Artikel vom 24.11.2008

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Elsass - Allgemeines

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«Bienvenue aux Saint-Cyriens!»

«Er hat sich für die Freiheit Europas geopfert»: Jean de Loisy’s Opfertod am 23. November 1944 in Mulhouse ist nach 64 Jahren immer noch denkwürdig

Von Juerg-Peter Lienhard



Die Saint-Cyriens vor dem frisch restaurierten Gedenk- und Gefallenenmal «Jean de Loisy» in Rosenau, wo der Saint-Cyrien-Offizier mit seinem Panzer als erster der Befreiungsarmee an den Rhein gelangte. Alle Fotos (mit Ausnahme der historischen Schwarzweiss-Bilder): J.-P. Lienhard, Basel © 2008


Die 194. Klasse 2007–2009 der Militärakademie Saint-Cyr Coëtquidan, Frankreichs Elite-Offiziersschule, hat als Namen ihres Jahrgangs «Jean de Loisy» gewählt und hat am Wochenende vom 22./23. November 2008 im Sundgau und in Mulhouse mit spektakulären Paraden in traditioneller Garde-Uniform dem Opfer des Panzer-Lieutenants Jean de Loisy und den Ermordeten und Gefallenen unter dem Nazi-Regime im Elsass gedacht.



Kranzniederlegung mit elsässischen und Rosenauer Behörden sowie den Hauptleuten der Promotions-Klasse «Jean de Loisy». Foto J.-P. Lienhard, Basel © 2008

• Mit grosser Fotoreportage am Schluss.

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Wenn ich der Berichterstattung über diesen Anlass das Schlusswort des Bürgermeisters von Rosenau, Thierry Litzler, voranstelle, dann sagt es mehr aus über den tieferen Sinn der Gedenkfeier: In Rosenau, wo Leutnant Jean de Loisy als erster der unter General Jean de Lattre de Tassigny’s 1. französischen Armee in seinem Panzer den Rhein erreichte, sei gewissermassen das Fundament des heutigen, freien Europas gelegt worden. Zur Feier eingeladen waren denn auch die Behördenvertreter der Nachbarorte vom gegenüberliegenden deutschen Rhein-Ufer Istein und Weil am Rhein.

Der Vorstoss zum Rhein war nämlich ein wichtiger psychologischer und taktischer Abschnitt bei der Befreiung des Elsass und der Vernichtung des faschistischen Deutschlands. Und obendrein ein Geniestreich des Generals de Lattre de Tassigny, der auf seinem Vormarsch zur Befreiung des Elsass dieselbe Strategie anwendete wie die Nazis, als sie die Maginot-Befestigungen am Rhein durch den Überfall auf die neutralen Länder Belgien, Luxemburg und Holland «von hinten» einnahmen. Die Deutschen erwarteten den Einfall der Franzosen von Westen von den Vogesen, aber de Lattre de Tassigny stiess - diesmal in französischer «Blitzkrieg»-Taktik - von Süden, vom südlichen Sundgau ins Elsass und zum Rhein vor.



General Jean de Lattre de Tassigny, Befreier des Elsass. Hier bei der Siegesfeier der Alliierten in Berlin (Ausschnitt). Foto Wiki.


Seine Truppen erhielten ausgerechnet aus der Schweiz den notwendigen Zustupf von frischen, hochmotivierten Kämpfern, wie der französische Oberst Michel Buecher in seinem soeben herausgekommenen Buch «Le devoir de mémoire» («Die Pflicht zur Erinnerung») zur Befreiung des Sundgaus und der auftraggebenden Gemeinde Wollschwiler enthüllt. So flohen Hunderte von jungen Sundgau-Elsässern zu Beginn der Nazi-Besetzung und später, als der Kriegsdruck auf Deutschland zunahm und auch Minderjährige den Stellungsbrief für die bedrängten Fronten in Ost und West erhielten, über die grüne Grenze des Juras in die Schweiz, wo die meisten in Internierungslagern, zumal bei Büren an der Aare, untergebracht wurden.

