Artikel vom 18.01.2009

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J.-P. Lienhards Lupe

L'Appel de Strasbourg en annexe

Friedliche Wut-Demo in Mulhouse

Der Aufruf der religiösen und politischen Notabeln von Strassburg zu gegenseitigem Respekt wurde zwar wahrgenommen, aber die Parolen waren voller Wut

Von Jürg-Peter Lienhard



Dem Demo-Aufruf linker und muselmanischer Organisationen folgten erneut 3000 Personen. Alle Fotos: Pierre Dolivet, Mulhouse © 2009


Erneut folgten am Samstag, 17. Januar 2008, in Mulhouse mehrheitlich Muselmanen einem Demo-Aufruf linker und religiös-fundamentalistischer Organisationen. Beobachter schätzten die Teilnehmer auf rund 3000 Personen, mehrheitlich Muselmanen, und streckenweise herrschte das Bild einer «Kopftuch-Demo» vor. Noch konnten die Organisatoren die «Allah-Akhbar»-Spontis unter Kontrolle halten - aber es kam dennoch zu Israel-Fahnenverbrennungen.

65 Jahre nach dem Märtyrertod von Jean de Loisy, dem Anführer des Befreier-Detachements im Elsass, sorgt die zwar friedliche, aber dennoch sichtbar hasserfüllte Demo gegen die israelische Intervention im Gazastreifen, gleichwohl für Hellhörigkeit: Wäre die Befreiung des Elsass, Frankreichs und Europas von den deutschen Nazi-Verbrechern nicht gelungen, würde heute kein Muselman in den Strassen Mülhausens spazieren oder gar demonstrieren.

Die «Entjudung» des Elsass und der Struthof, das scheusslichste aller Konzentrationslager der Nazi, wo sadistische Versuche an lebenden Menschen vorgenommen wurden, der Zwangseinzug in die Verbrecher-Armee, die Zerstörung traditioneller jüdisch-christlicher Gemeinschaften im ganzen Elsass, das alles sind im Elsass höchst sensible Themen und Aspekte, die von geschichtsbewussten und gebildeten Elsässern mit grösster Sorgfalt in der Gewichtung gegenüber «zeitgemässen» Strömungen bewertet werden.

Der «Appel de Strasbourg» (Strassburger Aufruf), den die fünf höchsten religiösen und politischen Würdenträger Strassburgs aller Konfessionen Anfang Januar 2009 an die gesamte elsässische Bevölkerung, also Christen, Juden und Muselmanen, richteten, spricht eine deutliche Sprache: «Wir alle, Juden, Christen, Muselmanen, sind uns der gemeinsamen Werte bewusst, die wir (in unserer Funktion) mittragen und bedauern und verurteilen daher in aller Form und unbesehen jegliche Handlungen, Äusserungen, Reden und Veranstaltungen, welche fremdenfeindliche oder diskriminierende Absichten haben - egal, von welchem Teil der Bevölkerung sie auch immer ausgehen mögen.»

Und noch deutlicher distanzieren sich diese Persönlichkeiten davon, dass die Austragung des nahöstlichen Konfliktes ins Elsass importiert werden oder zumindest instrumentalisiert werden soll.

Der Strassburger Appell wurde gemeinsam verfasst und unterzeichnet von Roland Ries, Bürgermeister von Strassburg, Monsignore Grallet, Bischof von Strassburg, Jean-François Collange, Präsident der Evangelisch-reformierten Kirche Elsass-Lothringen, René Gutman, Grossrabbiner von Strassburg und Driss Ayachour, Präsident der Muselmanischen Kultusgemeinde Elsass.

Die linken und extrem-religiösen Gruppierungen Mülhausens jedoch versuchen gleichwohl, den nahöstlichen Konflikt zu instrumentalisieren. Die Hass-Parolen und die Fahnenverbrennungen einzelner Heissporne jedenfalls belegen dies. Immerhin hatten die Organisatoren den Protestmarsch eine halbe Stunde früher als geplant abgebrochen, als mit einer ersten Fahnenverbrennung sich mögliche Provokationen abzeichneten.

