Artikel vom 12.12.2008

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Elsass - Kultur

Freudenrausch statt Kaufrausch

Das kann einem verleiden und ist einem beinahe schon jetzt: Jedes Jahr werden allenorten die Giggernillis-Weihnachtsmärkte grösser und noch langweiliger

Von Jürg-Peter Lienhard



Zuoberst am Eiszapfenlichter-Baum leuchtet nicht der «Stern von Bethlehem», sondern der (Voll-)Mond - aber der ist echt! Foto: J.-P. Lienhard, Basel © 2008


Das «christliche» Weihnachstfest steht dieses Jahr unter einem sehr unchristlichen Stern: Demjenigen des gigantischen, gnadenlosen Egoismus und des längst entlarvten Kapitalismus! Nie war Besinnung so nötig wie jetzt, aber selbst auf den Weihnächtsmärkten wird spekuliert - auf den Kaufrausch! Nur weg aus dieser verlogenen Umgebung, auch wenns nur ein Abend lang ist. Aber wohin?

Der «Kaufrausch» ist so eine Sache. Aber nachhaltiger wirkt ein wunderschönes Erlebnis, das man übrigens auch schenken kann: Ein nächtlicher Besuch im farbig beleuchteten elsässischen Parc de Wesserling, wo ein Lustschlösslein aus dem 17. Jahrhundert auf einem Moränenhügel thront, umgeben von vier prächtigen Gärten mit eigenartigen zeitgenössischen Kunstwerken.

Wo man in zwei Beizen echt elsässisch speisen und im Textilmuseum alte Stoffe und Kostüme sowie moderne Textilkunst bewundern kann. Wo man weder animiert noch gezwungen wird, irgendwelchen Giggernillis, furztrockene Lebkuchen, selbstgezogene Kerzen, die sowieso das Tischtuch und den Teppich vertropfen, oder sonstige Staubfänger, lieblose «Äxgysi»-Geschenklein und hanebüchernen Kitsch zu kaufen: Im Park von Wesserling vermittelt Kunst Weihnachtszauber und zauberhafte Weinachtsstimmung ohne Kitsch, auch wenn die wunderschön beleuchtete Freilicht-Ausstellung zum Titel «Noël au Jardin» hat. Denn das nächtliche Erlebnis ist eben kein tschingelbellweihnächtliches mit Kerzlein und Kügelein.



Da ist nicht zu viel versprochen: Machen Sie ein Erlebnis zu einem Weihnachtsgeschenk - das bleibt länger in Erinnerung als Giggernillis! Foto: J.-P. Lienhard, Basel © 2008


Vielmehr klärt der Untertitel auf: «Ein überraschender Spaziergang». Die Besucher - ihnen wird nur Eintritt (Kinder ab 1.50 €uro, 5 €uro für Erwachsene) abgeknöpft - nehmen an einem geführten und «animierten» Spaziergang teil, bei dem sie an verschiedenen Posten überraschende Begegnungen haben werden. Dabei erfahren sie in szenischen Kapiteln Ausschnitte aus der Geschichte des Schlosses und der Textilgründer, der Genfer Hugenotten-Familien Gros und Roman.



Das Christkindli ist zwar laut Legende in einem Stall geboren worden - nicht in so einem herrschaftlichen, wie demjenigen des Schlosses von Wesserling! Foto: J.-P. Lienhard, Basel © 2008


Der Spaziergang beginnt bei den Stallungen der Textilbarone, wo tatsächlich Ross und Esel untergebracht sind, vorbei an einem dampfenden (und beleuchteten) Misthaufen. Danach führt eine Laienschauspielerin die Gruppe - jeweils alle 20 Minuten ab 17.15 Uhr bis 21.15 Uhr - zum Schloss der Patrons, wo die «Patronne» im Kostüm des 19. Jahrhunderts im zeitgenössisch ausstaffierten Klavierzimmer Weihnachtslieder probt.




Kein Kitsch, kein Weihnachtsmarkt-Kitsch, sondern Kunst zur Weihnachtszeit erfreuen Aug‘ und speisen Seel‘: Den Magen kann man sich dann in der Beiz «Coté Jardin» (im Bild) à l'Alsacienne kitzeln lassen, und man hat von dort oben erst noch einen wundervollen Überblick auf den Park. Foto: J.-P. Lienhard, Basel © 2008


Danach geht der Spaziergang in den wunderschön beleuchteten Schlossgarten. Statt Kerzen und Kugeln erwarten die Besucher künstlerische Objekte und künstlerisch gestaltete Bäume und Anlagen, die ebenso künstlerisch «belichtet» und thematisch mit textilen Materialien «geschmückt» sind. Augefälligstes Objekt ist einer der beiden fast 30 Meter hohen Mammutbäume, die mit Stoffbahnen drapiert sind und von versteckten Lichtquellen beleuchtet werden. Ich frage mich noch jetzt, wie die Künstler da in das Mammut-Geäst hochgeklettert sind, oder ob sie Licht und Tuch gar per Helikopter angebracht haben.



