, als das Arbeitszeugnis oder Diplom selbst. Es sind allesamt Wunderwerke, grossartige Zeugnisse einer Makro-Feinmechanik von einer Präzision, die eben die Schweizer Uhrenindustrie in der Welt zu einer der führendsten machte und den Ruf der Nation als eine der arbeitsamsten und innovativsten mehrte, wie kaum eine andere Branche hierzulande.

Nur: diese meist in Handarbeit gefertigten Wunderwerke haben ihren Preis, und den begannen in den siebziger Jahren zunächst asiatische Nachahmer und später Hersteller von elektronischen Uhrwerken zu unterbieten. Die Uhrenkrise erschütterte gewissermassen über Nacht nicht nur eine traditionelle Branche und zwang zahlreiche alteingesessene Betriebe mit grossem Ruf zur Schliessung der Arbeitsstätten, sondern weckte jäh die ganze Schweizer Wirtschaft aus ihrem beinahe gottgegebenen Inseldasein.

Die Schweizer Uhrenindustrie hatte den Siegeszug der elektronischen Uhren verschlafen, die fortan den Weltmarkt eroberten, weil sie mit billigeren elektronischen statt feinmechanischen Handarbeits-Komponenten ausgestattet waren und daher nebst unerreichter Genauigkeit sogar auch im Luxussegment preislich der schweizerischen Uhrenmechanik überlegen waren.




Die Präzisionsarbeiten im Makrobereich erfordern gutes Licht, weswegen Uhrenfabriken immer grosse Fensterfronten haben, wo die Uhrmacher direkt an den Fenstern arbeiten. Foto: J.-P. Lienhard, Basel © 2009


Es dauerte dann allerdings eine gewisse und schmerzlich lange Zeitperiode, bis zwei junge Ingenieure aus der Bieler Uhrmacherschule ihrem Patron die Idee einer «Wegwerf-Uhr» präsentierten und damit der Schweizer Uhrenindustrie Anfang der achtziger Jahre einen neuen und nachhaltigen Auftrieb verschafften: Die «Swatch», eine batteriebetriebene Plastik-Uhr mit wenigen mechanischen Komponenten, konnte den kompletten Niedergang der grossen Schweizer Uhrenindustrie nicht nur aufhalten, sondern ihr neues Leben einhauchen.

Ermuntert durch den sagenhaften Welterfolg der «Swatch» erhielt die Branche die dringend notwendigen Impulse zur Lancierung neuer Herstellungs-Techniken und schaffte dadurch eine erneut hervorragende Stellung im Weltmarkt, den sie sich allerdings inzwischen mit weiteren Anbietern aus dem asiatischen Raum in harter Konkurrenz teilen muss.

Immerhin vermochte die Schweiz mit der Nachfolge der «Schweizer Mustermesse», der «BaselWorld 2009», den bedeutendsten Anlass der Weltbranche während des Jahres, zu behalten. Und immerhin ist die «BaselWorld» die wichtigste Einkäufermesse für Uhren und Schmuck weltweit.

Der Blick zurück auf die wunderbaren Gesellenstücke der schweizerischen Uhrmacherschulen in der Ausstellung von Porrentruy, rund eine einstündige Zugfahrt von Basel, ist aber nicht nur ein nostalgischer Lehrgang in die verflossene Wirtschaftsgeschichte der Jura-Region, sondern ist eine Begegnung mit hochpräzisem Handwerk von grossartiger technischer Ästhetik.




Die goldene Taschenuhr aus den berühmten jurassischen Manufakturen: Ein «Must», ein unabdingbares Accessoire des kultivierten Herrn des letzten und vorletzten Jahrhunderts (übrigens auf der ganze Welt!). Foto: J.-P. Lienhard, Basel © 2009


Schon nur der Ort, worin sich die Ausstellung befindet, ist diese Reise wert: Das «Hôtel-Dieu», ein mächtiges spätbarockes Gebäude mit repräsentativer symmetrischer Doppel-Treppe aus der Zeit des Basler Fürstbistums, das heute Museum, Bibliothek und Tourismus-Büro beherbergt. Es wurde zwischen 1761 und 1756 als Hospital gebaut, das erst 1956 ausser Betrieb genommen worden war, und worin die unglaublich schöne historische Apotheke mit ihren goldverzierten Standgefässen unverändert erhalten geblieben ist.




