Artikel vom 05.05.2008

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Elsass - Allgemeines

Adieu Lucie!

Mors porta vitae aeternae

Von Jürg-Peter Lienhard



Lucie Metzger † vor ihrem Haus an der Allschwilerstrasse in Hegenheim, 19. April 2007. Foto: J.-P. Lienhard, Basel @ 2008


Für einmal wussten es alle anderen vor mir, denn Lucie selbst konnte mich nicht mehr anrufen: Die Mutter eines Basler Polizisten war es, die mir am Sonntag, 4. Mai 2008, in Village-Neuf einen Ausschnitt aus dem «Baslerstab» zusteckte, womit anonyme Freunde sich von der sagenhaften Wirtin vom ehemaligen «Baslerstab» in Hegenheim verabschiedeten.

Was wird wohl aus dem «Bobbeli», ihrem seltsamen, schmutziggrauen Hündchen, der stets so giftig bellte, dass ich gar nicht gerne zu ihrer Wohnung über ihrer Beiz rauf wollte? Wenn ich von unten rief, oder ihr ein paar Steinchen ans Fenster warf, kam sie jeweils mit dem «elektrischen Stuhl» auf der enorm steilen Treppe heruntergefahren, um mich trotzdem zum Bleiben zu überreden.

Ja, dann musste ich dies und das hören und erfahren, aber sie stimmte ohne Umschweife stets dasselbe Lied und die immer gleiche Strophe an: Dass sie sich NIE hätte einer Bypass-Operation unterziehen sollen - und die wurde doch bald einmal vor 15 Jahren vorgenommen…

Lucie war ein herzlich-unterhaltsamer Mensch, eine richtige «Numéro», eine «Sundgauer Wurzel», aber die grösste Hypochonderin, wie ich so eine Figur bis dahin nur aus entsprechender Literatur kannte. Und Rémy, der in Hegenheim aufgewachsene Arzt aus Arlesheim, der oft bei ihr entweder mit dem Ferrari, dem Porsche oder dem kleinen Renault seiner Frau zum Bierchen-Pläsierchen vorbeigefahren war, erzählte mir, dass sie ALLE Ärzte der ganzen Region, von Saint-Louis bis Arlesheim «abgegrast» habe und dabei eigentlich kerngesund gewesen sei…

Nun ganz so «kergesund» war sie allerdings nicht, denn worunter sie litt, das war eine klassische Alters-Depression, die sie tatsächlich nach der schweren Operation vor rund 15 Jahren zu bemächtigen begann. Vielleicht hatte sie damals den Chirurgen durch anhaltendes Klagen zum Eingriff «verführt», und vielleicht hat sie sich deswegen immer wieder und so anhaltend selbst mit dem Vorwurf drangsaliert, dass sie die Operation nicht hätte ausführen lassen sollen?

Immerhin führte sie ihre Beiz an der Allschwilerstrasse über Jahrzehnte und über Jahrzehnte ohne wirksame Lüftung in der oftmals zum Schneiden dicken Luft, die nicht nur von Zigarettenrauch der heftig paffenden Gäste, sondern auch vom fetten Geruch von Pommes-Frites und Merguez oder Kotelettes her rührte.

Lucie Metzger starb am 15. April 2008. Es hiess, sie sei nach kurzem Spitalaufenthalt «sanft entschlafen». Andere Quellen sagen, sie sei an der Allschwiler Fasnacht, am 3. Februar 2008, «auf einem Waggiswagen» von einer ersten Herzschwäche befallen worden und habe sich seither nicht mehr richtig erholt.

Sie stand im 82. Lebensjahr, war am 2. Februar 1926 geboren worden, am selben Tag und im selben Jahr, wie der frühere französische Staatspräsident Valéry Giscard d‘Estaing, der allerdings damals in Koblenz und nicht in Hegenheim auf die Welt kam. Lucy schrieb ihm jedes Jahr eine Gratulationskorrespondenz, die der Blaublütige, oder dessen Sekretär, immer treulich verdankte. Ausser in diesem Hornung - da hat sie es unterlassen. Sie «mochte» nicht mehr, begründete sie mir.

