Artikel vom 11.07.2008

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Ottokars Cinétips

Eifersuchtsdrama «zum Geniessen»…

Sommerzeit - Kinozeit? Ja, dann kommen Filme ins Kino, die man sonst nie zu sehen bekommt - Claude Chabrols «La fille coupée en deux» im Kino «camera» in Basel

Von Ottokar Schnepf



Sex, Eifersucht und pervertierte Unschuld sind die Lieblingsthemen des sarkastischen französischen Altmeisters Claude Chabrol. In seinem jüngsten Werk zeigt sich der 78-Jährige so sadistisch wie schon lange nicht mehr.


Der als Spezialist der psychischen Abgründe bekannte Claude Chabrol widmet sich in «La fille coupée en deux» einmal mehr seinem bevorzugten Umfeld: Der Entlarvung des Bürgertums hinter der sauberen Fassade bürgerlicher Anständigkeit.

Auch das Kriminalistische hat ihn seit jeher interessiert, was ihn in die Nähe seines grossen Vorbilds Alfred Hitchcock bringt, über den er 1955 ein Buch geschrieben hat. Verständlich also, warum bei Chabrol Hitchcock die Folie bildet, die sein Werk prägt.

Doch während bei Hitchcock die Bedrohung immer von aussen kommt, von Spionen, Psychopathen, fremden Mächten, ist bei Chabrol das Böse immer integraler Bestandteil der Gesellschaft, in der die Geschichte spielt. Das Böse ist Teil von uns - und das macht Chabrols Filme um so bedrohlicher.

In bislang etwa 70 Werken ist der ätzende Porträtist der französischen Bourgeoisie seinen cinématografischen Erkundungen treu geblieben - und hat mit viel Spass an der Ironie die so genannt bessere Gesellschaft förmlich auseinandergenommen.

So auch jetzt in seinem neuesten Film, inspiriert von Motiven eines Eifersuchtsdramas, das sich 1906 in New York ereignete. Damals wurde der Stararchitekt Stanford White vom Ehemann seiner Maitresse ermordet. Richard Fleischer verarbeitete 1955 den aufsehenerregenden Fall in «The Girl in the Velvet Swing» zu einer Femme-fatale-Story mit Ray Milland und Joan Collins; Milos Forman streifte ihn in «Ragtime» (1985). Chabrol überträgt ihn ins heutige Lyon und in seinen eigenen Kosmos.

Im weissen Trenchcoat präsentiert die bildhübsche, selbstbewusste und ehrgeizige 25-jährige Gabrielle (Ludivine Sagnier) vor der Kamera des lokalen TV-Senders den Wetterbericht. In einer Buchhandlung - in der Gabrielles kleinbürgerliche Mutter arbeitet - signiert der ortsansässige, berühmte Schriftsteller Charles Saint-Denis (François Berléand) seinen neuesten Roman. Der eitle Narziss und abgründige Libertin trägt fortwährend eine gelangweilte Miene zur Schau, wird allerdings hellwach, als Gabrielle den Laden betritt.

Die verhängnisvolle Affäre der beiden eilt hurtig voran ins Obsessive, und unsere Verblüffung steigert sich mit jeder Wendung. Warum lässt sich Gabrielle überhaupt auf einen Mann ein, der 30 Jahre älter ist als sie?

Noch bevor man eine Antwort gefunden hat, biegt die Story um die nächsten Kurven: Charles will keineswegs seine komfortable ménage à trois mit der duldsamen Ehefrau und der sexy Lektorin Chantal aufgeben. Also heiratet Gabrielle doch den steinreichen Schnösel und Möchtegern-Dandy Paul (Benoït Magimel). Aber sie liebt ihn nicht, und das treibt den Ärmsten in die Raserei.

«La fille coupée en deux» ist nicht etwa eine Altherrenphantasie, sondern die spannendste Variation von Chabrols ewigen Themen: unbeirrbare Konsequenz der Obsession. Die Obsession aber wird dabei nicht romantisiert, der Blick auf den Sex nicht pornographisiert.

Wenn Gabrielle in den mondänen Eros-Club eingeführt wird und Charles sie als Zeremonienmeister der Ausschweifungen an die Hand nimmt, bleibt es bei Andeutungen - und also unserer Imagination überlassen, sich die pikantesten Orgien auszumalen.

So verwickelt uns Chabrol in ein Spiel der Ironisierungen und diagnostiziert die Verwesungserscheinungen einer Gesellschaft, in der sich alles um Berühmtheit und Geld dreht. Wie im richtigen Leben…

Von Ottokar Schnepf


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