Die sagenhaft schöne Apotheke im «Hôtel-Dieu» - bis 1956 Hospital. Die Standgefässe sind Französisch statt Lateinisch angeschrieben, weil die katholischen Ordensschwestern kein Latein konnten. Foto: J.-P. Lienhard, Basel © 2009


Das Museum beherbergt ferner den Gold- und Silberschatz der fürstbischöflichen Periode, historisch wertvolle kirchliche Zeugnisse und Bleiverglasungen mit religiösen Motiven, die Stempel der Münzprägungen des Fürstbistums sowie Preziosen und handwerkliche Zeugnisse der Uhrenindustrie von Porrentruy.




Eine alte Monstranz aus dem Schatz der Fürstbischöfe, wobei der Fuss modern ist; der historische ging verloren. Foto: J.-P. Lienhard, Basel © 2009


Die jetzige Sonderschau ist vom Genfer Musée de l‘Horlogerie et de l‘Emaillerie aus zahlreichen Leihgaben Privater und Institutionen zusammengestellt und zunächst auch in Genf von September 2008 bis Januar 2009 erstmals gezeigt worden. Porrentruy ist die zweite und letzte Station, zumal die Leihgaben befristet sind und mit Ablauf der Ausstellung am 24. Mai 2009 zurückgegeben werden müssen.

Die ausgestellten Meisterwerke berühren zwei Jahrhunderte, aber das jüngste Gesellenstück datiert aus dem Jahr 1980, als diese traditionellen Werkstücke durch das Einläuten der elektronischen Aera an kommerzieller - nicht aber an sammlerischer - Bedeutung verloren.

Die Ausstellung gibt ferner Zeugnis vom Umfeld der Uhrmacher-Ausbildung vom Erstellen technischer Zeichnungen über den Unterricht bis zu den Schulungs-Modellen. Der Hauptakzent ist darauf ausgelegt, wie die Schulen ihr Wissen vermittelten. In der Tat haben sich die uhrmacherischen Innovationen der Branche über diese Schulen entwickelt, weswegen die Ausstellung die technische und innovative Geschichte der schweizerischen Uhrenindustrie von Anfang 19. Jahrhundert bis in die 80er-Jahre des 20. Jahrhunderts lückenlos wiedergibt.




Die Uhrmacherschulen bilden für den gesamten Personalbedarf der Branche aus: Arbeiter, Meister, kaufmännisches Kader und Management. Foto: J.-P. Lienhard, Basel © 2009


Bemerkenswert ist, dass von den zehn in Etappen von Anfang bis Mitte des 19. Jahrhunderts gegründeten Uhrmacherschulen noch heute sechs aktiv sind (in Klammern Gründungsjahr oder Aktivitätsperiode):

• Le Locle (1823) *
• La Chaux-de-Fonds (1825 – 1996)
• Genève (1824) *
• Porrentruy (1842) *
• Fleurier (1851 – 1985)
• Saint-Imier (1866 – 1983)
• Neuchâtel (1871- 1936)
• Bienne (1871) *
• Soleure (1884 - 2002, seit 2002: Granges) *
• Le Sentier (Vallée de Joux, 1901) *


(Die mit einem * bezeichneten Orte hinter der Gründungs-Jahreszahl, sind 2009 noch aktive Lehr- und Ausbildungsstätten.)

Die aktiven Uhrmacherschulen bilden für den gesamten Jurabogen Arbeiter wie Meister-Eliten aus, ebenso das kommerzielle Personal und auch das künftige Management. Die Schulen müssen sich der steten globalen Herausforderung auf einem hart umkämpften Markt stellen und leiden zudem an einer starken Verknappung ausgebildeter Lehrkräfte, deren Kenntnisse auf der Höhe der Zeit sein müssen und stets Schritt halten sollten mit den sich immer rascher ändernden technischen Anforderungen.