Und was die Politik angeht, da war die Lucie sowieson rechts beheimatet: Sie war beileibe nicht auf den Kopf gefallen und hatte eine gute Nase, woher der Wind jeweils wehte. Ich habe frühzeitigt bemerkt, dass man sie nicht unterschätzen durfte. Sie hatte nicht nur ein phänomenales Gedächtnis, insbesondere was Namen und Gesichter anging, sondern war eine aufmerksame Zeitungsleserin und eben eine Besitzständerin mit gewitzter Bauernschläue.

Möglich, dass sie das unter den Nazis gelernt hatte, wie viele ihrer elsässischen Altersgenossen auch: Diese inhaltliche Doppeldeutigkeit, die nur die Sundgauer Sprache zulässt, und die nur für die Ohren verständlich ist, für die sie bestimmt ist. Der «Bund Deutscher Mädchen», womit die jungen Elsässerinnen «verdeutscht» werden sollten, hiess nazi-modisch abgekürzt «BMD»; für Lucie wurde der «BMD» zu «Bubi drück mich»; den Code entschlüssle ich aus Obgesagtem eben auch nicht!

Jedenfalls hatte Lucies sundgauische Mischung aus Witz und Ernst gerade rechtzeitig so viel Subtext enthalten, dass er den Klartext antönte, wie man ihn verstehen konnte oder wollte: Sie rettete damit eine vorwitzige Mitschülerin vor dem KZ. Lucies Spruch liess die Dummheit der Nazi-Lehrerin ins Leere laufen, denn was Lucie sagte, war das, was alle dachten. Die ganze Klasse ins KZ, das konnte sich die Nazi doch nicht leisten…

Lucie ist nicht mehr; ich bin traurig, dass mich niemand auf Ihren Hinschied und noch weniger auf die Kremation aufmerksam gemacht hat. Es sollen sehr viele Leute an der Abdankung teilgenommen haben. Und allen ihren Freunden tat es unheimlich weh, dass nicht das von ihr so gerne angestimmte Lied vom «Schacher Seppli» als Abschiedshymne gesungen worden war - gegen ihren stets so geäusserten letzten Willen!

Ich hätte den «Schacher Seppli» angestimmt, zumal sie mir noch im Januar dieses Jahres eine Fotokopie des Textes mitgab, mit der Auflage…




Lucie an ihrem 80. Geburtstag am 2. Februar 2006, bei dem sie gleichzeitig als Wirtin Abschied von ihren Gästen in ihrer Beiz nahm, die ursprünglich «zum Baslerstab» hiess, aber dann auf Wunsch der Klientele in «chez Lucie» umbenannt worden war - und noch heute so heisst. Im Hintergrund die Vorderseite der Fasnachtslaterne des CCB, der Lucie 1996 zu einem Sujet an der Basler Fasnacht machte. Sie trägt einen ihrer «gefürchteten» Tschäpper (frz. Chapeau) und als Unikum auf einer Basler Fasnachtslaterne, eine Blagedde aus Allschwil. Die geschickte Geschäftsfrau suchte Allschwil gerne auf, war dort auch gerne gesehen, und konnte daher in Hegenheim auf eine treue Kundschaft aus der Schweiz zählen… Foto: J.-P. Lienhard, Basel @ 2008




Lucie in der Strassburger Tracht, katholische Ausgabe - dabei war Lucie evangelisch-reformiert. Für ihre meist volkstümlichen Gäste war die «Elefanten-Ohren-Tracht», wie sie Lucie ironisch selbst nannte, einfach «die» Elsässer Tracht, dabei stammt sie aus dem Badischen… Hegenheim hatte aber ihre eigene, wie jedes Dorf im Sundgau auch - und zudem haben die allermeisten Elsässertrachten eine Haube statt eine Schlaufe. Hier hat der Riehemer André Koller soeben ein Trommel-Solo für Lucie's 80. Geburtstag hingefetzt - als Einzelmaske spielte er gleich auch noch das Sujet Lucie aus… Foto: J.-P. Lienhard, Basel @ 2008




Hier singt Lucie, die sich gut mit der Allschwiler katholischen Ordensschwester und Sterbebegleiterin, Sr Bonifaz, verstand (denn auch Bonifaz ist eine «Numéro» und nicht nur deswegen sehr beliebt in Allschwil), das Lied «Dr Schacher Seppli» an… Seltsam ist nur, dass Lucie ihr Lieblingslied nie auswendig konnte, obwohl sie doch ein phänomenales Gedächtnis hatte… Foto: André Koller, Riehen © 2008



Von Jürg-Peter Lienhard

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