Artikel vom 03.08.2008

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Vorsicht Nierenklauzeit…

Wie jeden Sommer watscheln Enten durch die Medien und legen ihre sauren Gurken gar in Bücher von Chef-Anklägerinnen

Von Jürg-Peter Lienhard



Aua - Angriff auf die Saure Gurke!


Wann wurde Ihnen zuletzt eine Niere geklaut - eine von beiden, oder gar beide? Oder haben Sie vielleicht eine heimlich verkauft? An üble Geschäftemacher in Jordanien, die Nieren für 3000 jordanische Dinar an reiche Nieren-Bedürftige in Pakistan oder Ägypten liefern? Wenn Sie auch zu diesen Nierenspendern gehören und diese Zeilen noch lesen können, dann haben Sie Glück gehabt: 35 Spender sind gestorben, meldete der Online-Dienst einer Basler Zeitung am Sonntag, 3. August 2008, einem ruhigen, total ruhigen, schönen, hochsommerlichen Sonntag mitten in der Sauregurkenzeit…

Stellen Sie sich das vor: Im Sommer 1995 habe ich in der Neuen Zürcher Zeitung und im Sankt-Galler-Tagblatt sowie noch in anderen hochangesehenen Schweizer Gazetten einen amüsiert-säuerlichen Bericht über die unausrottbaren Wandersagen vom Nierenklau und anderen schröcklichen Moritaten veröffentlicht. Willkommener Spaltenfüller für die genannten Zeitungen in einer Zeit der Un-Zeit, wo für gewöhnlich alle im hiesigen Strandbad oder auf den fernen Seychellen schmoren und keine tiefschürfenden Artikel Lesen mögen.

Alle darin enthaltenen Geschichten und die Geschichte der Geschichten tauchen aber alle Jahre wieder immer in derselben Zeit erneut auf: In der Sauregurkenzeit. Allerdings haben sie sich etwas anders angezogen, haben vielleicht das Hemd gewechselt, aber nicht das Blut! Blutig sind sie allemal, die Geschichten mit dem Nierenklau, und stets mit derart präzisen Orts- und Personen-Angaben versehen, dass sie stimmen MÜSSEN! Zumal sie von sda und dpa, zwei sakrosankt glaubwürdigen Nachrichten-Quellen, stammen!

Unter flagranter Umgeheung des Copyright-Schutzes biete ich daher unseren bekannt und wohlgelitten kritischen Lesern von webjournal.ch etwas von diesem Sauregurkenzeit-Lesestoff zum Gruseln auf dem Badetuch, indem ich zunächst den vollen Text der genannten Nachrichtenagenturen hier wiedergebe. Allerdings anschliessend gefolgt von meinem vor Jahren archivierten Artikel über Sauregurken und Nierenklau.

Dies mit dem hinterlistigen Zweck, dass unsere trotz sauren Gurkenfallen höchst aufmerksamen Leserinnen und Leser von webjournal.ch sich selbst ein Bild über den spekulativen Wahrheitsgehalt der Nachricht machen können. Ins kriegsversehrte Jordanland anrufen und fragen, ob die Geschichte denn auch wirklich wahr sei, das ist logischerweise höchst umständlich, wenn nicht gar unmöglich, und auf Baseldeutsch allemal! Sowieso, weil solcher Aufwand den Kostenrahmen einer Lokalzeitung bei weitem übersteigt.

Daher bleibt nur: Auf die «Seriosität» der auch «Blick» und «20-Minuten» beliefernden Nachrichtenagenturen sda und dpa zu vertrauen - ebenso blindlings, wie Bundesrat Schmid seinem unappetitlichen Obristen. Garantie für die «Echtheit» der Nachricht sind doch Namen und Ort sowie vor allem der präzise Preis der Nieren! Viel Vergnügen beim Rätseln und Schmunzeln!


Die Nachricht vom Sonntag, 3. August 2008,
von sda und dpa verbreitet, hier zuerst:

«35 Spender für Nieren-Schwarzmarkt in Jordanien gestorben

Amman. sda/dpa. Mindestens 35 Jordanier sind in den letzten drei Jahren an den Folgen illegaler Nierenentnahmen gestorben. Im gleichen Zeitraum seien insgesamt 120 Menschen von Händlern des nahöstlichen Schwarzmarktes für Spendernieren rekrutiert worden.

