Artikel vom 06.09.2008

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Am 28. August 2008 in der NZZ erschienen

Das Elsass von der Rückseite

Die Spurensuche ausserhalb der Vorzeigeorte ist voller Überraschungen

Von Redaktion



Detail im Garten des Parc de Wesserling: Mit Lebensmittelfarbe kolorierte Holzspäne kontrastieren mit dem Weiss der Blüten. Foto: J.-P. Lienhard, Basel © 2008


Im Elsässer Parc de Wesserling stösst man auf die Wiege der Basler Industrie, und in den Hochvogesen gibt es ein Wandergebiet mit rustikalen Alpwirtschaften zu entdecken.

-- Von Jürg-Peter Lienhard --

Bald wird man mit dem «Tram-Train» zum Parc de Wesserling fahren können. Denn heuer wird die alte Eisenbahnstrecke Mülhausen-Kruth elektrifiziert und dann an den Takt der internationalen Linie Strassburg-Basel angepasst. Der Parc de Wesserling ist ein noch recht wenig bekanntes Ausflugsziel in den südlichen Vogesen und eignet sich sogar für eine Tagesreise ab Zürich. Hier im Tal von Sankt Amarin thront nämlich auf einem Moränenhügel ein kleines Schloss aus dem 17. Jahrhundert. Da drinnen nahm eine faszinierende Geschichte ihren Anfang: Die Herstellung von bedruckten Stoffen, den «Indiennes», die durch Wesserling Weltberühmtheit erlangten.

Früher Anschluss ans Eisenbahnnetz

Das Gelände ist rund 42 Hektaren (oder Fussballfelder) gross, worin verstreut - und um den Schlosshügel herum plaziert - die historischen Fabrikationsgebäude stehen. Sie werden heute teils als Handwerks- oder Gewerbebetriebe genutzt, teils als Markthalle, zumal für Bio-Produkte regionaler Erzeuger, und teils für kulturelle Veranstaltungen.

Das grösste Gebäude mit dem siebenstöckigen Aussichtsturm dient als Textilmuseum. Es erzählt detailliert die Geschichte des Textildrucks und der Mode verflossener Jahrhunderte. Die Entwicklung vom handwerklichen Textildruck bis zum Rotationsdruck, von den Holzstempeln bis zu den Messingrollen, das künstlerische Entwerfen und die heikle Technik des Färbens werden in authentisch gestalteten Atelier-Boxen dargestellt und nach einem saisonal zeitlich variierenden Stundenplan vorgeführt.

Weil die erst im Ausgang des 19. Jahrhunderts in England erfundenen synthetische Farben aus patentrechtlichen Gründen nicht in Frankreich hergestellt werden durften, wurden diese in Basel bei den Verwandten der hugenottenstämmigen Industriegründer in Auftrag gegeben. So entstand in der Stadt am Rheinknie die Farbenchemie, aus der später die Pharmaindustrie hervorging, die Basels heutigen Reichtum begründet. Dieser Umstand erklärt auch, warum Wesserling - weit hinten im Tal von Saint-Amarin gelegen - schon recht früh per Eisenbahn erschlossen wurde.

Das Textilmuseum zeigt nicht nur Verflossenes, sondern bietet jährlich wechselnde Ausstellungen zeitgenössischer Kunst und nimmt damit eine besondere Stellung unter den französischen Museen ein. Während im vergangenen Jahr Schweizer Künstlerinnen Miniatur-Flechtwerke zeigten, sind es heuer fünf isländische Künstlerinnen, die recht ungewohnte Textilkunstwerke präsentieren. Zudem widmet sich eine Einzelausstellung den textilen «Collagen» der russisch-französischen Künstlerin Katherine Roumanoff. Die Bilder aus Stoff wirken motivmässig fast wie russische Ikonen.

Prächtige Gartenanlagen

Nebst der Kunst im Museum gibt es in den Gärten rund um das Schloss während jeder Saison neu eine thematisch gestaltete Freiluftausstellung mit Kunstobjekten. Dieses Jahr heisst das Thema «Jardins rotatifs» und bringt buchstäblich Bewegung in die Gärten.