Anders als Internierte anderer Staaten, wurden die über 2000 französischen beim Vorrücken de Lattre de Tassigny’s im September 1944 aus der schweizerischen Internierung entlassen und konnten über die jurassische Grenze zur 1. Armee stossen, wo sie in Ornans ausgerüstet und ausgebildet wurden. Eine «krasse Verletzung des Neutralitätsprinzips»? Nein, die Schweiz war gesinnungsmässig nie neutral, und die Entlassung der Elsässer vor Kriegsende geschah mit Billigung des schweizerischen Heerführers, General Henri Guisan.

Dieser Akt der «geheimen Solidarität» mit der französischen Befreiungsarmee kam der Schweiz wenig später sowieso zugute: Auf diplomatischem Weg wurde de Lattre de Tassigny beschieden, dass ein Vorstoss seiner Armee den Rhein hoch zum Bodensee, statt rheinabwärts und -nordwärts, der Schweiz grossen Schaden ersparen könnte, wenn man den beabsichtigten Sprengungen von Rheinübergängen durch die Deutschen zuvorkomme. Der General entsprach dem Wunsch, und Deutschland wurde südostwärts aufgerollt.

Allerdings war die Befreiung des Elsass von empfindlichen Verlusten und grausamen Tragödien begleitet. Eine dieser Tragödien spielte sich in Mulhouse ab, dem nächsten strategischen Ziel nach dem Vorstoss an den Rhein, und betraf den Panzerkommandanten Jean de Loisy. Sein Tod ist um so tragischer, als er vermeidbar gewesen wäre, wie ein angeblicher Augenzeuge behauptete. Des Leutnants Opfer steht daher für viele seiner gefallenen Kameraden, zumal er eine bedeutende Rolle bei der Befreiung gespielt hat.



Porträt von Jean Carrelet de Loisy: Das Abzeichen auf dem Kragenspiegel verrät seine Promotion bei den Saint-Cyriens. Foto Wiki.


Loisy war hochbegabt in Mathematik und in der Kaderschmiede von Saint-Cyr ausgebildet worden, wie ehedem der Held des Ersten Weltkrieges, Marschall Pétain, und der Held des Zweiten, Charles de Gaulle sowie der Kommandant der 1. Armee, Jean de Lattre de Tassigny, wo die beiden Letztgenannten in den zwanziger Jahren auch als Lehrer wirkten. Das besetzte Frankreich war für ihn, den «Mutigen im Feuer», schwer zu ertragen, aber nach England emigrieren, wollte er nicht. Mit einem Wort, er war ein Draufgänger.

Er kämpfte an der Loire, in Dünkirchen wurde er auf der Überfahrt torpediert, in Syrien, Beirut und Algerien leistete er Einsätze, und als die letzte Phase des Krieges eintrat, setzte er Anfang September 1944 von Afrika nach Südfrankreich über. Der Vorstoss der 1. Armee Richtung Norden ging enorm rasch vonstatten, und auch die ersten Etappen zur Befreiung des Elsass kamen trotz heftigem Widerstand der fanatischen Deutschen flott voran.

Der 28-jährige de Loisy war zuletzt Kommandant eines Panzer-Pelotons, das den Vormarsch durch den südlichen Sundgau von Sept, Bisel, Waldighofen, Feldbach, Kappelen, Bartenheim und von da an zum Rhein bei Rosenau in phänomenal kurzer Zeit von gerade mal vier Stunden schaffte, und erst noch mehrere deutsche Fahrzeuge zerstörte und 300 Gefangene machte.



