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KulturSchweigen

Artikel vom 30.11.2008

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Ottokars Cinétips

Träume und Erinnerungen

Der reale Irrsinn, der mit nichts zu beschreiben ist, ausser mit einem irrsinnigen Animationsfilm

Von Ottokar Schnepf



In «Waltz with Bashir» rekonstruiert Folman die private Geschichte seiner späteren Auseinandersetzung als wild blühenden, sehr erwachsenen Animationsfilm. Ein bildgewaltiger, durch Träume und Erinnerungen wandernder Essay über den Irrsinn des Krieges und die Kraft der Verdrängung.


Ari Folman war 19, als er sich im September 1982 mit seinen israelischen Armeekameraden im Sicherungsring rund um das Palästinenserlager von Sabra und Schatila in Beirut wieder fand, wo libanesische Milizen ein Massaker an Zivilisten verübten.

Am 14. September 1982 riss eine Bombe Bachir Gemayel in den Tod. Gemayel, der christlich-phalangistische Vorsitzende der Kat'ib-Partei, war kurz davor mit Deckung der israelischen Besatzer zum Präsidenten des Libanon gekürt worden. Die Wut seiner Anhänger war grenzenlos.

Zwei Tage später marschierten phalangistische Milizionäre unter den Augen ihrer israelischen Verbündeten in das Palästinenser-Lager von Sabra und Schatila ein und begannen ein Massaker an jenen Zivilisten, die nach dem Exodus der PLO aus Beirut dort noch verblieben waren.

Ari Folman gehörte als gewöhnlicher Rekrut zu den israelischen Soldaten. Nachts sorgte seine Einheit mit Lichtraketen dafür, dass die Killer ihre Arbeit tun konnten. «Wir waren wirklich ahnungslos, was da passierte, bis es vorbei war» sagt Folman, der mit seinem Kurzhaarschnitt und dem akkurat getrimmten Bart seiner Filmfigur in «Waltz with Bashir» gleicht.

Folman verdrängte zuerst einmal die Erinnerungen an das Massaker und seine Armeezeit und machte eine Regiekarriere im Kino und Fernsehen. Doch kein Ereignis war in Israel so präsent wie das Massaker von Sabra und Schatila: 300’000 Demonstranten forderten noch im September 1982 den Rücktritt des Verteidigungsministers Ariel Scharon. Bücher, Dokumentationen und eine Untersuchungskommission arbeiteten danach den Weg zum Massaker auf.

Diese Geschichte sogar als Animationsfilm zu erzählen, erfordert eine gewissen Irrsinn. Er interviewte Freunde, ehemalige Kameraden, Psychologen und folgt ihnen nun in die Welt, die sich in diesen animierten Gesprächen öffnete. Die Ästhetik der halb realen Bilder, die von einem Augenblick zum nächsten ihre düsteren Fantasieblüten in jede Richtung treiben können, ist gelinde ausgedrückt einmalig in diesem Filmgenre.

«Waltz with Bashir» ist eine aus streng subjektiven Perspektiven komponierte, zugleich kaleidoskopische Erzählung, die sich bruchlos zwischen Realitätsebene und verdrängter Erinnerungswelt bewegt, zwischen Träumen und Traumata, ein Kriegsfilm, in dem der Feind kaum je sichtbar wird. Erst in den überraschenden Schlussszenen durchbricht Folman das Animationskonzept, das den Horror zuvor doch immer auch zähmte, wenn er dokumentarische Aufnahmen der realen Opfer des Massakers zeigt.

Dann bleiben dem Rezensenten in der Kino-Erinnerung die Worte im Munde stecken.

Von Ottokar Schnepf


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