Artikel vom 21.09.2008

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J.-P. Lienhards Lupe

Glosse zum kommenden Vortrag der Alliance Française de Bâle vom 25. September 2008 in St-Louis

Sie raubten ihm noch die Unterhose…

Einige ungewöhnliche Gedanken vorab zum Vortrag über Karl der Kühne in St-Louis vom 25. September 2008 (siehe französischer Veranstaltungshinweis am Schluss)

Von Jürg-Peter Lienhard



Es gibt nichts Neues unter der Sonne: Schon Karl der Kühne trug im 15. Jahrhundert spitze Schlappen, so wie die Dandies gegenwärtig. Und «Charles le téméraire» war sowieso ein Dandy, aber ein hochgebildeter und kultivierter dazu…


Ende August 2008 ist im Historischen Museum zu Bern eine grossartige Ausstellung über den Burgunder-Fürsten Karl der Kühne zu Ende gegangen. Wer in der Schweiz zur Schule ging, dem mag noch gut in Erinnerung sein, dass Karl der Kühne aus Schweizer Sicht propagandistisch als Böser Bube gezeichnet wird, dem die wackeren und souverän überlegenen Eidgenossen so richtig die Hosen stramm zogen: «Bei Grandson den Mut, bei Murten das Gut und bei Nancy das Blut». Nur sind solche Bonmots eben auf nationalistischer Sicht oder Mist gewachsen, was eben alles ausblendet, das den weiteren geschichtlichen Zusammenhang ausmacht.



Schöner Plunder, wie die Elässer ohne Skrupel noch heute den Kleidern sagen, trug der Burgunderfürst in der Zeit, als die Eidgenossen schon damals berüchtigt für ihre schäbige Lumpenbekleidung waren… Fotos: Historisches Museum Bern, Bern © 2008

Klar, Karl der Kühne hat aus Leichtsinn und Rechthaberei sein grossartiges Werk aufs Spiel gesetzt und alles verloren und zerstören lassen, was er zuvor aufgebaut. Er war ein eitler Knabe, tatsächlich, und ein grausamer Rabiatnik! Zumal, wenn man ihm in sein luxuriöses Gärtlein trat, wie die Eidgenossen, die ihm einen seiner subalternen Beamten aufs Schafott in Freiburg im Breisgau bringen liessen. Peter von Hagenbach war nicht weniger grausam, als sein Boss im Burgund, aber in den Augen der Eidgenossen ging er doch zu weit. Zumal im Elsass, wo auch die Eidgenossen Verbündete und Besitzungen hatten.

Wer diese Eidgenossen jener Zeit waren und an welcher Noblesse man sie erkennen konnte - nämlich an keiner… -, erfuhr Peter von Hagenbach im Turm von Freiburg, als Freunde von ihm heimlich durch die Gitterstäbe seines Verlieses ihm mitteilten, dass seine Häscher angekommen seien. Der Chronist beschreibt, wie Hagenbach zunächst nicht sonderlich aufgeregt diese Meldung hinnahm, im Bewusstsein nämlich, dass sein Gebieter einer der mächtigsten und reichsten Fürsten in Europa war, eine moderne Armee und einen effizienten Beamtenapparat besass, und er sich daher getrost auf ihn verlassen konnte.

Der Spion konnte jedoch nicht sagen, woher der diskret nächtens hergerittene Büttel kam. Hagenbach drängte auf einen äusserlichen Beschrieb, um einen Anhaltspunkt zu erhalten. Der Spion zählte viele Details auf, die er beobachtet hatte, aber als er die Kleidung als «derb und lumpig» beschrieb, da sei der überhebliche und unzimperliche Hagenbach «totenbleich» geworden, denn da war ihm schlagartig klar geworden, dass es kein Entrinnen mehr gab, und er dem Henker ausgeliefert werde, so wie er zuvor seine Untertanen für noch so geringe Vergehen selber marterte. Die Reiter in den «Lumpenkleidern» konnten niemand anders sein, als eidgenössisch Gesandte…

Welch äusserlicher Gegensatz zwischen Eidgenossen und dem grandiosen Hof des Burgunders. Und welch Gegensatz der Kultur der beiden Gebiete. Auf der einen Seite die noch nicht «vollzählige» Alte Eidgenossenschaft, lauter Berg- und Landkantone mit Vieh- und Alpwirtschaft und ohne jede Kunst und Kultur und mit schäbiger Mode.

Und auf der anderen ein «Reich der Mitte» zwischen Franken und Germanen, das fast von der spanischen Grenze bis weit nach Luxemburg hinaufreichte. Das Klöster von grossem Reichtum, wunderschöne Bauten wie in Beaune besass, wo am Hofe von Karl dem Kühnen gedichtet, gesungen und musiziert wurde, was heute noch zu grossem Staunen Anlass gibt und Wohlklang in Ohr und Herz zu vermitteln vermag.