Jean de Loisy ist noch kurz vor seinem Tod in Mulhouse am schwer zerstörten Bahnhof fotografiert worden. Foto Wiki


Am zweiten Tag im Elsass kam es zum Angriff auf Mülhausen. Dem Draufgänger de Loisy wurde der Befehl zur Räumung der Kaserne Levèbvre erteilt, den er unverzüglich mit seinem Peloton ausführen wollte, obwohl Einheimische vor verschanzten Fanatikern warnten. Aber de Loisy rollte mit seinem kleinen Panzer «Austerlitz» schnurstracks in den Innenhof und wurde prompt durch eine Panzerfaust abgeschossen.

Ein in Rosenau wohnhaft gewesener Augenzeuge namens Eugène Thürkauf, will Augenzeuge des Abschusses gewesen sein. Wie mir der inzwischen verstorbene Mann erzählte, der zu Ende des Weltkrieges erst 15 Jahre alt war, hätten sich die minderjährigen Panzerfaust-Schützen kurz darauf kampflos ergeben…

Loisy’s Tod galt von daher als Opfer für die Befreiung des Sundgaus, Mülhausens und des Elsass. In Rosenau, nahe dem Rheinufer, wurde 1968 ein Sherman-Panzer als Gedenkstätte, versehen mit dem Namen Jean de Loisy, aufgestellt. In Mülhausen jener, der tatsächlich von de Loisy geführt und abgeschossen wurde.

Im Jahr 2009 würde sich der Todestag de Loisy’s zum 65. Mal jähren. Aus Tradition gibt sich jeder Jahrgang der Elite-Infanterieschule Saint-Cyr einen Namen - meist den eines ruhmreichen Offiziers. Die 194. Klasse 2007 bis 2009 entschied sich für die Namenswahl für «Lieutenant Jean de Loisy», ehedem auch ein Saint-Cyr-Absolvent. Da die Offiziers-Promotion (in der Schweiz Brevetierung genannt) Ende 2008 anstand und die frischgebackenen Offiziere traditionell den «Wirkungsort» ihres Patrons aufsuchen - eine grosse Ehre für die jeweiligen Orte -, wurde die Würdigung ein Jahr vor dem «runden» Gedenktag vorgezogen.



Jean Carrelet de Loisy's Panzer «Austerlitz». Der Tank ist als Mahnmal in Mulhouse aufgestellt exakt an der Stelle, wo er von den fanatischen Deutschen abgeschossen worden war. Foto 3ème Division Légère Motorisée.


175 frischgebackene Offiziere aus Saint-Cyr Coëtquidan (Bretagne) wurden denn in fünf Autobussen einer Sundgauer Firma am Samstag, 22. und Sonntag, 23. November 2008, auf die Fährte ihres Klassen-Namensgebers durch den Sundgau bis nach Mulhouse eingeladen. Die Angehörigen dieser Offiziersklasse sind alle um 22 Jahre alt, darunter über ein Dutzend Offizierinnen, die jedoch Jupes tragen, anstelle der Hosen bei ihren männlichen Kollegen. Sie kamen alle in der farbenprächtigen, historischen Uniform aus der Zeit Napoleons III., die aus roten Hosen/Jupe mit blauen Nahtstreifen, dunklem Kittel und einem weissen Federbausch auf dem Képi sowie, je nach Grad, gelben oder roten Achselpatten und allerlei goldenem Zierart besteht. Wichtigstes Utensil ist jedoch der Säbel, mit dem sich bei Paraden eindrücklich rasseln lässt…

Die im bischöflichen Kollegium von Zillisheim untergebrachten «Saint-Cyriens» hatten ein ausgesprochen anstrengendes Programm zu bewältigen, das nicht nur ihnen, sondern auch der zuschauenden Bevölkerung an den jeweiligen Stationen durch Schnee und Kälte arg zusetzte. Die Zeremonien an den Gedenkstätten für einheimische Nazi-Ermordete und Kriegs-Gefallene, den «Monuments aux Morts», dauerten stundenlang; die Offiziere mussten dabei mit gezücktem Säbel strammstehen. In Rosenau verlas der Bürgermeister gar eine Dankesadresse an die einheimischen freiwilligen Restauratoren des Panzer-Denkmals im Umfang eines Telefonbuches…