Auf der internetreduzierten Foto wirkt der über 150-jährige und über 30 Meter hohe Mammutbaum nicht sonderlich. Aber wenn man links unten die klitzekleinen Schattenrisse der Besucher vergleicht, wird einem das Grössenverhältnis erst klar! Foto: J.-P. Lienhard, Basel © 2008


Von Objekt zu Objekt sind Überraschungen angesagt: In einem Kunstobjekt, das als Irrgarten gebaut ist, findet man nur darum wieder hinaus, weil jedem Besucher eine Petrolfunzel mit auf den Weg gegeben wird. Und wen es trifft, der wird von einem unerwarteten Element buchstäblich angefaucht - mit Vanille-Geschmack…



Blick von den Springbrunnen im Schlossgarten zum blau beleuchteten Jagdschlösslein…




…und in umgekehrter Richtung vom Schlösslein zu den Springbrunnen hinunter. Foto: J.-P. Lienhard, Basel © 2008


Selbst wer nicht genug Französisch spricht, dem wird die Stimmung im Kuhstall des im Schweizer Chalet-Stil gebauten Bauernhofes wohligwarm gefallen, auch wenn es keine Weinachtsgeschichte ist, die man von einer Laienschauspielerin erzählt bekommt.



Nicht die Weihnachtsgeschichte, sondern eine weihnächtliche Geschichte hört sich im warmen Kuhstall ebenso herzergreifend an. Foto: J.-P. Lienhard, Basel © 2008


Der rund einstündige Spaziergang endet im Vorbeigehen an einer künstlerisch interessant verfremdeten Krippe im «Chalet-Suisse», wo man sich bei einem «vin chaud» oder heissen Kaffee gratis wieder aufwärmen und zu moderaten Preisen mit «tartines» oder «Brédlà» stärken kann.



Das «Chalet Suisse» der Genfer Textilbarone wurde im 19. Jahrhundert Mode im Tal… Foto: J.-P. Lienhard, Basel © 2008


Nützliche Informationen

«Noël au Jardin: La traversée du château» - nächtlicher Spaziergang durch den Park von Wesserling

vom 28. November bis 29. Dezember 2008,
jeden Freitag, Samstag und Sonntag, sowie Montag, 29. Dezember ab 17.15 Uhr bis 21.15 Uhr


• Dauer des «Spaziergangs»: 1 Stunde

• Abmarsch mit Animatorinnen oder Animatoren alle 20 Minuten in Gruppen von maximal 30 Personen.

• Erzählungen in französischer Sprache - jedoch sind die Handlungen auch für Anderssprachige verständlich.


Eintritt

Im Preis inbegriffen sind: Eintritt ins Textil-Museum ab 10 Uhr bis 21 Uhr sowie der animierte Rundgang ab 17.15 Uhr und ein warmes Getränk am Schluss.

• Erwachsene: 5 €uro
• Kinder von 6 bis 10 Jahre: 1.50 €uro
• Kinder von 10 bis 18 Jahren 2.50 €uoro
• Kinder bis 6 Jahre sind gratis




Das Klavierzimmer im Schloss, eingerichtet und tapeziert wie im 19. Jahrhundert. Bei genauem Hingucken jedoch wird klar, dass Licht und Mobiliar nicht darüber hinwegtäuschen können, dass das Schloss über Jahrzehnte leer gestanden und von Vandalen verwüstet worden war. Seit es durch die initiativen Leute des Parks unter Denkmalschutz gestellt werden konnte, harrt es nur noch auf die Finanzierung der Restauration. Foto: J.-P. Lienhard, Basel © 2008


Sonstiges

• Warme Kleidung und gute Schuhe sind sehr empfehlenswert.

• Empfehlenswert ist der Besuch des Textilmuseums (von 10 Uhr bis 21 Uhr - im Eintrittspreis inbegriffen).

