Artikel vom 17.07.2008

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Ottokars Cinétips

Mittelalterliche Killer-Kulisse

«In Bruges»: Ein Muss für eingefleischte Kinofans - zurzeit im «kult.kino atelier» in Basel

Von Ottokar Schnepf



Zwei Profikiller von gegensätzlichem Temperament in einem zwischen Sarkasmus und Melancholie oszillierenden Debütfilm - mit Colin Farrell, Brendan Gleeson und Ralph Fiennes in Hochform


Kennen sie Bruges? Das ist der Ort, wo die Europäische Union ihren Sitz hat, Brügge heisst, aber Brüssel gemeint ist, dem die Engländer Bruges sagen. Was die beiden Engländer Ray und Ken, die eigentlich Iren sind, in eben diesem Bruges zu tun haben, wissen sie selber nicht. Und sie fragen sich, warum ihr Boss, die Londoner Unterweltgrösse Harry, sie ausgerechnet in diese malerisch-mittelalterliche Stadt geschickt hat, die 200 Kilometer Luftlinie von London entfernt liegt. Ist noch zu erwähnen, dass Ray und Ken Profikiller sind.

Wenn Auftragsmörder dem normalen Arbeitstag entrissen werden, birgt das immer die Gefahr, dass sie seelisch aus der Bahn geworfen werden, Gefühle zeigen oder anfangen nachzudenken. Wir kennen das aus Kinoklassikern wie z.B. «The Killers» mit Lee Marvin aus dem Jahr 1964.

Es dauert jedenfalls einige Zeit, bis der Zuschauer im Kinosaal erfährt, das «In Bruges» kein wohlverdienter Urlaub der beiden Protagonisten ist, sondern hier wartet ein neuer Auftrag auf sie, ein ziemlich unangenehmer dazu. Loyalität wird dabei ebenso auf die Probe gestellt wie Freundschaft. Alles läuft aus dem Ruder, so dass sich Boss Harry schliesslich persönlich hinbemühen muss.

Ralph Fiennes spielt ihn, höchst furchteinflössend, als einen Aufsteiger aus der Unterklasse, hin- und hergerissen zwischen harmonischem Familienleben und der Neigung zu derbsten Flüchen.

Ganz gegenwärtig wird schliesslich die Geschichte der Stadt Brüssel. Ray findet bei einem Museumsbesuch überraschend Gefallen an Hieronymus Boschs Gemälde «Das jüngste Gericht», das nicht nur eine Parallele zu seiner eigenen Situation aufweist, sondern auch zu jenem Film-im-Film mit der kruden Story, in dessen Dreharbeiten er gerät.

Regiedebütant Martin McDonagh balanciert zwischen sarkastischem Spiel mit kulturellen Klischees und Melancholie, ohne dabei sentimental zu werden. Vor allem in der Konstellation der Personen sowie deren Handlungsdevise, nach dem der Zweck alle Mittel heilige, ist der eindrucksvoll gespielte Film differenzierter, als der erste Blick vermuten lässt.

Ein Muss für eingefleischte Kinofans.




Colin Farrell am Abzug.


red.- Wussten Sie…

…dass in Basel praktisch alle Filme in der Originalsprache zu hören und zu sehen sind? Ob Chinesisch, Mongolisch, Tadschikisch oder gar Schweizerdeutsch?

Dafür sind alle Filme mit Untertiteln auf Französisch und Deutsch versehen.

Das hat den ungemeinen Vorteil, dass die Kinobesucher die originalen Stimmen der Darsteller und die den Filmen zugrundegelegten Original-Geräusche vernehmen können.

Oder hörten Sie lieber, wie ennet der Grenze üblich, Lee Marvin mit einer französischen Fistelstimme, oder wollen Sie eher anstelle des dunklen Timbres von Henry Miller, wie er in «Reeds» in einem Statement dokumentarisch eingefügt wurde, als sprödes Nordlicht vernehmen?

Was am Fernsehen, d.h. an kleineren Geräten, noch angeht, nämlich die Übersetzungs-Synchronisation von Stimmen anstelle von Untertiteln, braucht im Kino nicht lästig zu sein, denn eine gewisse Distanz zur Leinwand ermöglicht es, Untertitel und Geschehen aufs Mal zur Kenntnis zu nehmen.

Wer nicht lesen kann, geht sowieso in die Ballerstreifen, wo die Dialoge so nebensächlich sind, wie der Inhalt! Aber wer Musikgehör hat, für den sind fremdsprachige Dialoge eben auch Teil des Aufnehmens und Erlebens des Geschehens im Film: So wie ein genialer Schnitzelbank ohne Melodie, ohne Kostüm und ohne Helgen einfach blutleer zu lesen ist…

Von Ottokar Schnepf


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