Während diese formellen Aspekte dem Gedenkanspruch eher abträglich waren, kamen an den fünf Parade-Stationen des Sundgaus die lokalen Historiker und verbliebenen hochbetagten Augenzeugen zum Zug. Was die jedoch schilderten, ging unter die Haut, zwang zu ergriffener Ehrfurcht und grösster Dankbarkeit gegenüber den Befreiern, die das Abendland vom Verbrecherregime der Hitler-Schergen und ihren ewigen Herrenmenschen-Mitläufern erlösten. Mit unglaublichen Opfern an Menschen und an Wohnstätten sowie an lebenswichtiger Infrastruktur.



Der Lokal-Chronist von Waldghofen, René Minéry, in der Tracht des elässischen Landmanns. Er war als Halbwüchsiger Augenzeuge der Befreiung seines Heimatdorfes. Foto J.-P. Lienhard, Basel © 2008


René Minéry, der umtriebige Lokalhistoriker mit hochbegabter Tuschfeder, aus der dörfliche Motive seines Heimatortes und des ganzen Sundgaus meisterlich entsprangen, ergriff in Waldighofen nach der Begrüssung des Bürgermeisters Henri Hoff das Wort - angetan in der Sonntagstracht des elsässischen Landmanns und mit dem «Nebelspalter», dem Dreispitzhut auf dem Haupt. Er schilderte die dramatischen Momente des Eintreffens der Befreier und an deren Spitze Lieutenant Jean de Loisy.

Die Bevölkerung Waldighofens war zu diesem Zeitpunkt wegen des Krieges um einen Fünftel geschrumpft. 72 Männer von 17 bis 36 Jahren wurden in die Wehrmacht eingezogen. 54 Personen wurden deportiert oder verhaftet. Darunter die jüngste, Marie-France, die während der Deportation geboren worden ist und nur einen Tag überleben durfte. 50 galten als «Fahnenflüchtige», die sich dem Einzug in die Wehrmacht durch Flucht unter anderem in die Schweiz entzogen.

Zwar kündigten sich die Befreier von Waldighofen am 19. November 1944 durch immer näher kommendes Geschützdonner aus dem hart umkämpften Gebiet um Sept an, doch die Lage im Ort blieb relativ ruhig. Auf einmal sah der jugendliche Minéry, wie die stets überheblich und arrogant auftretenden «Boches» plötzlich feige kleinlaut abhauten, sogar per gestohlenem Velo, aber auch im zivilen Auto. Der Jagdpächter auf dem Hügel, der Waldighofen vom Hundsbachtal abtrennt, begegnete einem grösseren deutschen Panzertrupp im Wald, die ihn nach dem Weg zur nahen (und sicheren…) Schweiz befragten…

Im Dorf hatten die Nazis in der Textilfabrik Lang (heute Gewerbezentrum mit dem historischen Fabrikschlot als Wahrzeichen) ein grosses Warenlager mit gestohlenem Gut aus Südfrankreich und Italien angelegt, was bei den Einheimischen die Befürchtung aufkommen liess, dass das Dorf deswegen von den anrückenden Befreiern durch Bombardements in Mitleidenschaft gezogen würde. Doch die Deutschen hauten rechtzeitig ab. Der minderjährige Minéry stieg danach durch eine Dachluke ein und klaute zwei Schachteln, von denen er vermutete, dass etwas Essbares darin sei - jedoch waren in der einen nur Schnupftabak und in der anderen scheusslich schmeckende Notrationen…

