Artikel vom 03.10.2008

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Ottokars Cinétips

Von Sex im Alter und anderem

Rüstiger Graubart-Charmeur träumt im Film «Leergut» von Jan Sverak von jungen Damen in Strapsen und von anderem mehr

Von Ottokar Schnepf



Von Blondinen mit langen Beinen und Strapsen träumt der alte Beppo am liebsten.


Jenseits der Grenzen der tschechischen Republik ist Jan Sverak kaum bekannt, obwohl er 1997 für seinen Film «Kolya» mit dem Oscar für den besten nicht englischsprachigen Film ausgezeichnet wurde. In seinem Heimatland ist er aber ein gefeierter Filmregisseur. «Vratné Lahve - Leergut», Sveraks neustes Werk, wird dort als der erfolgreichste tschechische Film aller Zeiten gefeiert und hat bis anhin an vier Filmfestivals jeweils den Publikumspreis erhalten.

Im schönen Prag wohnt und lebt Josef «Beppo» Weberknecht mit seiner Frau Eliska. Von Beruf Lehrer sehnt sich der 65-jährige nach der Zeit, als Schüler ihm im Tram den Sitz anboten und noch mit keinen frechen Widerworten während der Schulstunde den Unterricht störten. Entnervt drückt er eines Tages einen nassen Schwamm über dem Kopf eines Schülers aus - und da er nicht garantieren kann, dass ihm das nicht wieder passiert, quittiert er den Lehrerjob.

Vogelfrei fühlt er sich plötzlich voller Energie und will trotz des hohen Alters noch etwas Neues in Angriff nehmen.Zuerst als Velokurier, dann als Angestellter in der Leergutannahme eines Supermarktes. An diesem Arbeitsplatz fühlt sich Beppo pudelwohl; er interessiert sich für das Wohl seiner Mitmenschen, besorgt den Einkauf für eine schrullige Alte und versucht seinen wortkargen Kollegen mit einer Kundin und den glücklosen jungen Mann am Reisswolf mit einer fordernden Geliebten zu verkuppeln. Einen guten Kollegen von der Schule setzt er auf seine sitzengelassene Tochter an und bittet deren treulosen Mann um ärztlichen Rat in einer delikaten Sache, sein Liebesleben betreffend.

Denn Beppo ist alles andere als ein Kostverachter, wenn es um das Leibliche Weibliche geht. Begreiflich, denn mit seiner Eliska feiert er das 40. Jubiläum seiner Ehe, die inzwischen eintönig und routiniert geworden ist.

«Leergut» schliesst nach «Volksschule» (1991) und «Kolya» (1997) Jan Sveraks Trilogie über die Etappen des Lebens ab; sein Vater spielt wieder die Hauptrolle und schrieb das Drehbuch. Ihr Film will die Angst vor dem Alter mindern, zeigt, dass nicht nur Krankheit, Verzicht und Ängste dominieren. Liebevoll flaniert «Leergut» durch einen Mikrokosmos kleiner Leute. Und Josef «Beppo» Weberknecht entwickelt ein Händchen fürs Verkuppeln von Kundinnen und Kollegen. Dabei bleibt der Blick für Details den ganzen Film hindurch offen.

Die Sveraks packen die Gefühle der Beteiligten in viele kleine, aufmerksam beobachtete Szenen. Dabei gelingt es ihnen vorteilhaft, sich in die Herzen des Publikums zu schleichen. Kein Wunder also, hat «Leergut» vier Mal an Festivals den Publikumspreis einheimsen können.

Im Gegensatz zu «Wolke 9», dem deutschen Kinobeitrag über Sex im Alter, verzichtet «Leergut» auf unappetitlich schamlose Sexszenen und zeigt mit anderen Bildern wesentlich reizvoller, dass Sex im Alter kein Tabu sein muss.

Von Ottokar Schnepf


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