Dies erklärte Dr. Mohammed Ghneimat, der Präsident der Vereinigung der Nierenpatienten in Jordanien, in der jordanischen Tageszeitung "Al-Rai". Dabei handelte es sich zumeist um verarmte Menschen aus palästinensischen Flüchtlingslagern.

Für die Entnahme einer Niere hätten die illegal angeworbenen Spender 3000 jordanische Dinar (rund 4000 Franken) erhalten. Die Organe wurden an wohlhabende Patienten zumeist in Ägypten und in Pakistan verkauft.

Die Spender wurden ausserhalb Jordaniens "unter irregulären Umständen" operiert, sagte Dr. Ghneimat. Bei vielen von ihnen seien nach dem Eingriff Komplikationen aufgetreten, so dass mindestens 35 von ihnen daran starben.

Inzwischen schritten die jordanischen Behörden ein. Aufgrund der Aussagen von Spendern seien bereits etliche Akteure des Organhändler-Kartells festgenommen worden.»



Und dies der Artikel «Vorsicht Nierenklauzeit», erschienen im Sommer 1995 in den renommiertesten Schweizer Tageszeitungen, hier leicht aktualisiert zur Erhellung des ewigen Themas:


Vorsicht Nierenklauzeit…

-- von Jürg-Peter Lienhard --

Nieren werden geklaut, Flöhe überfallen Ortschaften, Fallschirmspringer lassen Kürbisse in einen Obstsalat vom Himmel fallen. In der Sommerzeit sind die Menschen anfällig für erfundene und erlogene Geschichten. Da heisst es: Obacht Sauregurkenzeit!


Manchmal kann man ein Grinsen echt durchs Telefon hören: Jedenfalls klemmte die Polizeisprecherin die Frage des Journalisten - diese Frage - noch mitten im Satz mit der Gegenfrage ab: «Sauregurkenzeit, was?» Schon wieder hörte sie eine andere Version der Wandersage von der «geklauten Niere» und wundert sich, dass Journalisten jeden Sommer stets Opfer des eigenen Spürsinns in der schrecklich ereignislosen Ferienzeit werden…

Dabei hat diese blutige Sauregurkenzeit-Geschichte schon ein paar stattliche Jährchen auf dem Buckel und ist mindestens ebenfalls ein paar Mal um den Erdball gereist - in allen Sprachen der Kontinente. Die Sage handelt von einer Person, die plötzlich vermisst wird, aber Tage darauf wieder «totenbleich» auftaucht - «Diebes-Chirurgen» haben ihr eine «Niere operativ entfernt», d.h. ein Organ bei lebendigem Leib geklaut. Austauschbar an dieser Lügengeschichte ist das Geschlecht der geschilderten Person, das Alter, die Nationalität und der «Tatort».

Vor allem der «Tatort» wird von den flüsternden Kolporteuren mit raffinierter Genauigkeit oder juristisch präziser, mit qualifizierter Absicht der Kreditschädigung, ausgesucht: Vor zwei Jahren war es ein Gross-Einkaufszentrum vor Zürichs Toren, wo sogar das Fernsehen die «Blutspuren» des jugendlichen Opfers «recherchieren» wollte. Angeblich war das «frischoperierte Kleinkind» nach vollbrachtem Nierenklau vom «Täter im weissen Kittel» sinnigerweise auf einem Matratzenstapel der Möbelabteilung deponiert worden.

Die Leitung des Einkaufscenters hatte jedenfalls ob dieser Lügenpublicity alle Mühe, in Panik versetzten Müttern unter ihren Kunden den mangelnden Wahrheitsgehalt der Schauermär glaubhaft zu machen.

Die Crux ist das «Körnchen Wahrheit»

Denn das ist die Crux bei den Wandersagen, die menschliches Verhalten so typisch schildern, dass sie in einem höheren Sinn Anspruch auf Wahrhaftigkeit haben und ihr Abstreiten buchstäblich «folgerichtig» eine Bestätigung dessen ist: Ist denn da nicht gleichwohl ein Körnchen Wahrheit dabei?