Die Bevölkerung sei dem Leutnant de Loisy ungeheuer dankbar gewesen, weil er das Dorf vor grossen Kollateralschäden bewahren konnte. Eine zivile Tote war jedoch zu beklagen, tragisch umgekommen, durch Panzerfeuer der Befreier: Noch während der Flucht der Deutschen, kam einer ihrer Offiziere auf die verhängnisvolle Idee, seiner Mannschaft den Befehl zu geben, mit Gewehren auf die vorrückenden Panzer zu schiessen. Die Antwort kam prompt, aber hatte ein Drama zur Folge: Eine Mutter von sechs Kindern kam dabei ums Leben; sie war mit zwei der Jüngsten auf den nahen Hügel geflohen, um aus dem Schussfeld zu gelangen. Die beiden Kinder überlebten verletzt; eines davon hatte zeitlebens am schrecklichen Erlebnis zu verdauen.

Beim Rückzugsdebakel der Franzosen zu Kriegsbeginn 1940 hatten sie die Brücke über die Ill in Waldighofen gesprengt. Die Deutschen errichteten daraufhin eine Notbrücke auf Pfählen von mannsdicken Baumstämmen, die sie für höchstens acht Tonnen tragfähig hielten. Die 1. Armee passierte dann aber bei der Befreiung ohne Kenntnis dieser Limite während drei Tagen mit Panzern von über 32 Tonnen und mehr als 1000 anderen Fahrzeugen…



Es waren aber nicht GIs, die den südlichen Teil des Sundgaus befreiten, sondern Angehörige der 1. Armee Frankreichs unter General Jean de Lattre de Tassigny. Immerhin waren auch im Elsass während der Befreiung die Fahrzeuge der GIs omnipräsent. Wie hier am 22. November 2008, wo der Oldtimer-Militärverein als Staffage zur Promotion der Saint-Cyriens im Sundgau mitmachte. Und zwar just unter dem Willkommensplakat für die Saint-Cyriens in Feldbach. Foto J.-P. Lienhard, Basel © 2008


Ergreifend auch die Rede des damals jungen Soldaten Jean-Pierre Spenlé am zweiten Zeremonienort Feldbach, heute betagter Präsident des «Groupe Mobile d’Alsace», der mit elsässischen Résistance-Mitgliedern und den aus der schweizerischen Internierung zusammengesetzten Hilfstruppe, die Tassigny beim Befreiungsvormarsch unterstützten. Der grösste Teil der elsässischen Bevölkerung war insgeheim und mitunter recht aktiv gegen die deutschen Besetzer eingestellt. Trotz höchst brutalem Terror und ständiger Deportation von Angehörigen von «Fahnenflüchtigen» und Widerständlern sowie allzeiter Präsenz der Gestapo. Fast jeder Haushalt hatte irgendwo die Trikolore versteckt unter der Bettwäsche, auf dem Estrich oder sonstwo an einem geheimen Ort.

Anlass für Deportationen in die Konzentrationslager waren selbst banalste «Vergehen». Französisch reden war verboten, und als in Feldbach ein Jugendlicher seinem Kameraden französisch «Merci» und «au revoir» zurief - dummerweise belauscht von einem Gestapo-Spitzel -, wurde er sofort verhaftet und in ein KZ deportiert. «Wir wissen nicht wohin, und wir haben nie mehr von ihm gehört», erinnert sich Spenlé.

Auf den Gedenktafeln der in jedem Ort bestehenden «Monuments aux Morts» sind stets nur die Namen von gefallenen «regulären» Soldaten aufgeführt. Die Namen ziviler von den Nazis ermordeten Menschen oder in KZs Zutodegekommener jeglichen Alters und Geschlechts finden sich vielleicht an Häusern, wo sie wohnten. Die Sundgauer Gemeinde Durmenach ist die erste, die an ihrem «Monument aux Morts» auch die Namen der zivilen Nazi-Terroropfer anbringen wird: Am 8. November 2009.

