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KulturSchweigen

Artikel vom 30.12.2008

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Basel - Kultur

Si isch duss!

Die Plaketten-Vernissage zu Basels grösstem Kulturereignis, der Fasnacht 2009, brachte Überraschendes, Nochniedagewesenes…

Von Jürg-Peter Lienhard



Grosses Fotografen-Gedränge um den Blaggedde-Künstler und sein Werk, das jedenfalls ein Geniestreich in Sachen Sujet und Motto ist. FotoJ.-P. Lienhard, Basel © 2008


Genau 61 Tage vor dem Grossereinis Fasnacht hat das Fasnachts-Comité unter seinem Obmaa Felix Rudolf von Rohr am Dienstag, 30. Dezember 2008, den Künstler und sein Werk sowie das Motto des Jahrgangs 2009 vorgestellt - an einer Pressekonferenz im Volkshaus mit einem Aufmarsch von Medienvertretern, deren Zahl sonst an keinem anderen Anlass der Stadt grösser ist. Roger Sigrist aus Binningen heisst der Sieger der stets anonym durchgeführten Auslese. Dieses Jahr wurden 89 Entwürfe von 59 Künstlern und Künstlerinnen eingereicht, und das Motto der Fasnacht 2009 könnte treffender nicht gewählt sein, ist es doch in doppelter Hinsicht deutbar - vom Plaketten-Motiv bis zur Finanzkrise: «Jetz simmer laggiert»…

Obmaa Rudolf von Rohr ist der Mann der leisen Töne, die aber Ausdruck scharfer Beobachtung und kluger Analyse sind, gepaart mit einem «structus fundus» höherer Bildung: Seine Värsli im Namen des Comités verraten stets grosse Klasse was Reim und Inhalt und immer auch Aussage betrifft (siehe Fasnachts-Motto im Anhang). Seine Begrüssung der Pressevertreter, wie immer eine enorme Schar an der Blaggedden-Vernissage (da die Schreiberlinge ja auch eine Gratis-Goldene mitnehmen dürfen), begann mit einer äusserst berechtigten Korrektur an die Adresse einer der grösseren Basler Zeitungen: Diese hatte letzthin einen umfangreichen «Kulturkalender» mit den bevorstehenden Ereignissen im Jahr 2009 veröffentlicht, ohne dabei nicht mal mit einem nur geringen Wort den grössten Kultur-«Event» der Stadt, die Fasnacht, zu erwähnen!

Mehr sagte er nicht, aber ich erlaube mir mehr dazu zu schreiben: Der Basler Fasnacht wohnt eine enorme Kultur-Potenz inne, wie sie wohl nirgends anderswo so vielfältig und konzentriert ihren Ausdruck findet! Sie ist auch Messpegel für das Bildungsniveau der breiten Bevölkerung. Nirgends wird so intensiv über die innere und äussere Befindlichkeit der Gesellschaft nachgedacht, analysiert und in Kommentare und in Form von Versen und Schnitzelbängg oder grafischer Gestaltung gebracht, wie in der Stadt am Rheinknie, wo sich eben die kreative Virilität in geballter Ladung während dreier Tage im Jahr in unüberblickbarem Mass entlädt.

Was anderes als Kultur ist dies denn, wenn mit der fasnachts-künstlerischen Verfremdung des Alltags eine andere Sicht geschaffen wird auf ebendiesen Alltag? Was adelt die Fasnacht als kulturelles Ereignis mehr, als die Vergänglichkeit der drei Tage, während «grosse Kultur» doch stets auf «Unsterblichkeit» aus ist und damit die Vergänglichkeit von allem und jedem zu verleugnen sich anmasst?

«Jetz sinn mer laggiert!» - darauf muss einer erst mal kommen: Das Motto ist ebenso zeitgerecht, wie es mit der Plakette von Roger Sigrist auch doppelsinnig wirkt und damit das Geheimnis des Basler Witz nicht besser zum Ausdruck bringen kann: Die hintersinnige Doppeldeutigkeit. Ein Vermögen, was Basler an Elsässern so hoch schätzen, die so virulent zwischen Französisch und Elsässisch hin und her switchen können und dadurch die vermeintlich deutliche Aussage auf Französisch ziemlich relativieren, wenn nicht gar ins Gegenteil verkehren können…



Der Graveur und Larvenmacher Roger Sigrist erklärt sein Motiv. Sitzend am Tisch: Comité-Obmaa Felix Rudolf von Rohr. Foto J.-P. Lienhard, Basel © 2008


Bref! «Jetz sinn mer laggiert!», das ist das Sujet der Blaggedde 2009. Ihr 46-jähriger Schöpfer arbeitet pikanterweise als Graveur beim Hersteller der Basler Fasnachtsplaketten, der Firma René Müller. Aber sein Hauptberuf ist das Larvenmachen, erklärte er in breitestem Binninger Dialekt (dort sagt man Meendig, statt Määndig, und Streel statt Strähl - aber trotzdem auch nicht wie Tamara Wernli auf telebasel: Mue–Tänzerin, statt Muttnzerin…).