Der «Parc de Wesserling» lässt sich auch als Tagesausflug besichtigen, zumal wenn man mit der Eisenbahn anreist - respektive in den Sommermonaten 2008 wegen der Bauarbeiten zwangsweise ab Mulhouse in einen Bus einsteigen muss. Plant man einen längeren Aufenthalt, so ist die Gegend ein ideales Reiseziel, das noch nicht von den grossen Touristenströmen erfasst und ausgetreten ist. Das zeigt sich schon daran, dass die Übernachtungsmöglichkeiten dünn gesät sind.

Zum Wandern ist der Vogesenkamm mit dem Grossen Belchen, Hohneck und dem Markstein wärmstens zu empfehlen, wobei sowohl der Bahnhof Husseren-Wesserling wie auch die Endstation Kruth Ausgangspunkt sein können. Der «Club Vosgien» unterhält die Wanderwege vorbildlich; oft findet man komfortable Unterstände fürs Picknick vor, die mit Feuerstelle oder sogar mit einem Ofen ausgerüstet sind. Für Abenteuer suchende Trekker gibt es Massenlager in den typischen «Fermes auberges». Diese Sonderklasse an Alpwirtschaften existiert bloss in den Vogesen: Die Sennen erhalten das Zusatzverdienst ermöglichende Wirtepatent unter der Bedingung, dass sie die Gehöfte auch bewirtschaften.

Weil etliche der «Fermes auberges» keine Zufahrtsstrassen haben, erhält der Gast eben nur das, was die Alp hergibt - und das ist, so einfach es auch immer sein mag, schlichtweg göttlich! Zum Beispiel das Melker-Menu, «le menu marcaire», ein Gericht aus Kartoffeln, roh gebraten und in der Glut warm gehalten, mit eigenem Alp-Rahm frisch zubereitet, «Roigàbràgàlts» genannt und serviert mit Rauchfleisch. Oder die deftige Fleischtorte, «la tourte à l'Alsacienne». Oder der stets reif servierte Rohmilch-Münsterkäse und erst recht der Heidelbeer-Kuchen. Selbstverständlich stets begleitet von einem einheimischen Weissen.

Jürg-Peter Lienhard


Information



Per Auto ab Basel zirka 65 km und werktags knapp 3/4 Std. Fahrzeit: Autobahn A35 Richtung Mulhouse und auf A36, Ausfahrt Thann/Epinal, bis Husseren-Wesserling.


Parc de Wesserling / Musée textile: Gartenanlage täglich offen von 10 bis 18.30 Uhr, Textilmuseum offen 10 bis 18 Uhr, täglich ausser Montag. - F-68470 Husseren-Wesserling, Telefon 0033 389 38 28 08, www.parc-wesserling.fr (mit deutschsprachigem Link), eMail: info(ad)parc-wesserling.fr

Weitere Informationen: Office de Tourisme de Saint-Amarin, F-68550 Saint-Amarin, Telefon 0033 389 82 13 90, www.ot-saint-amarin.com/de (deutsch), eMail: contact(ad)ot-saint-amarin.com.

In den obenstehenden Mail-Adressen ist aus Sicherheitsgründen das historische typographische Kürzel «@» für die lateinische Präposition «ad» ausgeschrieben.

Fahrplan «SNCF ter»: Verwenden Sie den untenstehenden Link zum Fahrplan der französischen Staatsbahnen «SNCF ter». Schreiben Sie als Start-Bahnhof unter «Mon point de départ» genau «BASEL SBB - gare de Basel SBB» oder «ZUERICH HB - Gare de zuerich hb», nachdem Sie die Zeit und das Datum sowie den Zielbahnhof Husseren-Wesserling angegeben haben und klicken auf «Lancer la recherche». Im folgenden Fenster klicken Sie auf den oberen Knopf bei «Vous souhaitez marcher…» und klicken auf «Valider». Daraufhin erhalten Sie eine Auswahl der Abfahrtszeiten mit den unter «Détail» anklickbaren Details. Für die Rückfahrt vertauschen Sie im Anfangsfenster Abfahrts- und Zielbahnhof.