In seinem Buch schildert Oberst Buecher unzählige Beispiele des Naziterrors, aber auch, wie es «Fahnenflüchtlingen» in der Schweiz erging. Selbst in der Schweiz gab es deutschtümelnde Nazi-Sympathisanten. Eine Bauernfamilie in Buus im Kanton Baselland wird erwähnt, die ihr zur Arbeit zugewiesene Flüchtlinge aus Frankreich miserabel behandelte. Doch das ist einer der wenigen belegten Einzelfälle. Die Mehrheit der Elsässer aus der Grenzgegend jedenfalls erzählen von ihrem Aufenthalt in den Lagern der Internierten und bei den zugewiesenen Arbeitsstätten jedenfalls mit grosser Dankbarkeit. In Buechers Dokumentation schildern viele elsässische Zeitzeugen die Schweiz und ihr General Guisan mit ungeteiltem Respekt für deren Widerstand und Wehrbereitschaft.



Der Sundgauer Colonel Michel Buecher, Verfasser des Buches «Le devoir de mémoire», und profunder Kenner der Befreiungsgeschichte des Sundgaus, bei seiner Ansprache in Waldighofen. Am rechten Bildrand: Jean-Luc Reitzer, Maire von Altkrich. Foto J.-P. Lienhard, Basel © 2008


Die heutigen Diskussionen über die Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg und ihre Immigrationspolitik finden in Buechers Buch keinen Niederschlag, denn die französischen Internierten waren davon kaum betroffen. Hingegen kommen Schilderungen über den Verteidigungswillen der Eidgenossen, zumal ihres Generals, ausführlich und respektvoll, beinahe bewundernd zu Wort. Dies zeigt, wie ennet der Grenze die Haltung der Schweiz gegenüber der Terrorherrschaft der Deutschen ganz anders wahrgenommen wurde und wird. Buecher enthüllt zudem einige brisante und unbekannte Aspekte der schweizerischen Neutralität in bezug zum französischen Drama, auf die wir in einem späteren Artikel ausführlicher zurückkommen werden.

Die Gedenkzeremonien um die Befreiung des Elsass und den Opfertod des Leutnants Jean de Loisy sind für Aussenstehende wie mich ein geschichtliches Lehrbuch und ein Schlüssel zum Verständnis vieler Eigenheiten unserer Nachbarn: Ehre hat dort mit dem Kampf gegen Tod und Entbehrung zu tun, mit Opfer. Nicht umsonst trägt Buchers Buch den Titel «Le devoir de mémoire», was auf Deutsch «Die Pflicht zur Erinnerung» heisst.

Die Pflicht zu Erinnerung ist die Anerkennung der grossen Opfer des französischen Volkes, womit der Weg zu einem friedlichen Europa der Gegenwart freigemacht werden konnte. Die Erinnerung sollte ständig vor Augen halten, dass Demokratie erkämpft werden und ständig gepflegt und geübt werden muss. Nur dann hat jedes Opfer, das der Kampf gegen den Nazi-Terror kostete, einen Sinn, kann das Opfer von Jean de Loisy und Tausenden von Befreiungskämpfern garantieren, dass die Fehler der Vergangenheit in Zukunft vermieden werden.



Die Militär-Akademie Saint Cyr Coëtquidan in der Bretagne. Foto Wiki.


Noch ein Wort zu den Saint-Cyriens

Die Infanterie-Offiziersschule Saint-Cyr Coëtquidan in der Bretagne ist eine der härtesten militärischen Ausbildungsstätten Frankreichs, die von ihren Absolventen nicht nur grossen körperlichen Einsatz, sondern auch intellektuelle und technische Leistungen abverlangt sowie einen gefestigten Charakter. Die Kandidaten für die zweijährige Ausbildung werden gewissermassen «von Hand gesiebt»; nur rund 180 von tausenden werden zugelassen, das «Doktorat» der Akademie zu bestehen.

