Artikel vom 10.07.2008

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Ottokars Cinétips

Emotionale Entblössungen

Steve Buscemis Film «Interview» im Kino «atelier» in Basel

Von Ottokar Schnepf



Geschlechterzweikampf als Kammerspiel zwischen einem arroganten Journalisten und einem blonden, aber trotzdem nicht blöden Fernseh-Starlet.


Der zynische Journalist jenseits der Midlife-Crisis Pierre Peders trifft auf Fernsehstarlet Katya, das seine Tochter sein könnte. Seine Zeitung hat ihn dazu verdonnert, die 20-jährige Serienheldin zu interviewen. Sehr zu seinem masslosen Ärger, deshalb kommt er nicht nur unvorbereitet an das Treffen, er benimmt sich auch flegelhaft.

Was Katya zunächst mit Erstaunen registriert, um ihm dann ordentlich eins auf die Rübe zu geben und das Gespräch abzubrechen. Es wird erst wieder aufgenommen, als er überraschend bei ihr zu Hause im New Yorker Riesenloft landet.

Es folgt, was folgen muss: Mann und Frau verbinden sich für den Zufall eines Abends und spielen ein Spiel von Macht und Verführung, von Intimität und Betrug, von Verlangen und Verrat - ein langer Abend voll emotionaler Entblössungen, überraschenden Vertraulichkeiten und harten Treffern unter der Gürtellinie.

Wir haben es mit der Königsdisziplin in der traditionsreichen Kampfsportart des ewigen Geschlechterkriegs zu tun; dem Kammerspiel eins gegen eins.

Steve Buscemis kultträchtige Glupschaugen assoziiert man zwar eher mit lustvoll-pubertärem Töten bei Tarantino oder Rodriguez als mit Flirt und Verführung, aber schauspielerisch überzeugt er auch als Erwachsener.

Die attraktive Sienna Miller karikiert umgekehrt als kindlich-raffinierte Blondine den Hollywood-Mix aus kumpelhafter Bodenständigkeit und Femme fatale, die dramatische Emotionsausbrüche und kühle Berechnung verbindet.

Buscemis «Interview» ist ein exaktes Remake von Theo van Goghs gleichnamigem Film. Van Gogh (2004 von einem islamischen Extremisten ermordet) hatte ein amerikanisches Remake vor seinem Tod selbst ins Auge gefasst, und die jetzige Version ist sozusagen eine Hommage an ihn, produziert vom Team der Originalversion, mit dem Hauptdarsteller Buscemi als Regisseur.

Gefilmt wurde wie beim Original mit drei Kameras gleichzeitig, was für die Schauspieler lange Sequenzen und eine theaterartige Situation bedeutete und auch dem Endprodukt einen theatralischen Charakter gibt.

Ein mehr TV- denn Kino-gerechtes Interview.



Von Ottokar Schnepf


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