Von so einem Volk von Kuhhirten liess sich der edle Karl provozieren und schliesslich vernichten. Aus lauter Starrsin und Rechthaberei. Auch Karl wusste, dass sein sulbalterner Beamter Peter von Hagenbach mit seinen Grausamkeiten zu weit ging, aber dass ein fremdes Volk, die Eidgenossen, ihm in seine Souveränität dreinpfuschten, das konnte er doch nur über seine Leiche zulassen…



Hochgebildet, hochkultiviert, aber nicht klug, sondern rabiat. Ein charakterlicher Gegensatz, der ihm das Leben kostete - zuvor schon Hut, Mut und Gut…


Historiker folgen gerne den «historischen Tatsachen», aber zuweilen kokettieren sie gerne auch mit dem Wörtlein «wenn». Und das ist nicht einmal so unzulässig, wie man vielleicht meinen kann, sondern schärft den Blick für Zusammenhänge und die Richtung zur Zukunft, zumal nicht nur Unbedarfte die Historik «nur» als Vergangenheits-Wissenschaft ohne Wert für die Gegenwart und schon gar nicht für die Zukunft halten wollen.

Das Wörtlein «wenn» mit Spekulation gleichzusetzen, mag ja angehen. Aber als Denkmodell ist es interessant: «Wenn» Karl der Kühne nicht so blöd gewesen und gegen die Eidgenossen angetreten wäre… Vielleicht wäre sein Reich, das man gerne auch als europäisches «Reich der Mitte» angesehen hat, möglicherweise der befriedende Riegel zwischen den kulturell ungleichen Reichen der Franken und der Germanen geworden, hätte so «Raum» zwischen diesen «unkompatiblen» Hemisphären schaffen können.

Wer weiss, ob dann je ein Französisch-Deutscher Krieg 1870/71 und «à la suite» ein Erster und Zweiter Weltkrieg vom Zaun gerissen worden? Wer weiss, ob dann die Eigenossenschaft ein Kuhhirtenland geblieben, wo Lesen und Schreiben erst im ausgehenden 19. Jahrhundert obligatorisch wurde, wo noch heute für ein Inseldasein politisiert wird?



Lammfromm wirkt der bleiche «Ritter vom Goldenen Vlies» auf diesem Porträt. Heute würde er allerdings ins Visier von Carla del Ponte genommen: als Kriegsverbrecher.


Gewiss, es sind Spekulationen. Aber Tatsache ist, dass in derselben Zeit, als die Alphirten in dunklen Hütten über offenem Feuer Käse kochten, im Burgund eine Hochkultur herrschte. Wo Baumeister die schönsten sakralen und profanen Bauten mit grösster Ingeniosität errichteten, wo am Hof gedichtet und gesungen wurde, wo die Mode nicht nur reich und teuer war, sondern so ausgefallene Kapriolen machte, wie sie auch noch heute auf den Laufstegen der Metropolen zu sehen sind. Das schönste Stadttor, das Europa erhalten blieb, das Basler Spalentor am Westrand der Stadt, ist nur deshalb so stattlich gebaut worden, weil es zum reichen und kultivierten Burgund gerichtet war, wo die edlen burgundischen Kaufleute und Gebildeten in die damals noch nicht eidgenössische Stadt hineintraten.

Als Karl der Kühne in seiner Eitelkeit sein ganzes Vermögen mit auf die Schlachtfelder nahm, in völliger Unterschätzung der gegnerischen Barbaren, die aus jedem Krieg nur Gewinn zogen, bis heute, da erst wurde er von einer viel grösseren Macht geschlagen, als sich das ein kultivierter Herrscher damals ausdenken konnte: von der materiellen Gier! Blindwütig vor Beutebegehren schlugen die Eidgenossen drauflos - die Kunde des sagenhaften Reichtums der Burgunder drang lange und schnellstens zuvor ins Hirtenland. Als man den toten Karl nach der Schlacht von Nancy auffand, war der nackt ausgezogen, bis auf die Unterhose, obgleich die damals noch gar nicht erfunden worden war. So beutegierig waren die Alpenraufbolde.



Wenn solche Hosenbeine und Gesundheitstramper, bar jeglicher kreativer Eitelkeit, Stadtpräsident Basels werden sollten - was durchaus zu befürchten ist - dann Gnad Gott Basels Kulturträgern! Foto: J.-P. Lienhard, Basel © 2008, aufgenommen am 14. August 2008 im Schauspielhaus Basel an der Kulturdebatte: «Wieviel Kultur braucht Basel».


Der Blick zurück mag immer Spekulationen provozieren. Und das ist ja die eigentliche Aufgabe der Historiker. Allein ein Ereignis oder eine Ereignisreihe zu beschreiben genügt nicht - nie gab es einzelne Ereignisse, die man aus der Zeit, aus der Geografie und Kultur herauslösen könnte. Sondern immer waren sie verknüpft mit einer langen Vorgeschichte und mit einem grossen Umfeld, was wiederum mit langer Vorgeschichte und grossem Umfeld verknüpft war. Der berühmte französische Historiker Le Goff spricht von «périodes à longues durées».