• Ebenfalls empfehlenswert ist der Besuch der Produzentenhalle, wo einheimische landwirtschaftliche Produkte, zumal Bio (Wein, Münsterkäse, Fleisch, Konfitüre, Honig, Joghurt, Gemüse, Brot, Schnaps usw.) erstanden werden können und wo Kunsthandwerker (Textilien, Mode, Holz, Malerei, Blumengebinde usw.) ausstellen oder vor Publikum arbeiten.


Anfahrt

• Per Bahn ab Mulhouse–Kruth, Station Husseren–Wesserling. Der Parkeingang ist vom Bahnhof in zirka 10 Minuten und rund 500 Meter bequem zu Fuss zu erreichen.

• Per Auto: von Mulhouse auf der RN 66 via Thann, Richtung Epinal.

• Distanzen: ab Basel 65 km (ca. 3/4 Stunden); ab Mulhouse 35 km (ca. 25 Minuten).




Eric Jacob, der Direktor von Park und Textilmuseum, vor einem alten Stich des Parks zur Blütezeit der Wesserlinger Textilmanufaktur Mitte 19. Jahrhundert, die damals schon eine ganze Landschaft ausmachte. Sein Pullover ist etwa nicht zerschlissen, sondern Textilkunst, wie sein Tschäpper auch. Foto: J.-P. Lienhard, Basel © 2008




Isabèl, die feurige Spanierin, ist Marketingverantwortliche des Parks und Museum. Sie wäscht hier das Geschirr im «Chalet Suisse», wo sie nebst dem «Vin chaud» und Kaffe für die Teilnehmer des Rundgangs auch «Monster»-Toasts bäckt. Während der Animations-Periode um Weihnachten müssen alle Mitarbeiter des Parks und Museums alles machen - sogar das Geschirr, das Isabel zuhause gewöhnlich ihrem Freund überlässt… Foto: J.-P. Lienhard, Basel © 2008




Die Animatorinnen und Animatoren der Abend-Erlebnisspaziergänge nach Ende ihrer «Dienstzeit». Sie sind (mit Ausnahme des Direktors - Zweiter von rechts) alle Freiwillige, die mit Herz und Seele dabei sind und es meisterhaft verstehen, die Besucher in Bann zu ziehen. Foto: J.-P. Lienhard, Basel © 2008


Restauration

2 eigenständige Restaurants: «Coté Jardin» und «La Clématite» sowie Buvette im Textilmuseum und kleine Restauration im «Chalet Suisse»


Adresse und Reservation

Parc de Wesserling - Musée Textile
Rue du Parc
F-68470 Husseren-Wesserling

Tel. +33 3 89 38 28 08
eMail: info@parc-wesserling.fr
Internet: www.parc-wesserling.fr

Für Spezial-Auskünfte und Tips für die Umgebung: Wenden Sie sich an die Redaktion webjournal.ch: info@webjournal.ch


Tip

• Besuchen Sie die historische Nussöl-Mühle von Storckensohn. Sie hat geöffnet am 21. Dezember 2008 von 14 bis 17.30 Uhr.

Die Demonstration der mit einem mächtigen Wasserrad und einem enormen steinernen Mühlrad betriebene Mühle ist hochinteressant! Die Herren Haller (Besitzer) und Schneider (Präsident des Vereins für den Erhalt der Mühle) sprechen fliessend Elsässisch, und Jean-Noël Oger, der «Animator» hat «dicke Mäuse» in den Oberarmen. Die braucht er nämlich an der Presse, wo aus den zuvor gemahlenen und erhitzten Baumnüssen unglaublich köstliches Nuss-Öl herausfliesst.

Es ist das gesündeste Öl überhaupt (noch vor Olivenöl!), und man kann es im kleinen, wunderprächtigen Museum nebenan auch kaufen, wenn man beim Degustieren und dem offerierten heissen Apfelsaft Gefallen daran gefunden hat.


• Gruppenbesichtigungen jederzeit: Tel. +33 3 89 39 14 00




Monsieur Haller in der Ölmühle am Mahlen von Nüssen, interessiert beobachtet von Journalistinnen und Journalisten aus der ganzen Schweiz und von angesehenen oder grossen Tageszeitungen, fotografiert während einer Pressefahrt ins Tal von Sankt Amarin im April 2008. Foto: J.-P. Lienhard, Basel © 2008

Von Jürg-Peter Lienhard

Für weitere Informationen klicken Sie hier:

• Homepage Parc de Wesserling (fr/dt)

• Faltprospekt «Noël au Jardin» (französisch)

• Mehr zur Mühle Storckensohn (frz.)

• Mehr zum Textilmuseum im Parc de Wesserling (dt.)


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