Artikel vom 24.07.2008

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Ottokars Cinétips

Kino vom Besten!

Im hohen Alter von 83 Jahren präsentiert uns Altmeister Sidney Lumet ein weiteres Meisterwerk und beweist: Das echte und wahre Kino existiert immer noch!

Von Ottokar Schnepf



Die Brüder Andy und Hank sammeln die Trümmer ihrer Existenz ein - in einem grandios spannenden Kriminalfilm mit hervorragenden Schauspielern: Philip Seymour Hoffman, Ethan Hawke und, einmal mehr ganz grossartig, Albert Finney.


Sidney Lumet, der vor fünfzig Jahren mit seinem Erstling «Twelve Angry Men / Die zwölf Geschworenen» Weltruhm erlangte und danach mit bis jetzt 50 Filmen wie «Dog Day Afternoon», «Network», «The Pawnbroker» weiterhin Filme sowohl für ein grosses wie für ein aufmerksames und kluges Publikum drehte, wartet jetzt als 83-Jähriger mit einem neuen Film auf: «Before the Devil Knows You're Dead» ist nicht etwa eine Komödie, wie der Titel vermuten lässt, sondern ein grandios spannender Kriminalfilm und ein erbarmungsloses Familiendrama, einer der packendsten Filme der letzten Zeit. (Zurzeit im Kino «Eldorado» in Basel)

Old Lady Gina Hanson verkauft seit Jahren Juwelen in ihrem kleinen Laden. Bis eines Morgens ein nervöser Mann hereinkommt, eine Pistole zieht und ihr befiehlt, die Vitrinen zu öffnen. Der Raubüberfall geht schrecklich schief, der Verbrecher stirbt und Mama Hanson liegt im Koma.

Das ist der Ausgangspunkt für den Thriller, in dem Sidney Lumet aus mehreren Perspektiven die Vor- und vor allem die Nachgeschichte dieses Überfalls erzählt. Es ist im Kern eine Familiengeschichte. Der Räuber war ein gedungener Komplize, die Anstifter für den Überfall auf das Geschäft der eigenen Eltern waren die Brüder Andy und Hank Hanson.

Schon nach wenigen weiteren Minuten des Films ist die Situation hoffnungslos verfahren, wird die Sache erst richtig spannend. Die besorgten Söhne haben am Krankenbett der Mutter alle Hände voll zu tun, die Spuren ihrer Mittäterschaft zu beseitigen, und anderes mehr.

In mehrfacher Hinsicht ist dies ein Film über Generationen. Lumet verbindet die Qualität kleiner, dreckiger Gaunerfilme, wie sie in den fünfziger Jahren gemacht wurden, mit den Lebenswelten des modernen, kalten Kapitalismus - und erzeugt auf allen Ebenen gleichermassen Spannung: als Thriller, als Familiendrama, als moralische Fabel, als Gegenwartsdiagnose.

Kein anderer Film passt so genau in die globale Finanzkrise, die hier aus der Perspektive einer brüchigen Mittelklasse erscheint.

Ein durch und durch souveräner Film, handwerklich perfekt inszeniert, lässt er keine Sekunde Langeweile aufkommen. Neben Hoffman und Hawke als Andy und Hank spielt Albert Finney den Patriarchen der Familie, einen unleidlichen Mann, in dessen schlechter Laune und Selbstmitleid sich die Probleme der Söhne zu spiegeln scheinen.

Kino vom besten!

Von Ottokar Schnepf


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