Ihn übekam die Idee für das Blaggedde-Sujet, als er die auf den Gestellen seines Larvernateliers schön in Reihe gelagerten Lavern betrachtete, die noch auf die Bemalung harrten. Für Christoph Bürgin von der Blaggedde-Jury erfüllte Sigrists Vorschlag in vielerlei Hinsicht die inzwischen fast unerfüllbaren (!) Bedingungen, damit sich niemand unter den stets altjümpferlich-empfindlichen Fasnachts-Aktiven «diskriminiert» zu fühlen braucht. Roger Sigrists Enwurf hält sich an alle, ja wirklich alle «nichtdiskriminierenden» Bedingungen, die eine «ausgewogene» Fasnachtsplakette ausmachen.

Und gleichwohl schafft er das Kunststück, dass sein Entwurf deswegen nicht langweilig ist, sondern obenaus noch ein richtiger Wurf geworden: Kein Pfeifer, kein Guggemusiker, kein Ladärne-Träger, kein Binggis, keine alte Gumsle, kein… ist zu kurz gekommen, denn die Blaggeddde 2009 zeigt neun (noch) unbemalte Larven, unter denen jeder Fasnachtsteilnehmer, ob Drummler oder Chaise-Passagier, und die Obgenannten sowieso, versteckt sein könnte… Und selbst der Larvenkünstler ist auf der Plakette zu sehen - eine Premiere in der bald hundertjährigen Geschichte der Basler Fasnachts-Blaggedde.

Die Blaggedde von Roger Sigrist, so wird nun verständlich, ist auch Beweis für das treffsichere Auge der Jury, die sich mit einer Überzahl von Entwürfen mit dem Sujet der längst vergangenen und schon gründlich vergessenen «Euro 08» konfrontiert sah - oder mit der anderen Grossveranstaltung namens «Tattoo»… Der Jury wurden 89 Entwürfe von 59 Künstlern zugesandt, darunter nur sieben Frauen. Letztere sind eben jetzt laggiert, aber nicht, weil sie Frauen sind. Seit 1911 gab es erst zwei Frauen, deren Entwürfe die Gnade der Jury fanden. Eine, die es schaffte, war immerhin Irène Zurkinden.


Das isch si, das sinn si!



Die Goldigi uffere Künschtler-Palette (rächts, ) und 's Bijou in eme Helgeraame: mr kha 's drülle wie me wott - ebb dr Raame grad oder 's Bild schief oder umkehrt sell sii…




Und das isch 's Sammelsuurium - fir die, wo no gnueg Flüssigs hänn und nit laggiert worde sinn!




Info

Die Plakettenpreise 2009 bleiben unverändert.

• Kupfer 8 Franken
• Silber 15 Franken
• Gold 45 Franken
• Bijou 100 Franken

1911, als das Comité die erste Plakette in Auftrag gab, kosteten die damals erhältlichen Ausführungen 20 und 50 Centimes…

Die Cliquen verdienen beim Kauf einer Plakette 30 Prozent des Verkaufspreises, also Fr. 2.40 an Kupfer; Fr. 4.50 an Silber; Fr. 13.50 an Gold und Fr. 30.-- an einem Bijou (Direktsubventionierung).
Wer also einen ganzen Satz Plaketten verkauft, verdient für seine Clique total Fr. 50.40

Wie alljährlich gilt der Besitz einer Plakette auch als Eintrittsticket am Eröffnungstag der «muba».


Die offizielle Plakettenausgabe für die Fasnachtscliquen findet wie alljährlich am ersten werktäglichen Samstag des Jahres statt; dieses Jahr

am 10. Januar 2009 in der Schmiedenzunft am Rümelinsplatz.




Roger Sigrist aus Binnäsch-les-Bains, Schöpfer der Blaggedde 2009, «Jetz simmer laggiert!». (Mit diesem Namen könnte er leider auch Aargauer sein…) Foto J.-P. Lienhard, Basel © 2008


Von Jürg-Peter Lienhard

Für weitere Informationen klicken Sie hier:

• Das Fasnachts-Motto 2009 in Versform

• Ein Kultur-Koryphäe über Basler Fasnächtliches


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