Gut zu wissen

Restaurants: Im Park gibt es mehrere Restaurationsmöglichkeiten: Ein grösseres, neues und populäres Lokal mit sehr günstigen Preisen und Sommerterrasse («La clématite», Spezialität: Wild aus den Jagden der Umgebung), ein eher nobleres («Coté jardin»), ebenfalls mit Sommerterrasse und untergebracht in einer der prächtigen Villen der Textil-Patrons (Spezialität: saisonale Gemüse, zubereitet in kreativen Variationen) sowie die Cafeteria des Museums, wo übrigens das parkeigene Bier mit Kräutern aus dem Schlossgarten ausgeschenkt wird.


Die nachfolgende Fotostrecke aus dem Parc de Wesserling ist nicht im Original-Artikel der NZZ vom 28. August 2008 erschienen. Die oben im Kopf publizierte Foto ist typähnlich mit der von der NZZ verwendeten Illustration und hier aus urheberrechtlichen Gründen mit einer Aufnahme von J.-P. Lienhard, Basel © 2008, ersetzt worden.


Fotostrecke von J.-P. Lienhard, Basel © 2008
aus dem Schlosspark von Wesserling





Symmetrie-Achse im Park mit Blick zum Jagdschloss mit den beiden Mammutbäumen links und rechts davor.




Von den aus Genf stammenden hugenottischen Industriegründern Gros-Roman gepflanzter Mammutbaum.




Das Kind (rechts) bewegt mit dem Getriebe des Velos diese an Eva Aeppli gemahnenden Gesellen im Kunstwerk «Jardins rotatifs» vor dem Jagdschloss. Das Schloss bedarf einer grossen Restauration; mit der Erneuerung des Daches ist das Gebäude voerst gesichert worden. Das Innere wurde nach dem Konkurs von Bussac weitgehend durch Räuber und Vandalen zerstört.



Kunst im Garten - Foto-Impressionen

















Das Textil-Museum



Stoffbahn und Verlauf der Farben im Rollendruck.




Die Wesserlinger Stoffe waren einstmals hochbegehrt von den Königshäusern in Frankreich und England: Kostbarkeiten aus der Kostüm-Ausstellung.




Leichtes Frösteln erzeugen die Kunstwerke der isländischen Künstlerinnen, auch wenn sie warme Textilien als Material verwenden.




Nochmals isländische Kunst, die für den Begriff «dr Fade» (der Faden) steht - der elsässische Ausdruck für alles, was mit Textil zu tun hat.




Die ehemalige Ciba-Geigy hat ihren Ursprung Wesserling zu verdanken und spendete dem Textilmuseum die Restaurierung einer Bändelmaschine.




Museums- und Park-Direktor Eric Jacob mit seiner Rechten Hand, Isabèl Juanes: Das ganze Kreativ-Team ist jung und höchst engagiert.




Das Restaurant «Coté Jardin» in einer ehemaligen Fabrikanten-Villa wird von André geleitet. Hier schenkt er das Rosen-Bier ein, das mit Kräutern aus dem Park hergestellt wird.




Die lauschige Sommerterrasse des Restaurants «Coté Jardin» erlaubt einen wunderschönen Überblick über Park, Tal und Vogesen. Kein Wunder, dass der Abt von Murbach sich in diese Gegend verliebte und 1699 auf dem Moränenhügel sein Lust- und Jagdschloss errichtete, worin schon 1762 die königliche Manufatur für kostbare «Indiennes» ihren Anfang nahm.





Von Redaktion

Für weitere Informationen klicken Sie hier:

• Original-Artikel aus der NZZ vom 28.8.2008 im Format PDF

• Direktlink zum Park von Wesserling (mit deutschsprachigem Link)

• Direktlink zur Tourismus-site St-Amarin deutsch

• Direktlink zum Fahrplan der französischen Bahnen im Elsass


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