Dies erlebte vor ebenfalls noch nicht allzulanger Zeit ein untadeliger und angesehener Metzgermeister in einem elsässischen Nachbarort Basels, mit vorwiegend Schweizer Kundschaft. Gut 200‘000 französische Franken kostete ihn eine Serie ganzseitiger Anzeigen zur Auffindung der Täterschaft: Die Lügengeschichte über Frau und Hund war so degoutant, dass sie von den Medien zunächst nicht aufgegriffen wurde - doch in der Millionenagglomeration des Dreiländerecks kannte sie gleichwohl blitzartig jeder!

Erst als der verzweifelte Gewerbler, wegen dramatischem Umsatzrückgang in seinen zahlreichen Filialen, sich per Inserat an die Öffentlichkeit wenden musste, bestätigten die Medienrecherchen das Gerücht als infame Verleumdung: Die Familie hatte nie einen Hund besessen… Dabei hatte der Unternehmer noch Glück! Örtliche Politiker, die sich zuvor zur süffisanten «on dit»-Mittäterschaft verleiten liessen, bestellten flugs die Pressefotografen, als sie demonstrativ «wiedergutmachend» zum Einkauf beim solchermassen rufgeschädigten Metzgermeister schritten.

Mafia ist «kaum» interessiert

Kaum jedoch steckt die «Mafia» hinter diesen Lügengeschichten, Wanderlegenden und sauren Gurken, wiewohl diese Annahme in den beiden Fällen naheliegend scheint. Vielmehr entsprechen solche Schreckensmythen dem Bedürfnis nach Sagen und Mysterien, das beim modernen Menschen auch im Zeitalter des Fernsehens stets ungestillt bleibt, respektive geradezu noch gefördert wird, wie Rolf Wilhelm Brednich, Professor für Volkskunde an der Universität Göttingen, in seinen Veröffentlichungen zum Phänomen der Wanderlegenden nachweist.

Bereits hat er drei Bücher mit solch höchst erstaunlichen «Begebenheiten» füllen können, und noch geht ihm der Stoff nicht aus 1)*. Denn das ist ein gemeinsames Merkmal aller modernen Sagen: Ein begabter Erzähler kann sie jederzeit ausschmücken, dem jeweiligen «Kulturhorizont» anpassen, und «auf Reise schicken»: Von Mund zu Mund, von Beiz zu Beiz, in die Ohren von Journalisten und damit in die Medien...

Einzig die eher harmlose Geschichte von der Floh-Invasion im jurassischen Dorf Bonfol verbreitete sich geografisch sehr bescheiden, nämlich nur über die Landesgrenze ins benachbarte französische Städtlein Beaufol: Wegen Ferienabwesenheit der Einwohner sollen die zurückgelassenen Hunde und Katzen die Flöhe in alle Haushaltungen verschleppt haben, wo sie sich während den Sommerwochen rasant und ungehindert vermehrten. Weil die örtliche Drogerie aber infolge unerhörter Nachfrage den Nachschub an Flohpulver nur mit Mühe bewältigen konnte, hätten zahlreiche Familien nach ihrer Rückkehr tagelang unter freiem Himmel nächtigen müssen: Als nämlich der Vorfall ruchbar geworden sei, hätte die ganze Region den «Flohflüchtlingen» kein Obdach bieten wollen...

Stets nach gleichem Muster gestrickt»

Für Professor Brednich bestätigt auch diese Geschichte, dass die Sagen stets nach dem gleichen Schema gedichtet werden. Erstens wird das Geschehnis als unbedingt wahr geschildert. Zweitens werden konkrete Orte, Zeitpunkte und häufig auch Personen genannt, denen das fragliche Unglück widerfahren sein soll. Und drittens verbirgt sich immer eine Moral dahinter: «Misstraue der modernen Technik! Geh‘ nicht fremd! Verlass dich nicht auf andere! Bleib‘ am besten zu Hause!»

Offenbar ist hier ein Repertoire zusammengekommen, das zum kollektiven Erfahrungsschatz des Volkes zählt. Nicht immer, so hat Brednich herausgefunden, sind alle Horrorgeschichten gleichzeitig im Umlauf. Vielmehr kursieren sie in einer Art Wellenbewegung, die zweifellos in der Sauregurkenzeit am wenigsten Widerstand zu fürchten hat.