125 Jahre Uhrmacherschule Porrentruy

Die Uhrmacherschule von Porrentruy feiert dieses Jahr unter ihrem heutigen Namen «Ecole des Métiers techniques, section Horlogerie» ihr 125. Jubiläum. 1842 eröffnete sie mit einer Klasse im Hospiz des Schlosses, damals ein Alters- und Waisenheim. Der Ajoie fehlten in der aufkommenden Uhrenindustrie qualifiziertes Personal. Zwei Meister sollten anfänglich vier Schüler ausbilden.

Die Schule zog mehrmals im Ort um. Höhepunkt ihrer Aktivität war das Jahr 1902, als sie einen ersten Preis für einen Präzisions-Regulateur erhielt. Die 30er-Jahre-Krise setze auch der schweizerischen Uhrenindustrie hart zu, so dass die Schule 1935 vorübergehend geschlossen, aber im Kriegsjahr 1944 unter dem Namen «Atelier d‘apprentissage» wiedereröffnet wurde; rechtzeitig vor dem Nachkriegsboom der Uhrenindustrie, wie es sich nachträglich erwies. 1972 bezog sie dann ihr heutiges Domizil an der rue de la Maltière 33, wo sie inzwischen etappenweise erweitert und räumlich angepasst wurde. Sie bildet heute 60 Uhrmacher-Lehrlingen aus.


Fotostrecke aus der Sonderausstellung

Alle Fotos: J.-P. Lienhard, Basel © 2009




Die Directrice des «Musée Hôtel-Dieu Porrentruy» (MHDP), Anne Schild, stellte sich für diese Aufnahme hinter die Vitrine mit den Werkzeugkästen der Uhrmacher zum Grössenvergleich: Der Uhrmacher arbeitet an winzigen Werkstücken, weshalb auch seine Werkzeuge winzig sind, so zahlreich sie auch sein mögen.




Die Vitrine der Schule von Solothurn, die 2002 nach Grenchen umzog. Im Hintergrund eine Reihe mächtiger Regulatoren.




Typisch 19. Jahrhundert: Wahrscheinlich ist es eine Figur aus der griechischen Mythologie - aber ich habe da beim Fotografieren leider nicht aufgepasst. Indessen gehörte es in dieser Epoche ebenfalls zum Metier der Uhrmacher, solche Verzierungen zu schaffen und anzubringen.




Dieses Gehäuse mit seiner Abschlussverzierung eines Regulators ist Brienzer Schnitzerei.




Diese Taschenuhren sind Zeugen einer verflossenen Mode, die von den Armbanduhren verdrängt wurde.




Die Fachbegriffe in der Uhrenindustrie sind naturgemäss französisch. Das Zifferblatt dieses Chronometers ist von einer «Emaillerie» hergestellt worden. Emaille meint da aber ja nicht eMail…




Für den Unterricht wurden auch Demonstrationsmodelle hergestellt, damit den Schülern die einzelnen Funktionen besser erklärt werden konnten.




Meisterstück und Meisterdiplom, das in der Schule von Neuchâtel einen ersten Preis erhielt. Dabei ist das Werkstück wichtigerer Ausweis als das Papier.




Bei Hochqualitäts-Uhren werden die Achsen auf Rubinen gelagert, die eine viel geringere Abnützung haben und daher eine grosse Ganggenauigkeit über Jahre aufweisen.




Eine Drehbank für Uhrmacher ist eben auch ein Miniaturwerkzeug, und kann nur mit zwei Fingern angetrieben werden.




In Porrentruy ist eine der sechs noch aktiven Uhrmacherschulen ansässig, von der wertvolle Ausstellungsstücke in der Sonderschau im «Hôtel-Dieu» zeugen. Doch die Uhr des ehemaligen Spitals steht schon seit längerer Zeit still - zum Ärger aller, die sich so grosse Mühe für die Ausstellung gemacht haben.

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Von Jürg-Peter Lienhard


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