Die «Promotion» ist aber nicht allein Eintrittsbedingung für die Berufsarmee: Viele sind nach der Schule zu Ingenieuren ausgebildet oder haben Grundlagen für viele technische Berufe erlernt. Manche gehen in die Privatwirtschaft, wo sie begehrte Kaderleute sind, andere dienen dem Staat als technische Funktionäre, werden vielleicht Präfekt oder sonst ein höherer Regierungsbeamter, und nur ein Teil bleibt der Armee treu.

Wichtigster Zusammenhalt der Jahrgänge sind die beeindruckenden Zeremonien für die öffentlichen Anlässe, die grosse Disziplin verlangen, aber auch die Hingabe an den Auftrag stärken und ein besonnenes Selbstbewusstsein der Offiziere in ihre Führungsaufgabe.

Die traditionelle historische Uniform mit dem imposanten Säbel und dem Gänsefedernbausch am Képi, machen jedenfalls ein beindruckendes Bild an Paraden, wie eben im Sundgau, zumal wenn sie noch singend paradieren.

Die Gründung der Infanterie-Akademie geht auf Napoleon zurück. In ihrer über 200-jährigen Geschichte hat sie grosse und berühmte Generäle und Offiziere ausgebildet. Insbesondere jene, die mithalfen, das faschistische Deutschland zu besiegen.


Fotoreportage der Promotion der Saint-Cyriens

Alle Fotos: J.-P. Lienhard, Basel © 2008


Waldighofen/Waldighoffen




Alte Krieger, «anciens combattants», meist hochdekorierte Algerien-Veteranen, warten auf die Ankunft der «Saint-Cyriens» in Waldighofen.




Leider ist das Béret oder das Suppenteller grosse «Béret basque» heutzutage aus der Mode gekommen - nicht weil es die Nazis schon wieder verboten hätten. Dabei ist es so praktisch, denn man kann es über beide Ohren ziehen, so wie es am Besuchstag der Saint-Cyriens vom 22. November 2008 in Waldighofen nötig gewesen wäre…




Die Saint-Cyriens nehmen Aufstellung für die Feier in Waldighofen (franz. Waldighoffen).




Bürgermeister Henri Hoff von Waldighoffen begrüsst die 175-köpfige Klasse der Promovierten «Jean Carrelet de Loisy».




Jean Schmitt, pensionierter Lehrer, weckt Erinnerungen aus seiner Jugend in Waldighofen wach. Links von ihm die Statue der Jeanne d'Arc, die während des Krieges vor den Nazis versteckt, d.h. in der Ill versenkt worden war. Während der vier Jahre unter Wasser hatte die gerüstete Dame kein bisschen Rost angesetzt, obwohl kluge Kunstsachverständige ihr «keinen künstlerischen Wert» attestiert hatten. Dafür hat sie einen geschichtlichen Wert für Waldighoffen und auch einen (ebenfalls rostfreien) Ehrenplatz vor der Mairie erhalten…




Derweil stehen die Saint-Cyriens in malkelloser Haltung mit gezücktem Säbel stramm.




Bleu-blanc-rouge mit Goldkordel…




Blau-Weiss-Rot auch als Kopfschmuck.




Die Waldighofener Drofmusik war stark gefordert - man sieht es an den klammen Fingern der Saxo-Bläserin…




Und auch beim Basshorn-Bläser kamen nicht alle Töne «warm» heraus - Kunststück bei null Grad!



Feldbach



Nach Waldighofen folgte ein harter Einsatz in Feldbach bei Schneegestöber und null Grad: Parade der frischgebackenen Gardeoffiziere.




Einige Vorgesetzte sind Frauen, die mit grossem Feuereifer ihren Dienst tun.




Der Bürgermeister Mülhausens, Jean-Marie Bockel, schreitet die Ehrengarde ab. Noch ist er nicht Minister, wie der Protokollchef verkündete, reklamiert Bockel vor Antritt seiner Ansprache und zum Vergnügen des Publikums. Nächstens aber tritt er das Amt in Paris an.






Colonel Buecher ist in Feldbach Zeremonienmeister und spricht im Schermen, geschützt vor dem Schneegestöber.