Was Wunder, dass sich die Legendenforscher unter den Volkskundlern jeweils im Sauregurken-Monat Juli zu ihrem Erfahrungsaustausch in Sheffield treffen? Und dabei selbst für die Verbreitung der wissenschaftlich als Lügenstories erkannten Geschichten sorgen - indem sie nicht nur ein Mitteilungsblatt herausgeben, sondern gar ein Jahrbuch mit den gesammelten Schauermären...

Wanderlegenden «wandern» nicht mehr

Keine Schauermär ist hingegen, dass «Wanderlegenden» heutzutage kaum mehr «wandern», sondern quasi in Echtzeit um den Erdball rasen. Nämlich auf der Daten-Autobahn per Internet, Fax, und x-fach verbreitet via Fotokopierer... Dies belegte ein wissenschaftlicher Test, bei dem US-Kollegen von Brednich ein Schauerstück von Boston aus «auf den Weg» schickten, und zu seinem Erstaunen nur gerade drei Tage brauchte, um in der Ostfriesischen Zeitung - selbstverständlich auf Deutsch übersetzt - abgedruckt zu werden...

Ohne ein Volk, einen Kontinent, von der Anfälligkeit für Lügengeschichten ausnehmen zu wollen, haben die Amerikaner hierin doch einen Vorsprung, was sich beispielsweise in der Beliebtheit von «Readers Digest» und solchen Rubriken wie «Menschen wie Du und ich» manifestiert. Eine spezielle Form der Lügenlegenden ist wiederum in den USA geboren worden, wo in der einsamen «virtuellen Realität» vor dem Bildschirm Ersatz für nicht gelebte Erlebnisse gedichtet wird - «Computer- Viren», die auf der Häme gründen, ganze Kontinente zu ärgern, sind nur ein Beispiel dafür.

Nicht nur einfache Gemüter gefährdet

Anzunehmen, dass nur einfache Gemüter den Lügenlegenden auf den Leim kriechen ist ebenso falsch, wie zu meinen, der mangelnde Wahrheitsgehalt könne bei kritischem Hinterfragen entlarvt werden. Diese irrtümliche Meinung hatte einst Bruno Haldner, der früherer Direktor des Basler Museums für Gestaltung, zum Thema der denkwürdigen Ausstellung «Risiko» gemacht: Im Ausstellungsführer listete er gut hundert Pressemeldungen aus aller Welt aus der Kategorie «faits divers» auf. Jede meldete Unglaubliches. Doch nur ein Dutzend davon waren gefälschte Meldungen, womit der Ausstellungsbesucher angeregt werden sollte, sich des Risikos «Wahrheit» zu vergegenwärtigen.

Zum Beispiel: Ein Fallschirmspringer wurde in Hinkley/Illinois festgenommen, weil er einen Kürbis aus 600 Meter Höhe zur Erde fallen liess. Der Kürbis durchschlug ein zweistöckiges Gebäude vom Dach bis zum ersten Stock, bevor er in der Küche landete, in der die Hausfrau gerade den Nachtisch zubereitete: Obstsalat....

Aber auf Brednichs Hitliste steht die Fama vom Nierenklau immer noch an der obersten Stelle, obwohl er inzwischen nicht nur das Entstehungsjahr 1990, sondern auch gewissermassen die «Adresse» herausgefunden hat: eine Hochzeitsfeier in Niedersachen. Die Geschichte wechselte seither unzählige Male ihren Tatort und ist sogar im Buch der Chef-Anklägerin am Haager Tribunal für Kriegsverbrechen, Carla Da Ponte, aufgetaucht, wodurch die sowieso umstrittene Schweizer Anwältin ihre Glaubwürdigkeit arg strapazierte: Sie unterstellte einer Kriegspartei im Jugoslawien-Krieg, systematisch Organklau an gefangenen Gegnern verübt zu haben, ist aber bislang den Beweis dafür schuldig geblieben.

Man merke sich, dass man offenbar sowieso an keinem Ort der Welt vor den Organdieben sicher ist, oder sagen wir: vor Lügengeschichten. Und die haben in der Hochsommerzeit eben ihre Blütenzeit… im Kosovo, in Den Haag, in Strassburg, in Freiburg, in Basel und in allen vier Himmelsrichtungen...




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Von Jürg-Peter Lienhard

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