Andererseits ist unübersehbar, dass die israelische Intervention in Gaza auch von den elsässischen, mithin den europäischen Muselmanen als Demütigung und Angriff auf ihre Integrität angesehen wird. Allerdings ohne die geringste Bereitschaft, einen Dialog anzustreben. Was man indes von der «Gegenseite» ebenfalls behaupten muss.

Die Demo in Mulhouse machte leider offensichtlich, dass fundamentalistische Elemente und blinder Fanatismus ziemlich nahe beieinander agieren und kaum an einer Friedenslösung interessiert sind. Immerhin ist der Protest legitim und wird auch gehört: Die israelische Waffenpolitik ist verabscheuungswürdig, zumal angesichts der enormen Opferzahlen unter der Zivilbevölkerung und wegen der zynischen Missachtung der Menschenrechte durch die Beschiessung von Uno- und Rotkreuz-Missionen.

Glücklicherweise verursachten bislang die selbstgebastelten Raketen der Hamas wenig Menschenopfer und kaum Schaden - aber dahinter steckt dieselbe fatale blinde Unnachgiebigkeit, wie man sie der israelischen Vergeltung zuschreibt. Das Gleichgewicht des Schreckens ist zwar ein Ungleichgewicht der Waffen, wird aber aufgewogen durch eine undiskutable Legitimation, im Namen irgend eines Gottes zu Killen, statt das Leben zu leben - wie es Gott nämlich will…



APPEL DE STRASBOURG POUR LE RESPECT MUTUEL ET LE DIALOGUE

(Cet Appel de Strasbourg, signé de cinque notables-auteurs peut-être déchargé en format PDF par le lien ci-dessous)


A l'initiative de Roland Ries, Maire de Strasbourg, nous nous sommes réunis en l'Hôtel de Ville, maison commune de tous les Strasbourgeois, afin de partager nos préoccupations collectives sur l'actualité internationale et ses répercussions dans notre Cité.

Nous tous, juifs, chrétiens, musulmans, conscients des valeurs communes que nous portons, nous déplorons et condamnons fermement tous les actes, propos, discours ou manifestations sous toutes les ormes d'expression quelles qu'elles soient, présentant un caractère xénophobe ou discriminatoire, à l'égard de quelque composante de la population que ce soit.

Nous condamnons de la même manière, toutes les tentatives d'instrumentalisation ou d'importation des conflits du Proche Orient. Ces tentatives ne servent pas la cause de la Paix, ni au Proche Orient ni dans notre région, Paix qui est l'objectif vers lequel, nous devons tous tendre.

Nous nous félicitons de pouvoir constater la qualité du dialogue que nous entretenons à Strasbourg les uns avec les autres, depuis de nombreuses années. Nous souhaitons que les fidèles de toutes les confessions prolongent dans leur vie quotidienne cette qualité de dialogue en un moment où celui-ci est plus que jamais nécessaire.

A Strasbourg, capitale européenne des Droits de l'Homme, nous entendons assumer cette responsabilité particulière, qui est de privilégier, en toutes circonstances, le dialogue et la tolérance.

Strasabourg, Jeudi, 8 janvier 2009

Roland Ries
Sénateur-Maire de Strasbourg

Mgr Grallet
Archevéque de Strasbourg

Jean-Fraçois Collange
Président de l'E.P.A.L.

René Gutman
Grand Rabbin de Strasbourg

Dryss Ayachour
Président du C.R.C.M.-Alsace



Fotoreportage von Pierre Dolivet, Mulhouse © 2009 von der Demo vom Samstag, 17. Januar 2009



Welche Ideologie, welcher religiöser Fanatasimus auch immer hinter dem Kriegsgrund im Gaza steckt: Es werden Menschen umgebracht, Zivilisten zumal!




Die «Allah-Akhbar»-Fraktion war eine Minderheit, konnte aber das «Zünserln» nicht lassen und wurde auch nicht daran gehindert. Immerhin setzten die Organisatoren danach die Demo eine halbe Stunde früher ab als geplant…




Das Kopftuch ist nicht nur religiöses Symbol, sondern stets auch politisches.




«Kein Frieden ohne Gerechtigkeit»: Der Tarif der Fanatiker, die die Philosophiestunden geschwänzt haben…


Von Jürg-Peter Lienhard

Für weitere Informationen klicken Sie hier:

• Appel de Strasbourg en original en format PDF


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