Die sorgsam vor der brutalen Gestapo versteckte Trikolore - hier symbolisch - wird mit grosser Ehrfurcht von den jungen Elsässern entgegengenommen, um sie kurz darauf am Fahnenmast hochzuziehen. Dass in Feldbach eine zivile Frau, statt ein Soldat, die Fahne hochgezogen hat, hat symbolische Bedeutung, die nur die Elsässer verstehen können: Bei der Befreiung waren die Männer im Krieg eingezogen, gefallen, im KZ ermordet oder als Zwangsrekrutierte der Deutschen in russischer Gefangenschaft…




Die Trikolore wird links und rechts flankiert von der oberelsässischen Fahne und… der Europa-Fahne.




Von Nahem betrachtet: Verdienstorden eines «Ancien combattant», die er von Algerien und Nordafrika heimbrachte.




Madame Christine de Loisy, die Schwägerin des Helden. Die zahlreiche Familie de Loisy's war eingeladen und kam auch.




Schliesslich ging es zum wohlverdienten Mittagessen in der Festhalle von Feldbach: Choucroute à l'Alsacienne, die Nationalspeise der Elsässer selbstverständlich!


Franken im Hundsbachtal



Frisch gestärkt ging die Zeremonien(tor)tour in Franken weiter.




Die Saint-Cyriens nehmen Aufstellung gegenüber dem Gedenkstein der Ermordeten und Gefallenen in Franken.




Auch in Franken die rührende Zeremonie der Kranzniederlegung. Die Fähnriche neigen dabei die Fahnen als Trauersymbol.




Die farbenprächtigen Uniformen der Demoiselles Officiers geben prächtige Souvenir-Fotos ab. Foto: unbekannter Soldat…




Offenbar ist das «Pfürzi» Vorschrift bei den Damen Offizierinnen…



Seltsam - so schnittig perfekt die frischgebackenen Offiziere paradieren können und gekleidet sind, eine rostige Säbelscheide fällt dem ausgemusterten Schweizer Soldaten natürlich sofort auf! Die entsprechende Bemerkung begründete der Gardeoffizier elegant damit, dass der Säbel eben schon viel durchgemacht habe…


Rosenau



Gespannt warten die Einwohner von Rosenau auf den Beginn der Zeremonie vor dem frisch restaurierten Sherman-Panzer, dem «Monument aux Morts» von Rosenau, der zwar nicht derjenige von Jean de Loisy ist, aber ihm gewidmet.




Dann naht die «Avantgarde», alles bestandene alte Herrschaften.




Und endlich marschieren die frischgebackenen Offiziere, daher…




…singend notabene, ziemlich opernreif…




…und vollmundig - doch immerhin…




…im Takt.




Dann wird Aufstellung bezogen, und der Kommandant prüft kritisch seine Truppe.




Trotz Rollstuhl will sich dieser hochdekorierte Soldat die Teilnahme an der Gedenk- und Promotionsfeier nicht nehmen lassen.




Blick durch die Reihe Gardeoffiziere auf das Panzerdenkmal für Jean de Loisy.




Trotz des Hudelwetters blitzblanke weisse Gamaschen…




Monsignore Vincent Jordy, beigeordneter Bischof von Strassburg, segnet zum Andenken an Jean de Loisy das Memorial (nicht den Panzer!).




Mgr Jordy mitsamt dem ganzen Panzer. Der Bischof hatte zuvor in der Rosenauer Kirche einen neuen Altar geweiht, der Reliquien von Charles de Foucault enthält.




Abschliessender Blick auf die bewegende Feier vor dem Denkmal Jean de Loisy in Rosenau, knapp hundert Meter vom Rheinufer entfernt, wo er an der Spitze der Befreier am 19. November 1944 eintraf.

Fotos und Copyright: J.-P. Lienhard, Basel © 2008






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Von Juerg-Peter Lienhard

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