Artikel vom 20.09.2008

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Ottokars Cinétips

MIT LESERBRIEF

Lang lebe der RAF-Mythos!!!

Nach den letzten Tagen Hitlers ist man im Deutschen Kino in der bleiernen Zeit und im Herbst der Siebziger Jahre beim Terror der RAF angelangt

Von Ottokar Schnepf



Terrorsymbol Kalaschnikow *) als Logo der RAF und heute zum gewinnbringenden Mode-Accessoire geworden.


Beides hochbrisante Themen, für die der erfolgreiche Produzent Bernd Eichinger schon immer ein goldenes Händchen hatte. Sein Film Der Baader Meinhof Komplex versucht nach dem Motto Business As Usual, sich an die Geschichte der Roten Armee Fraktion anzunähern. Als Drehbuchvorlage diente das akribisch recherchierte Standardwerk zu diesem Thema, das der ehemalige Spiegel-Chefredaktor Stefan Aust 1985 verfasst hat. Die Besetzungsliste zum teuersten Film der deutschen Kinogeschichte liest sich wie ein Who is Who des gegenwärtigen deutschen Films.

Mit Moritz Bleibtreu und Martina Gedeck in den Titelrollen versuchen 50 weitere die von damals im Gedächtnis haftenden Figuren zu verkörpern. Auch dabei ist natürlich unser Bruno Ganz, seit seinem Hitler-Auftritt unverzichtbar im deutschen Kino. Die Regie hat Uli Edel übernommen, der bereits bei Christiane F. - Wir Kinder vom Bahnhof Zoo erfolgreich mit Bernd Eichinger zusammengearbeitet hat. So weit die Fakten zum Film.



Moritz Bleibtreu als Andreas Baader und die in der «Baumbauer-Aera» auch am Theater Basel engagiert gewesene Martina Gedeck als Ulrike Meinhof.


Man muss kein Hellseher sein, um zu erahnen, dass der Film «Der Baader Meinhof Komplex» in erster Linie eine Bestsellerverfilmung und als grosses Geschäft angelegt ist. Denn nicht etwa auf die Teilnehmer der deutschen Terrorismus-Debatte zielt der Film, sondern auf das Action- und Blockbuster-Publikum. «RAF sells», hat der Politikwissenschaftler Wolfgang Kraushaar kürzlich in einem Artikel für die «Welt am Sonntag» konstatiert, und meinte, den vorliegenden Film betreffend, der würde nun «den Abenteuerspielplatz RAF bei Popcorn und Alcopops auskosten».

Doch nicht nur an der Kinokasse wird der Konsumartikel RAF die Geldströme in Bewegung setzen: Die Baader-Meinhof-Marke wird rundum weiterverwertet.

Neben dem Buch, das zum Film wurde, gibt es naturgemäss auch das Buch zum Film, nicht zu vergessen auch zwei Hörbücher. Eine CD rundet das Merchandising-Paket ab: Der Originalsoundtrack zum «Baader Meinhof Komplex».



Das Original: Stefan Baader.


Schon 1998 setzte eine intensive Verarbeitung und Verwurstung auf allen Ebenen ein, nachdem die RAF sich aufgelöst hatte. Es gab T-Shirts mit stilisierten Kalaschnikow-Aufdrucken und dem Slogan «Prada Meinhof», und die inzwischen eingestellte Illustrierte «Max» stellte die Frage: «Ist Terror cool?»

Gleichzeitig gab es eine Welle von RAF-Filmen: 2000 startete «Die Stille nach dem Schuss», es folgten «Die innere Sicherheit», «Black Box BRD», «Starbuck Holger Meins» und «Baader».

Auch die Buchproduktion lieferte Gedrucktes zum Modethema RAF: In seinem Roman «Rosenfest» machte Leander Scholz aus Baader und Ensslin ein märchenhaftes Liebespaar à la Bonnie and Clyde. Wen wundert es also, dass jetzt Baader und Co. im Mainstreamkino angekommen sind und Eichinger den Blockbuster «Der Baader Meinhof Komplex» produzieren konnte.

Lässt sich Zeitgeschichte überhaupt verfilmen? Man kann Geschichten erleben im Film, aber man kann sie nicht verfilmen! Das beweist einmal mehr der «Baader Meinhof Komplex», der auch nicht die Frage aufwirft, was Filme überhaupt bewirken. Dafür erfahren wir: Ob der Desperado im Western die Bank überfällt oder ob ein RAF-Mitglied die Bank überfällt ist kein Unterschied. Das Zeitkolorit ist austauschbar, die einzige Realität sind die klischierten Erzählmuster und Genregesetze.



Das Pendant: Ulrike Meinhof auf dem Buchumschlag (u.a. von Mitautor Stefan Aust.)


«Im Kino sind alle Mittel erlaubt, um die Zuschauer zu interessieren, man darf sie nur nicht langweilen!», diese Feststellung von Jean-Pierre Melville («Le Samourai») hätten sich auch die «Baader Meinhof Komplex»-Macher zu Herzen nehmen sollen. Denn ausser, dass er äusserst penibel und akkurat ist, hat der teuerste deutsche Film aller Zeiten nichts zu bieten.