Lesen Sie einmal Carl Jacob Burckhardts dreibändiges Monumentalwerk über Richelieu, worin Burckhardt versucht, akribisch mit der Zeit und der Entwicklungsgeschichte des Kardinals ein Gesamtbild von der Gründung des ersten politisch relevanten französischen Nationalstaates darzustellen: Fast zu jeder Person, die damals auf der Politbühne agierte, musste Burckhardt gewissermassen eine Biographie zusammenstellen, damit der Werdegang und Einfluss sichtbar werden konnte. Viele Biographien überlagerten und überschnitten sich - überhaupt ist keine Geschichte linear, sondern Feldern gleich, die sich mit unendlichen Puzzleteilen vielschichtig überlagern.

Also nicht so, wie wir es in der Schule lernten: 1291, 1356, 1444 etc. Und auch nicht so, wenn man im Zusammenhang mit dem Zweiten Weltkrieg und dem Faschismus «nur» von Hitler redet. Ohne einen überwiegenden Grossteil des deutschen Volkes, ohne die Kapitalisten des Ruhrgebietes, ohne Henry Ford, ja, der «grosse» Automobilbauer, krankhafter Antisemit und Financier Hitlers, wäre «die» Katastrophe nicht über die Menschheit gekommen…

Ein Blick auf die Geschichte Karls des Kühnen und der Burgunderkriege ist ein Blick in die Zukunft. Denn in die Zukunft blicken kann niemand, aber aus der Vergangenheit lernen für die Zukunft, das ist es, was die Geschichte lehrt.

Wenn die Alliance Française de Bâle am Donnerstag, 25. September 2008, zu einem Vortrag ins elsässisch-französische Saint-Louis einlädt, zu einem Vortrag eines franzsösischen Historikers, dann ist das für Eidgenossen mit historischem und politischem Interesse eine Gelegenheit, das Bild der Vergangenheit mit demjenigen der Gegenwart, zur heutigen Schweiz und zu Europa, abzugleichen. Interessant ist es allemal!





L'historien-biographe Jean-Pierre Soisson


Charles le Téméraire
Conférence de Jean-Pierre Soisson
Jeudi, 25 septembre 2005, Hôtel de Ville, St-Louis



af.- L’Alliance Française de Bâle s’intéresse propose régulièrement de redécouvrir les grandes figures de l’histoire française. Après Marie-Antoinette, elle vous invite jeudi 25 septembre à 19h à l’Hôtel de Ville de Saint-Louis (Alsace) à vous pencher sur le destin de Charles le Téméraire, avec une conférence de Jean-Pierre Soisson. Organisée en association avec la Médiathèque Le Parnasse, cette conférence sera occasion de redécouvrir une époque de notre histoire régionale particulièrement haute en couleurs et qui n’a rien perdu de son attrait.

Tout l’été, déjà, les suisses ont été nombreux à se plonger dans les fastes de la Cour de Bourgogne, à la grande exposition sur Charles le Téméraire que présentait le Musée d’Histoire de Berne. Avec le concours du Groeningenmuseum de Bruges, elle sera reprise dans cette ville du 27 mars au 21 juin 2009.

Personnage hors du commun, à la charnière du Moyen Age et de la Renaissance, le dernier duc de Bourgogne (1433-1477) fut l’un des princes les plus riches de son temps. Unique fils légitime du duc de Bourgogne Philippe le Bon et d'Isabelle du Portugal, il disposait d’une armée moderne et d’une administration efficace et voulait construire un grand royaume européen, sa famille ayant déjà, par des stratégies de mariages, étendu sa domination sur les Flandres, le Brabant, les Pays-Bas, le Luxembourg et Bruxelles. Ecrasé par les Confédérés aux batailles de Morat et de Grandson, tué à Nancy, il n’en réussit pas moins à marier sa fille avec le futur Maximilien 1er de Habsbourg, réalisant ainsi son rêve à titre posthume : son arrière petit-fils sera Charles Quint....

Ancien ministre, député de l’Yonne pratiquement sans interruption depuis 1968, membre du conseil régional de Bourgogne, Jean-Pierre Soisson est un passionné d’Histoire et de sa région. Il est l’auteur d’une une biographie très remarquée de Charles le téméraire, parue chez Grasset en 1997 et constamment rééditée, suivie, toujours chez Grasset, d’un « Charles Quint » et de « Marguerite, princesse de Bourgogne ». Son dernier livre, « Paul Bert, l’idéal républicain », vient de paraître aux Editions de Bourgogne.


Entrée libre.



La pochette du livre de J.-P. Soisson sur Charles le téméraire

Von Jürg-Peter Lienhard

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• Mehr zum Thema auf Radio DRS

• Mehr zu den aktuellen Ausstellungen in Bern und Brügge

• «Der Spiegel» über Jean-Pierre Soisson: «Weinseliger Landwirtschaftsminister»

• Lebensdaten Karls des Kühnen


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