Die zwischendurch eingeblendeten Original-Aufnahmen aus den TV- und anderen Film-Archiven sollen Realität vermitteln. Da hätte man lieber daraus einen Dokumentarfilm zusammengeschustert oder die Geschichte fiktiv erzählt mit dem Aust-Buch als Grundlage.

Beides wäre ehrlicher gewesen. Doch wichtiger waren anscheinend die korrekte Anzahl der Einschusslöcher, die Explosionen, die im Rücken der Bombenleger hoch gehen, einfach all das, was in einem Hollywood-Actionfilm auch Vorrang hat. Leid tun einen die Schauspieler, sie hätten den Film noch retten können, der einige Male unerwartet zur Ruhe kommt, bevor die Regie dreinpfuscht und die Figuren zu Abziehbilden macht.



Rudi Dutschke (Sebastian Blomberg) vor versammelter Studentenschaft: Ho Ho Hotschi Minh!!!!!!!


Dass man für die RAF-Leader Sympathie aufbringt (das Gegenteil von dem, was die Filmmacher beabsichtigten), dagegen habe ich nichts einzuwenden. Diese hatten doch den Mut aufgebracht, gegen ein System zu protestieren, das den Vietnamkrieg und andere Greueltaten mehr unterstützte. Wenn im Gerichtssaal Moritz Bleibtreu alias Andreas Baader den Richter «Faschistenschwein» betitelt und die anwesenden jugendlichen Zuschauer im Gerichtssaal applaudieren, möchte man gerne mitklatschen.

Was vom «Baader Meinhof Komplex» bleibt: Untergrund-Liebe, Killer-Eliten, RAF-Märtyrer, Strassenmassaker, Revolverschüsse und Leichen. Mehr als Interessierte bereits wussten liefert der Film nicht. Und noch etwas: «Andreas Baader muss ein wahnsinnig charismatischer, charmanter Typ gewesen sein!» - Baader-Darsteller Moritz Bleibtreu in einem Interview…


*) LESERBRIEF AD KALASCHNIKOW

red. webjournal.ch wird stets aufmerksam gelesen. Oft erhält die Reaktionen aus Leserkreisen Reaktionen, die uns wertvolle weiterführende Informationen mitteilen. Lob erhalten wir kaum oder keines. Daraus schliessen wir, dass unsere Artikel beim Leser «gut ankommen»; dass unsere Leser es als selbstverständlich betrachten, dass unsere Artikel und Meinungen fundiert und sauber recherchiert sind.

Wenn sonst wir Leserbriefe bekommen, dann sind es Reaktionen, die uns auf unbeabsichtigte Fehler aufmerksam machen, was trotz aller Sorgfalt beim Redigieren vorkommen kann. Dafür sind wir selbstverständlich sehr dankbar und schätzen es ausserordentlich, wenn sich Leser diese Mühe nehmen, uns darauf aufmerksam zu machen. Wir sind zwar gute Journalisten, aber, wie alle Menschen, eben nicht fehlerfrei.

Zu obigem Artikel von Ottokar Schnepf hat unser Redaktor eine Bildlegende verfasst, die im Zusammenhang mit dem abgebildeten Logo der RAF fehlerhaft ist. Denn die Maschinenpistole im Logo ist nicht eine Kalaschnikow, wie das der Redaktor meinte, aus dem Artikel unseres Film-Journalisten herauszulesen, sondern eine deutsche Polizei- und Zollwaffe. Unser Redaktor verwendet normalerweise scharfe Worte als Waffe, weshalb man ihm dieses Unwissen über Schiesswaffen vielleicht verzeihen mag…

Die Redaktion bedankt sich bei unserem Leser aus dem Berner Oberland, der kaum wenige Minuten nach Aufschaltung des Artikels in den frühen Morgenstunden des Sonntags, 21. September 2008, uns folgenden Leserbrief per Mail zugestellt hat:


Sehr geehrte Damen und Herren,

ich habe gerade auf Ihrer Homepage den Artikel zum Thema "Lang lebe der RAF-Mythos" gelesen und bin direkt am Anfang auf einen Fehler gestossen.

Direkt unter dem Logo der RAF schreiben Sie:

"Terrorsymbol Kalaschnikow als Logo der RAF und gewinnbringendes Mode-Accessoire."

Es handelt sich bei dem Logo der RAF NICHT um eine Kalaschnikow. Sondern um eine "Heckler & Koch MP5" ohne Schalldämpfer.

In Deutschland wird die MP5 bei allen Polizeieinheiten und dem Zoll eingesetzt. Sie löste ab 1966 die Beretta 38/49 oder die Walther MPL ab.

Da die RAF unter anderem auch gegen die Deutsche Polizei kämpfte nutzten sie warscheinlich die HK MP5 in Ihrem Logo um zu zeigen, wen sie bekämpft.

Mit freundlichen Grüssen aus dem Berner Oberland

Von Ottokar Schnepf


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